«Die Kritiker machen es sich zu einfach»

Gottfried Locher, der höchste Reformierte der Schweiz, hat es bald geschafft: Aus dem Kirchenbund soll eine Bundeskirche werden. Kurz vor dem Ziel gerät er in Bedrängnis.

Gottfried Locher: «Geistliche Leitung hat nichts mit der Macht eines katholischen Bischofs zu tun.»

Gottfried Locher: «Geistliche Leitung hat nichts mit der Macht eines katholischen Bischofs zu tun.» Bild: Adrian Moser

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Herr Locher, am nächsten Sonntag geht es in Schaffhausen um Ihre Wiederwahl als Kirchenbundpräsident. Wie fühlen Sie sich?
Müde, aber ganz zufrieden – die Verfassungsrevision ist bestens unterwegs. Nun stehen die Wahlen an. Ich bin froh, dass sich bald klärt, ob all die gute Arbeit, die wir im Team geleistet haben, so weitergeführt werden kann.

In letzter Zeit haben sich Medienberichte über Sie gehäuft. Kritik wurde geäussert, Ende Mai trat mit Rita Famos eine Gegenkandidatin auf. Was ist da los?
Über die Motivation, die dahinter steht, will ich nicht spekulieren. Lieber möchte ich aufzeigen, wofür ich stehe: für eine reformierte Kirche, die sich auf die Zukunft ausrichtet, die Menschen zusammenbringt und die in unserer Gesellschaft Orientierung geben kann.

Eine Hauptkritik bezieht sich auf eine Passage in einem Buch über Sie von 2014: «Befriedigte Männer sind friedlichere Männer», heisst es da. Pfarrerinnen wie Sibylle Forrer, bekannt vom «Wort zum Sonntag», kritisieren Sie deshalb heftig. Auch der Zürcher Kirchenpräsident Michel Müller sagte in der «Rundschau», es sei Quatsch, was Sie da gesagt hätten.
Die Kritiker machen es sich zu einfach. Wer das ganze Kapitel liest, sieht eindeutig, dass ich das Elend der Prostitution klar benannt und ihr Leid sicher nicht bagatellisiert habe. Es ist falsch, wenn man einzelne Sätze isoliert und dann entstellt. Und es ist wohl kein Zufall, dass das ausgerechnet vor dieser Wahl wieder versucht wird. Meine Aussagen sind vier Jahre alt.

Und doch: Viele Leute haben negativ darauf reagiert.
Ich habe versucht, möglichst genau die Realität zu beschreiben, wie ich sie sehe. Es scheint mir wichtig zu sein, sich auch jenen Realitäten zu stellen, die hässlich sind. Da gelangt man zwangsläufig an Limiten, wo es schwierig wird. Die Alternative wäre, nicht mehr über das Leben zu reden, wie es ist.

Besteht das Problem darin, dass Sie zu wenig erahnen, wie solche Aussagen bei Frauen ankommen können?
Mitnichten. Schon allein meine Familie besteht mehrheitlich aus Frauen. Verschiedene andere haben explizit zugestimmt, auch eine prominente Kirchenpräsidentin. Die Vorstellung, dass es eine einzige «Frauenmeinung» gebe, ist ebenso falsch wie jene, dass es nur eine einzige Männersicht gibt. Wichtig ist doch der Diskurs.

Ebenfalls vor vier Jahren gerieten Sie in die Kritik, weil Sie von der Feminisierung des Pfarrerberufs sprachen. Für jene Aussagen haben Sie sich entschuldigt.
In dieser Kürze war meine Aussage für einige verletzend. Ich habe konstatiert, dass es wie beim Lehrberuf eine Verschiebung gibt von einem rein männlichen Beruf hin zu einem Beruf, den heute mehr Frauen als Männer ergreifen. Ich sage es deutlich: Wir brauchen ein gleichberechtigtes Miteinander von Mann und Frau in der Kirche. In allen Funktionen.

Ist es ein Frauen-Männer-Problem? Die «Neue Zürcher Zeitung» titelte jüngst: «Frauen wollen den höchsten Reformierten stürzen.»
Nein. Die Stimmen, die sich öffentlich gemeldet haben, vertreten keineswegs alle Frauen. Meiner Meinung nach geht es vielmehr um die Frage, was im Mittelpunkt dieser Kirche stehen soll. Und da kann ich nur sagen, was das für mich ist.

Und das wäre?
Es ist die Besinnung auf das Evangelium, und zwar so, dass es bleibt, was es für uns aufgeklärte Menschen ist: eine Provokation. Die Kirche muss sich durchaus der Zeit anpassen und sich so geben, dass sie verstanden wird. Aber bei ihrem Kern, bei dem, was die Kirche zur Kirche macht, kann sie keine Abstriche machen. Der Kern ist der christliche Glaube. Und zu diesem Kern gehören Dinge, die mit der Vernunft nicht erfassbar sind, die eben «intellektuell anstössig» sind. Zum Beispiel die Auferstehung. Zum Beispiel das ewige Leben. Und ganz sicher: Gott.

Was würde Ihrer Meinung nach denn nicht funktionieren?
Sozialarbeit beispielsweise ohne Glaubensbasis können auch andere sehr gut leisten. Dafür brauchte es keine theologischen Fakultäten und keinen teuren Unterhalt von Kirchen mehr. Wollen wir einen echten «Mehrwert» bieten, müssen wir zu unserem Ursprung stehen. Alles, was die Kirche Gutes tun und Hilfreiches sagen kann, hat sie von Christus auf den Weg mitbekommen. Glaubwürdig ist die Kirche, wenn sie das Evangelium verkündigt, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten.

«Eigenverant­wortung ist typisch reformiert. Darum wird auch die neue Kirche strikt subsidiär gegliedert, von unten nach oben.»

Schon vor über zehn Jahren hiess es, Sie wollten den Schweizer Reformierten einen Bischof verpassen. In der neuen Verfassung, um die es in Schaffhausen vor allem geht, gibt es nun diese geistliche Leitung.
Eine geistliche Leitung, wie sie mir vorschwebt, hat nichts mit der Macht eines römisch-katholischen Bischofs zu tun.

Inwiefern nicht?
Echte geistliche Leitung konzentriert keine Macht auf sich. Mir geht es nicht um Zentralismus und Hierarchie. Wer geistlich leitet, sollte selber wenig entscheiden dürfen, sonst ist er oder sie nicht mehr glaubwürdig. Geistliche Leitung soll ermutigen, ermahnen und ermöglichen. Nicht befehlen oder herrschen.

Zentral an der neuen Verfassung ist ja, dass hier eine evangelisch-reformierte Kirche Schweiz entstehen soll. Was genau wird anders sein als heute, was ist der Punkt?
Wirklich wichtig ist, dass 26 Kirchen beschlossen haben, miteinander eine Kirche zu werden. Ebenso wichtig: Die Kirche funktioniert von unten nach oben, von der Gemeinde bis zur Schweizer Synode, gut schweizerisch und gut reformiert.

Verstehen Sie die Angst jener Reformierten, die befürchten, es könnte alles zu zentralistisch und hierarchisch werden und das sei dann nicht mehr mit der reformierten DNA vereinbar?
Diese Angst ist gesund, Eigenverantwortung ist typisch reformiert. Darum wird auch die neue Kirche strikt subsidiär gegliedert, von unten nach oben. Das ist reformierte DNA.

Sie sagten bei anderer Gelegenheit, die Reformierten befänden sich in einer abgrundtiefen Krise. Wie kann denn eine evangelisch-reformierte Kirche Schweiz dieser Krise besser begegnen als der bisherige Kirchenbund?
Gemeinsam können wir die Synergien besser nutzen. Der Austausch zwischen den Kantonalkirchen wird besser. Alle können ihre Stärken einbringen und von den Erfahrungen der andern profitieren. Zusammen können wir Neues entwickeln, von der Flüchtlingsbetreuung bis hin zu kirchlichen Ausbildungen. So muss eine moderne Kirche heute aufgestellt sein.

Passiert das alles denn nicht schon jetzt?
Unsere Kirchen sagen klar, dass sie mehr möchten. Sie möchten, dass das Gemeinsame spürbarer wird, auf allen Ebenen.

Bis hier ging es vorab um Strukturen, wie steht es um die Inhalte?
Es reicht in der Tat nicht, eine moderne Struktur zu haben. Wir müssen auch eine Sprache finden, die in der modernen Zeit verstanden wird. Bald haben wir eine neue Verfassung, und diese wollen wir jetzt mit Leben füllen. Wir wollen eine Kirche, in der sich viele Menschen zu Hause fühlen können und die auch für die Distanzierten attraktiv wird. Wir wollen nicht tatenlos zuschauen, wie jedes Jahr Tausende der Kirche den Rücken kehren. Wir möchten, dass unsere Wertegemeinschaft wieder wächst.

Gottfried Locher, 52, ist seit 2011 Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Damit ist der promovierte Theologe gewissermassen der höchste Protestant im Land. Locher war Pfarrer der Schweizer Kirche in London, später Synodalrat im Kanton Bern. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Er wohnt in Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.06.2018, 10:54 Uhr

Zur Person

Der 52-jährige Gottfried Locher ist seit 2011 Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), des Zusammenschlusses aller evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz. Damit ist der promovierte Theologe gewissermassen der höchste Protestant im Land. Locher war Pfarrer der Schweizer Kirche in London, später Synodalrat im Kanton Bern. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Er wohnt in Bern.

Neue Verfassung

Bisher sind die reformierten Kirchen der Schweiz im Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) lose zusammengefasst. Die SEK-Abgeordnetenversammlung ist das Parlament; sie besteht aus 70 stimmberechtigten Vertretern der Mitgliedkirchen. Das Exekutivorgan ist der siebenköpfige Rat. Präsidiert wird er seit 2011 von Gottfried Locher. Mit der Verfassungsänderung, die ab Sonntag in Schaffhausen beraten wird, sollen die Mitgliedskirchen neu zu einer Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) zusammengefasst werden. Die EKS soll dreigliedrig geleitet werden. Das oberste Organ ist die Synode, also ein Kirchenparlament. Der siebenköpfige Rat bildet die Exekutive. Neu vorgesehen ist das Amt einer Präsidentin oder eines Präsidenten der EKS. Diese Person repräsentiert die Kirche in der Öffentlichkeit und ist – zusammen mit dem Rat und der Synode – um die geistliche Leitung der Kirche besorgt. Diese Person bekleidet eine Doppelfunktion: Sie ist nämlich gleichzeitig Mitglied des Rats und führt dessen Vorsitz. Hier liegt ein Unterschied. Locher ist heute lediglich der Präsident des Rats des SEK, also nicht Kirchenpräsident, da es auf Bundesebene (noch) keine reformierte Kirche gibt. In Kraft treten würde die neue Verfassung der EKS bereits Anfang des nächsten Jahres.

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