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«Die heutigen Gepäckablagen sind für Reisende nicht erreichbar»

Die Ankündigung der SBB, für auf Sitzen deponierte Gepäckstücke in Zukunft einen Zuschlag zu verlangen, stach in ein Wespennest: Mehr als 250 Leserinnen und Leser diskutieren über Sinn und Unsinn.

Wer ist schuld am Puff? Sind es die SBB selbst mit einem gescheiterten Aufbewahrungskonzept, oder ist es der fehlende Anstand der ÖV-Benutzer?
Wer ist schuld am Puff? Sind es die SBB selbst mit einem gescheiterten Aufbewahrungskonzept, oder ist es der fehlende Anstand der ÖV-Benutzer?
Keystone

Wer in einem Zug einen Sitzplatz mit Gepäck blockiert, soll in Zukunft konsequent gebüsst werden. Diese Ankündigung sorgte für viel Aufsehen. Und zahlreiche Diskussionen. So auch in unserem Forum. Mehr als 250 Leserinnen und Leser äusserten ihre Meinung. Hier eine Auswahl pointierter Beiträge.

«Es fehlt an Erziehung und Anstand»

«Wie konnte es überhaupt so weit kommen?», fragen sich viele Kommentatoren. Die SBB sind selber schuld am Puff, findet Henry Nauder: «Die heutigen Gepäckablagen unter dem Dach sind für die Mehrzahl der Reisenden gar nicht erreichbar. Und Kleider legt kein vernünftiger Mensch auf diese Ablagen: Das Risiko, Tascheninhalte zu verlieren, ist zu gross.» Walter Bossert ortet die Ursache des Problems anderswo: «Jetzt beginnt die Überbevölkerung zu wirken.»

Fred Büchi sucht die Wurzel des Übels ebenfalls in der Gesellschaft: «In diesem Land sind Anstand und Respekt vor anderen an einem historischen Tiefpunkt angelangt.» Und auch Linus Luchs schreibt: «Es fehlt an Erziehung, an Anstand, am Bewusstsein, nicht allein auf der Welt zu sein.» Ins gleiche Horn stösst Peter Kaegi, wenn er findet: «Dieses Verhalten ist ein Abbild der Gesellschaft, von Egoismus und Gier.»

Jan Maurer schliesslich sieht die Ursache in der schweizerischen Mentalität: «Irgendwie typisch für die Schweiz, lieber mit der Faust im Sack im Gang zu stehen, als sich einfach hinzustellen und mit einem höflichen ‹Darf ich?› keinen Zweifel daran zu lassen, dass man sich hinsetzen möchte.»

SBB nehmen sich der «Verschüpften» an

Immerhin würden die Menschen dann wieder mehr miteinander sprechen, findet Fabio Rossi. Thomas Maurer ist ratlos: «Sind die Passagiere denn zu feige, um zu fragen, ob der Platz noch frei ist?» Wenn sie dies nämlich konsequent tun würden, gäbe es laut Stefan Abderhalden keine Probleme: «Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand auf die Frage ‹Ist hier noch frei?› den Platz nicht freigegeben hätte.»

Peter Steiner findet es schön, dass «die SBB sich nun auch der ‹Verschüpften› annehmen, die sich nicht getrauen, jemanden anzusprechen». Matti Hoch schreibt: «Ich gratuliere den SBB, dass sie endlich den Mut haben, die fehlende gute Kinderstube nicht mehr zu tolerieren.» Aber: Kann denn Erziehung Sache der SBB sein? Das fragt sich Ulrich Scheidegger und antwortet gleich selbst: «Nein danke.»

«Früher war alles besser»

David Arunja appelliert darum an die Eigenverantwortung der Zugreisenden: «Es ist doch selbstverständlich, dass in einem voll besetzten Zug die Tasche vom Sitz entfernt wird. Braucht es dafür eine weitere Vorschrift?» Laut Andrej Lützelschwab ist sowieso klar: «Man bezahlt nicht für einen Platz, sondern für den Transport von A nach B. Anspruch auf einen Sitzplatz besteht nicht!» Und Fredy Berger relativiert: «Im Vergleich zu asiatischen Verhältnissen sind unsere Bahnen und Busse noch halb leer!»

Früher jedenfalls, da war alles besser, sagt Markus Weilenmann: «Früher hatte es Holzbänke, die konnte man nicht aufschlitzen. Früher konnte man das Gepäck am Schalter aufgeben, heute hat es bloss einen Billettautomaten. Früher, da hatte es über den Sitzen noch richtig gute Gepäckablagen, heute nur hübsch aussehende Dekobehälter.» Niklaus Zumthür fühlt sich als Autofahrer bestätigt: «Da bleibe ich doch lieber in meinem Auto und belege straflos bis zu fünf Sitzplätze.» Daniel Meier wittert hinter dem Ganzen ein Ablenkungsmanöver der SBB: «Tolle Probleme, die die SBB heraufbeschwören, anstelle sich um die wirklichen Probleme zu kümmern. Viele Züge sind so dreckig, dass ich mich auch auf freie Plätze nicht setzen kann.»

«Das Bahnpersonal tut mir leid»

Dabei ist doch alles nur eine Frage des richtigen Reisens, glaubt Ernst Strickler: «Die meisten haben eben das falsche Gepäckstück. Irgendeinen ‹gstabigen Dudelsack›, den man nicht auf den Boden hinstellen kann.» Yvonne Schindler denkt vor allem an die SBB-Mitarbeitenden: «Mir tut das Bahnpersonal, welches diese neue und absolut unnötige Regel durchsetzen muss, jetzt schon leid.»

Auch Stefanie Buser schaut in die Zukunft und schildert das Szenario, das sich in Schweizer Zügen öfters abspielen könnte: «Ist der Platz neben Ihnen noch frei?» – «Nein, meine Handtasche hat ein GA.» Pepe Blanc fragt sich: «Wenn ich in Zukunft im Zug sitzen möchte, kann mir jemand, der für sein Täschchen ein Billett gekauft hat, dies verweigern und muss ich stehend weiterreisen?» Und Roland Berger denkt noch weiter: «Kann man für eine Tasche auch ein Halbtax oder ein GA kaufen? Dürfen unter 6 Jahre alte Taschen gratis mitfahren?»

Wo bleiben die Werte im öffentlichen Verkehr?

Die Kontroverse um Sinn und Unsinn der geplanten SBB-Vorschriften ist relativ ausgeglichen, Befürworter und Gegner halten sich die Waage. Schnell zeigt sich aber, dass die Frage «Zuschlag: ja oder nein?» nicht das Kernthema zu sein scheint. Vielmehr entbrennt eine Diskussion zu Werten wie Anstand, Höflichkeit und Eigenverantwortung: Wie viel ist davon im öffentlichen Verkehr noch zu spüren?

Nicht unerwähnt bleiben soll die Kreativität jener Leserinnen und Leser, die den SBB zahlreiche Ideen für weitere mögliche Zuschläge liefern. Das letzte Wort hat darum Markus Weilenmann: «Sollte es für Freche etwa einen Frechheitszuschlag geben? Und soll man jenen Zeitgenossen mit ausgeprägtem Körpergeruch mit einer Taxe zu Leibe rücken? Und was ist mit jenen, die ständig lafern?»

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