«Die Kesb hört betroffene Eltern oft nicht an»

Die Kesb wird immer wieder zur Zielscheibe von Kritik. Vor allem wenn es um die Platzierung von Kindern geht. Anwältin Anna Murphy ist der Ansicht, dass innerhalb der Behörde die Sozialarbeiter, Psychologen und Juristen oft ungenügend zusammenarbeiten.

Klare Worte: Anna Murphy ortet bei den Kesb diverse Mängel.

Klare Worte: Anna Murphy ortet bei den Kesb diverse Mängel. Bild: Andreas Blatter

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Die Kesb steht immer wieder in der Kritik. Welche Erfahrungen machten Sie als Anwältin mit der Kesb?
Anna Murphy: Die Kesb hat eine sehr schwierige Aufgabe. Lässt sie ein Kind bei den Eltern und es ­passiert ihm etwas, dann steht sie sofort in der Kritik. Und jeder definiert das Kindeswohl anders. Trotzdem sind die Entscheide der Kesb im Bereich des Kindesschutzes zum grössten Teil richtig.

Es ist also alles bestens?
Nicht ganz. Bei meiner Tätigkeit stelle ich fest, dass viele Verfahrensfehler passieren. Es kommt sehr häufig vor, dass die Kesb den Betroffenen das rechtliche Gehör nicht gewähren. Das rechtliche Gehör ist als prozessuales Grundrecht enorm wichtig. Die betroffenen Eltern fühlen sich ernst genommen und verstanden, wenn sie ihre Meinung zum Fall und zu jedem entscheidrelevanten Aktenstück äussern können. Es hilft enorm, wenn die Kesb den Eltern zuhören und sich im Entscheid mit ihren Argumenten auseinandersetzen. Auch wenn der Entscheid schliesslich nicht im Sinne der Eltern ist, fühlen sie sich so dennoch ernst ge­nommen. Wird dagegen das rechtliche Gehör nicht gewährt, führt dies zu einer grossen Wut bei den Betroffenen.

Bei der Kesb arbeiten viele Juristen. Wie kann es passieren, dass das rechtliche Gehör nicht gewährt wird?
Das Problem ist, dass bei der Kesb oft die falschen Leute am falschen Ort sind. Beispielsweise führen viele Nichtjuristen die Verfahren allein. Das sind zumeist erfahrene, ältere Sozialarbeiter. Doch diese verfügen nicht über eine Ausbildung in Prozessrecht. Kommt hinzu, dass die Löhne für Juristen bei der Kesb verhältnismässig tief sind. Deshalb sind die entsprechenden Berufsleute in der Regel jung und haben nicht viel Berufser­fahrung. Sie können sich meist nicht gegen die alten Hasen aus dem sozialen Bereich durch­setzen.

Bei der Kesb sind oft die falschen Leute am falschen Ort tätig.Anna Murphy

Ist es jeweils ein Gremium oder eine Einzelperson, welche für die Kesb-Entscheide verantwortlich ist?
In jedem Kanton funktioniert die Kesb etwas anders. Leider hat der Bund nur minimale Vorgaben gemacht. Das Bundesgesetz sieht vor, dass ein Gremium aus mehreren Mitgliedern aus verschiedenen Berufsgruppen des juristischen und des sozialen Bereichs entscheidet. In der Praxis ist bei der Anhörung der Eltern in aller Regel nur das federführende Behördenmitglied anwesend. Die anderen Mitglieder des Gremiums entscheiden über den Entzug des Kindes, ohne dass sie das Kind oder die Eltern kennen. Nicht zuletzt deshalb haben viele Eltern das Gefühl, die Entscheide seien unfair.

Wieso entscheiden denn die nicht federführenden Mitglieder des Entscheidgremiums nur aufgrund von Akten?
Die Kesb-Mitarbeiter müssen sich mit einer grossen Anzahl ­Fälle befassen. Es fehlt an Per­sonal. Entsprechend sind viele von ihnen überarbeitet. Ich glaube kaum, dass die beiden nicht ­federführenden Behördenmitglieder sich überhaupt die Zeit nehmen können, sich seriös in die Fälle einzulesen. Eigentlich braucht die Kesb mehr Personal, aber das kostet halt und ist politisch nicht durchsetzbar.

Die Entscheide stützen sich in aller Regel auf Gutachten, die beurteilen, ob die Eltern in der Lage sind, für das Wohl des Kindes zu sorgen. Wie werden diese Gutachten erstellt?
Der Gutachter spricht meist je eine Stunde mit beiden Eltern­teilen. Danach beobachtet er während 45 Minuten Spielsequenzen mit den Eltern und dem Kind. Zuletzt spricht der Gut­achter mit Lehrern, Verwandten oder Heimmitarbeitern. Gestützt darauf verfasst er das Gutachten. Diese sind dann für die Juristen geradezu sakrosankt, weil sie ohne gute Gründe nicht von der Meinung einer Fachperson abweichen können.

Schwierige Themen: Die Kesb müssen oft einschneidende Entscheide fällen. Entsprechend harsch ist die Kritik. Bild: Keystone

Ein häufiger Kritikpunkt sind die Heimplatzierungen. Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht?
Bei Platzierungen in Heimen kann es in Einzelfällen zu Problemen kommen. Die Eltern haben dann Schwierigkeiten, das Kind wieder aus dem Heim herauszubekommen.

Wieso?
Die meisten Kinder, welche die Kesb in ein Heim schickt, leben in instabilen Familienverhältnissen. Die Kesb argumentiert dann in diesen Einzelfällen oft, dass die Familienverhältnisse noch zu wenig stabil seien. Kommt hinzu, dass Kinder sich in einem Heim verändern. Nach einem Heim­aufenthalt sind sie in der Regel schwieriger zu erziehen. Und wenn bei den Eltern die Erziehungsfähigkeit schon vorher reduziert war, klafft das dann auseinander, und das Kind kann nicht mehr zurückplatziert werden.

Schickt denn die Kesb heute Kinder zu schnell in ein Heim?
Das Gesetz sieht eine Abfolge von Kindesschutzmassnahmen vor. Eines der letzten der vorge­sehenen Mittel ist die Fremd­platzierung in einem Heim. Die Kesb versuchen zum Teil, weniger einschneidende Massnahmen als eine Heimplatzierung zu verfügen.

Es werden immer wieder Fälle bekannt, von Eltern, die eine grosse Wut gegen die Kesb haben. Warum wehren sich diese nicht auf dem Rechtsweg?
Vielen Familien fehlen die finanziellen Mittel, um sich gegen die Entscheide der Kesb zu wehren. Die Bundesverfassung garantiert Mittellosen eigentlich die un­entgeltliche Rechtspflege. Im Gegensatz dazu sieht das kantonalbernische Gesetz vor, dass es in Kesb-Verfahren nur in Ausnahmefällen eine unentgeltliche Rechtspflege gibt. Es wäre hilfreich, wenn das Obergericht als Aufsichtsbehörde in einem Kreisschreiben die Voraussetzungen für die unentgeltliche Rechtspflege regeln würde.

Die Kesb nahmen vor vier Jahren ihren Betrieb auf. Funktioniert das heutige System besser oder schlechter als das frühere, bei dem oft Laienbehörden der Gemeinden die Entscheide gefällt haben?
Viele Anwälte sind enttäuscht darüber, dass die Professionalisierung bis jetzt nicht die gewünschte Verbesserung gebracht hat. Man hat sich zu viel in zu kurzer Zeit erhofft. Aber die Behörde ist noch jung, und man ist auf dem richtigen Weg. Und ganz wichtig: Es ist zu wünschen, dass Juristen, Psychologen und Sozialarbeiter besser zusammenarbeiten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2016, 10:28 Uhr

Zur Person

Die Bernerin Anna Murphy arbeitet seit rund acht Jahren im juristischen Bereich. Im Jahr 2012 erwarb sie das Anwalts­patent des Kantons Bern. Seit einem Jahr ist sie für das Ad­vokaturbüro Bracher und Partner in Bern tätig. Zuvor arbeitete sie in der Zürcher Kanzlei Trachsel Bortolani Partner.

Die 33-jährige Anna Murphy hat sich unter anderem auf das Familienrecht, das Kindes- und Erwachsenenschutzrecht spezialisiert.

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