Die Ignoranz wird nun bestraft

Die Untersuchung zum Fall Adeline lässt über das Versagen der Genfer Behörden keine Zweifel offen. Hierarchien dürfen bei der Aufarbeitung keine Rolle spielen.

«Die Genfer Regierung hat nichts mehr zu verbergen»: Gedenkstätte nach dem Mord an Adeline M. (Archiv)

«Die Genfer Regierung hat nichts mehr zu verbergen»: Gedenkstätte nach dem Mord an Adeline M. (Archiv)

(Bild: Keystone)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Die Genfer Regierung hat nach der Tragödie um die getötete Sozialtherapeutin Adeline M. nichts mehr zu verbergen. Zu schwer wiegen die festgestellten Verfehlungen, die der ehemalige Staatsrat Bernard Ziegler innert kürzester Zeit zusammentrug und heute in seinem Untersuchungsbericht den Medien präsentiert hat. Zieglers Rapport lässt keine Zweifel offen: Fabrice A. hätte das Gefängnis niemals verlassen dürfen.

Stattdessen haben die Verantwortlichen für den Strafvollzug im Fall des zweifach verurteilten Sexualstraftäters sämtliche Alarmzeichen ignoriert. Gutachten aus den Jahren 2002 und 2011 attestierten dem zu 20 Jahren Freiheitsentzug verurteilten Sexualstraftäter eine Rückfallgefahr. Noch im August 2013 soll Fabrice A. auf der Abteilung La Pâquerette des Gefängnisses Champ Dollon eine Sozialtherapeutin angegriffen haben. Dass die Gefängnisleitung nach diesem Vorfall an Fabrice A.s Freigängen festhielt, scheint grobfahrlässig, zumal sie für Ausflüge ohnehin ein externes Gutachten hätte einholen müssen, was sie nicht tat.

Stattdessen durfte Fabrice A. am 12. September mit der 34-jährigen Sozialtherapeutin Adeline zur Reittherapie und während dieses Ausflugs erst noch ein angeblich 20 Zentimeter langes Messer – zur Hufpflege – kaufen. Die Gefängnisdirektorin ist dem Vorwurf ausgesetzt, ihre Kompetenzen massiv überschritten und allenfalls sogar Gesetze verletzt zu haben. Auch die Direktorin der Strafvollzugskommission soll ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben.

Keine Rücksicht auf Hierarchien

«Der Staat hat dabei versagt, seine Mitarbeiter zu schützen», konnte Staatsratspräsident Charles Beer (SP) an der Medienkonferenz nur noch sagen und entschuldigte sich ein weiteres Mal bei der Opferfamilie. Für den Kanton Genf ist die Tragödie damit nicht ausgestanden. Vielmehr hat die schmerzvolle Aufarbeitung erst begonnen. Die Familie wird sich überlegen, den Kanton Genf auf zivilrechtlichem Weg zur Rechenschaft zu ziehen.

Seit heute liegt Zieglers Untersuchungsbericht auch bei der Staatsanwaltschaft. Sie muss nun genau prüfen, ob eine strafrechtlich relevante Verfehlung vorliegt, gegen wen sie allenfalls eine Strafuntersuchung einleitet und Klage erhebt. Auf Hierarchien darf sie keine Rücksicht nehmen.

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