Die Handschrift verschwindet – und mit ihr ein Teil von uns

Wir schreiben immer weni­ger von Hand und tippen stattdessen auf Tastaturen. In Zukunft werden wir wohl noch weniger schreiben – und stattdessen mehr reden. Was macht das mit uns?

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Mirjam Comtesse

Ein Klassenzimmer in der Stadt Bern. An den Wänden hängen grosse und kleine Buchstaben. «Heute üben wir das Z», sagt der Lehrer. Die Erst- und Zweitklässler holen sich ein vorbereitetes Blatt und nehmen ihre Etuis hervor. Während die Kleineren einfache Z nachmalen und selber zu schreiben versuchen, haben die Grösseren teilweise bereits Silben vor sich: Ze, Zi, Za.

Der Lehrer betont, die Kinder sollen in einem ersten Durchgang versuchen, die Buchstaben möglichst schnell aufs Papier zu setzen. «Es geht darum, dass sie die Buchstaben nicht nur exakt, sondern auch fliessend und mit Schwung schreiben», erklärt er.

Schulkinder lernen heute zwar nach wie vor, wie man Schriftzeichen korrekt darstellt, doch das «Schönschreiben» hat längst ausgedient. Im Kanton Bern wurde das Fach bereits mit dem Lehrplan 95 in den Deutschunterricht integriert. Im Kanton Zürich existierte es laut Volksschulamt gar nie. Es gibt aber von der ersten bis zur sechsten Klasse das umfassendere Fach «Schrift / graphische Gestaltung». Vorbei sind also die Zeiten, als explizit die Handschrift der Schüler benotet wurde, heute beurteilt der Lehrer lediglich die Heftführung allgemein.

Ungeübte Handschrift bremst

In den ehemaligen Schönschreibstunden versuchten jeweils die einen – vorwiegend Buben – mit verkrampften Fingern, Buchstaben mit der richtigen Ober- und Unterlänge in ihr Heft zu kritzeln, während die anderen – vorwiegend Mädchen – scheinbar mühelos die Zeichen in exakten Proportionen in die Häuschen setzten.

Viele Erwachsene erinnern sich mit Schrecken an den Drill des Schreibunterrichts. Vor allem in Deutschland gab es deshalb in den vergangenen Jahrzehnten einen Gegentrend: Die Schüler erhielten grosse Freiheit beim Gestalten der einzelnen Lettern und Ziffern. Mit fatalen Folgen.

Die Einträge in vielen Heften sähen mittlerweile aus wie die sprichwörtlichen Arztrezepte, halten die Lehrerin Maria-Anna Schulze Brüning und der Jour­nalist Stephan Clauss in ihrem gerade erschienenen Buch «Wer nicht schreibt, bleibt dumm» fest. «Immer mehr Kinder können nicht leserlich und oft nur mit grosser Anstrengung schreiben», finden sie.

Das Problem dabei sei nicht nur, dass sogar die Schüler selbst Mühe hätten, ihre Sätze zu ent­ziffern. Viel gravierender sei, dass sie ihre Gedanken nicht fliessend zu Papier bringen könnten, weil «der Akt des Schreibens selbst zu viel Aufmerksamkeit absorbiert». Die Handschrift wirke dadurch als Dauerbremse der Gedanken.

Erwachsene Vorbilder fehlen

In der Schweiz ist die Situation nicht ganz so dramatisch. «Hierzulande pflegen die Schulen die Handschrift», sagt Jürg Brühlmann vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Auch die Einführung der Basisschrift sei ein Bekenntnis dazu: «Die teilverbundene Basisschrift ist einfacher zu erlernen als die Schnürlischrift, und sie eignet sich für den Erwachsenen später besser dazu, eine eigene, persönliche Handschrift zu entwickeln.»

Der Kanton Zürich vermittelt seinen Schülern seit Beginn des aktuellen Schuljahres die Basisschrift, im Kanton Bern steht es den Schulen frei, welche Schrift sie unterrichten, aber hier wird ebenfalls die Basisschrift empfohlen.

Auch Brühlmann stellt allerdings fest, dass die Kinder nicht mehr so geübt sind im Schreiben von Hand. «Sie tun es zu Hause weniger – auch weil die Erwachsenen es ihnen seltener vormachen.» Wieso also nicht ganz darauf verzichten und konsequent auf Computer umsteigen?

Schöne Schrift macht Eindruck

«Das Erlernen der Handschrift ist auch im digitalen Zeitalter unabdingbar», sagt Judith Sägesser Wyss, Dozentin für Psychomotorik und Grafomotorik an der Pädagogischen Hochschule Bern. «Es ist empirisch belegt, dass Schriftzeichen durch das Schreiben von Hand im Gehirn besser abgespeichert werden und dass das Schreiben das Lesenlernen unterstützt.»

Menschen, die nur noch auf Tastaturen tippten, würden zudem allgemein schlechter im Ausführen von Handlungen und Bewegungen mit der Hand. Sie gibt auch zu bedenken, dass das Tastaturschreiben ebenfalls gut aufgebaut und automatisiert werden muss, damit man einen Nutzen daraus ziehen kann.

Bei Kindern und Jugendlichen kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Sie machen sich während der obligatorischen Schulzeit von Hand Notizen, um den gelernten Stoff festzuhalten. «Eine leserliche und geläufige Handschrift ist deshalb nach wie vor notwendig für den schulischen Erfolg», sagt Judith Sägesser Wyss.

Dass die Abschaffung der Handschrift kein Thema ist, zeigt sich auch im Lehrplan 21, der in den Kantonen Bern und Zürich im August 2018 eingeführt werden wird. Dort steht über die zu erlernenden Grundfertigkeiten: «Die Schülerinnen und Schüler können in einer persönlichen Handschrift leserlich und geläufig schreiben und die Tastatur ­geläufig nutzen.» Computer und Stift werden also nicht gegeneinander ausgespielt, sondern als gleichwertig betrachtet.

Sogar Studenten legen weiterhin schriftliche Prüfungen ab – mit dem Kugelschreiber, denn mit einem Computer wäre das ­Risiko zu gross, dass jemand die Resultate heimlich im Internet nachschaut. «Bei unseren Studierenden sehe ich oft vor schriftlichen Prüfungen, wie die jüngeren besonders nervös sind. Die Älteren haben zumeist noch mehr Übung im Schreiben von Hand», sagt Judith Sägesser.

Das verschafft den Trainierteren einen Vorteil: Einerseits können sie mehr Text schreiben und haben am Ende vielleicht sogar noch Zeit für eine Zusammenfassung, andererseits macht die bessere Lesbarkeit in der Regel einen guten Eindruck auf den Korrektor.

Individualität geht verloren

Die Berner Erst- und Zweitklässler sind inzwischen fertig mit ihren Schreibübungen. Sie zeigen dem Lehrer die Resultate. «Ja, das ist gut», sagt er zu den meisten. Nur hier und da rät er, eine vergessene Aufgabe nachzuholen. Danach nehmen die Schüler ihre Hefte hervor und schreiben an einer Geschichte. Stolz präsentieren sie ihre Einträge. In ihrer Schulkarriere dürften sie ­jedoch insgesamt viel weniger von Hand schreiben als frühere Generationen.

Allerdings bewahrt auch ehemals jahrelanges Training nicht davor, dass die Schreibfähigkeit verkümmern kann: Einkaufszettel, Bewerbungen und Notizen an Sitzungen tippen wir immer öfter in Computer und Smartphones. Viele Erwachsene, die wieder einmal einen Kugelschreiber oder vielleicht sogar einen edlen Füllfederhalter hervornehmen, müssen erkennen, dass ihnen die Übung abhandengekommen ist: Die Hand ermüdet schnell, und die Schrift ist in der Regel nicht mehr so leserlich wie früher.

Das könnte man nun zwar als bedauerlich, aber als logische Folge der Digitalisierung abtun. Nur: Die Handschrift ist nicht nur eine Kulturtechnik, sondern auch Ausdruck der Persönlichkeit. Grafologische Gutachten sind deshalb bei der Neubesetzung wichtiger Posten nach wie vor gefragt. Der Zürcher Grafo­loge Urs Imoberdorf sagt, er habe heute zwar weniger Aufträge als noch vor zwanzig Jahren, aber: «Ich arbeite in der Regel weiterhin jeden Tag.»

Er erklärt, wieso eine Handschrift so viel über die Person ­dahinter verrät: «Zum Beispiel sieht man daran, wie jemand das Schreibwerkzeug bewegt – ob schnell, expansiv, intensiv, mit wie viel Druck –, wie stark seine Antriebskraft ist.» Je nachdem, wie jemand die Buchstabenformen schreibe, zeige sich auch ­seine Originalität oder seine Exaktheit.

Imoberdorf meint deshalb: «Der Vorteil des Tastaturschreibens ist die bessere Lesbarkeit, aber mit ihm verschwindet die Unverwechselbarkeit des Indi­viduums.» Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel hat dieses Phänomen in ihrem Buch «Wir verschwinden. Der Mensch im digitalen Zeitalter» beschrieben: «Die Handschrift ist ein ­Ausdruck von Individua­lität unter vielen. Verschwindet sie, verschwindet diese Ausdrucksform.»

Schreiben hilft beim Erinnern

Das Schreiben mit dem Stift hat sogar einen messbaren Zusatznutzen gegenüber dem Tippen aufs iPhone oder das Tablet. Gemäss der Studie «Der Stift ist mächtiger als die Tastatur» der Universität Princeton und der Universität von Kalifornien von 2014 bleiben Studenten, die sich handschriftliche Notizen machen, neue Konzepte eher im Kopf als denen, die auf dem Laptop mitschreiben. Dies gilt aber nur, wenn es um das Erlernen von komplexen Zusammenhängen geht, beim Erinnern von Faktenwissen zeigen sich kaum Unterschiede.

Der Grund für den grösseren Lerneffekt ist, dass die meisten auf der Tastatur schneller schreiben können und deshalb wortwörtlich mittippen. So verar­beiten sie die Informationen ­weniger, als wenn sie sie von Hand aufschreiben würden. Die Professoren schliessen ihre Studie mit den eindringlichen Worten: «Trotz ihrer zunehmenden Beliebtheit könnten Laptops in den Klassenzimmern möglicherweise mehr Schaden anrichten als Gutes tun.»

Fakt ist aber auch: Computer bringen mehr Gerechtigkeit. Wer nur langsam schreiben kann oder Mühe hat, leserliche Buchstaben aufs Blatt zu bringen, für den sind die technischen Geräte eine Möglichkeit, nicht von Anfang an ins Hintertreffen zu geraten.

Schreibkurse boomen

Denn eine Handschrift mit Charakter ist nach wie vor ein Statussymbol – und vielen entsprechend wichtig. Das sieht man etwa bei Stefanie ­Ingold. Sie unterrichtet im bernischen Lotzwil Kurse im sogenannten Handlettering, also nicht im Schreiben, sondern im besonders schönen Zeichnen von Buchstaben. An diesem Samstagabend sind acht Frauen in ihrem Atelier erschienen. Sie beugen sich über ihre Übungsblätter und malen in unterschiedlichsten Schriften Buchstaben aufs Papier.

Stefanie Ingold geht herum und gibt Anregungen: «Versuch doch mal, die Linien, auf die du deine Buchstaben schreibst, zu verändern. Ziehe sie zum Beispiel schräg», rät sie. Fragt man die Teilnehmer, was sie sich vom heutigen Abend erhoffen, sind die Antworten ähnlich: «neue Ideen für meine Handschrift», «Inspirationen, wie ich Etiketten speziell gestalten kann» oder «das Handwerk, um jemandem eine besonders schön geschriebene Karte schicken zu können».

Stefanie Ingold unterrichtet bereits seit sieben Jahren. «Seit zwei Jahren boomen die Kurse in Handlettering geradezu», erzählt sie. Sie glaubt, dass ihre Teilnehmer bei ihr den Ausgleich zur digitalen Welt suchen. Und natürlich ist es auch die Botschaft hinter einer selbst gezeichneten und geschriebenen Karte, welche die Teilnehmerinnen senden möchten: Für den Adressaten hat man sich viel Zeit genommen und etwas Einmaliges geschaffen.

Für besondere Gelegenheiten

Wie werden wir in zwanzig Jahren schreiben? Wahrscheinlich nur noch sehr selten. Spracherkennungsprogramme wie Siri von Apple dürften sich durchsetzen und gesprochene Sprache für uns automatisch in Schriftzeichen umsetzen.

Stifte, mit denen man auf Bildschirme schreiben kann, könnten in einer Übergangsphase eine gewisse Popularität erlangen, dürften aber die Ausnahme bleiben. Denn ihre Nutzung setzt voraus, dass jemand relativ leicht von Hand schreibt. Auch für die Unterschrift gibt es im digitalen Zeitalter bessere Alternativen als das herkömmliche Hinkritzeln des eigenen Namens: ein Scan der Augeniris beispielsweise.

Ganz verschwinden wird das Schreiben von Hand aber kaum. Auch in der Vergangenheit haben moderne Technologien alte selten vollständig verdrängt. So sind gedruckte Bücher trotz E-Readern nach wie vor beliebt. Jürg Brühlmann vom Lehrerdach­verband meint, die Handschrift werde künftig die Wahl für seltene, besondere Situationen sein. Dann werden wir Kondolenzkarten oder auch Liebesbriefen noch mehr Bedeutung verleihen, indem wir in ihnen unsere schönste Schrift zeigen.

Berner Zeitung

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