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Die Fussfessel als zweite Chance für Teenager

Electronic Monitoring im Jugendbereich ist ein Baselbieter Pioniermodell und wird bald schweizweit eingeführt.

70 Franken pro Tag kostet eine Fussfessel. (Symbolbild, aufgenommen 2012 in Basel)
70 Franken pro Tag kostet eine Fussfessel. (Symbolbild, aufgenommen 2012 in Basel)
Keystone

In der letzten Silvesternacht im Baselbiet: Eine Gruppe Jugendlicher hat ordentlich gefeiert, es floss reichlich Alkohol. Auf dem Heimweg treffen sie auf einen Bekannten, sie pöbeln ihn an. Schnell eskaliert der Streit. Mehrere Teenager der Gruppe verprügeln ihn. Als das Opfer am Boden liegt, tritt ihm der Anführer der Gruppe mit dem Fuss mehrmals ins Gesicht. Glücklicher­weise kommt das Opfer mit leichten Verletzungen davon.

Der Täter kam für mehrere Tage in Untersuchungshaft. Danach stand die Baselbieter Jugendanwaltschaft vor der Wahl: Entlassung oder Jugendheim. «In der Arbeit mit solchen Jugendlichen gibt es aber kein Schwarz oder Weiss. Sondern Hell- bis Dunkelgrau», sagt der Leiter der Baselbieter Jugendanwaltschaft, Thomas Faust.

Kontrolle durch Auflagen

Aus diesem Grund hat er 2004 ein europaweit neues Projekt gewagt: Electronic Monitoring (EM) im Jugend­bereich. Mit einer Fussfessel beschreiten die jungen Täter einen Mittelweg: Sie erhalten klare Auflagen, können aber ihre Ausbildung in ihrer bisherigen Umgebung fortsetzen. So werden sie kontrolliert, ohne aus ihrem Leben gerissen zu werden. Ein wichtiger Unterschied zur Praxis bei Erwachsenen: EM ist nicht ein Ersatz für den Strafvollzug, es kann auch ohne definitive Verurteilung als vorsorgliche Massnahme des Jugendstrafrechts angeordnet werden. Als bisher einziger Kanton in der Schweiz hat Baselland das EM im Jugend­bereich eingeführt. Bisher wurde es hier in über 50 Fällen eingesetzt. Nur vier Täter wurden rückfällig. Alle ein bis zwei Monate kommt im Baselbiet ein neuer dazu. In einigen anderen Kantonen laufen derzeit Tests, Zürich und St. Gallen wollen es ab 2014 einführen. Das Baselbieter Pioniermodell ist ­mittlerweile so erfolgreich, dass es im Rahmen einer Jugendstrafgesetzrevision sogar schweizweit verankert werden soll. Die Vorlage wird derzeit in den parlamentarischen Kommissionen beraten.

Nicht alle Delikte eignen sich für EM, betont Faust. «Schwere Fälle müssen weiterhin mit Jugendhaft oder der Einweisung in ein Jugendheim sanktioniert werden, beispielsweise schwere Sexualstraftäter.» Die meisten Teenager mit Fussfesseln haben Schwierigkeiten beim Sprung von der Schul- in die ­Berufsbildung. Bisher war nur ein Mädchen dabei. Faust nimmt sich die Teen­ager auf Abwegen zur Brust: «Mit ihnen muss ich Klartext sprechen. Sie müssen klare Grenzen spüren und aufwachen. Gleichzeitig möchten wir sie auch unterstützen und für einen Neuanfang motivieren.» Im Fall der Silvesterschläger haben die Täter zuerst ihre Tat bagatellisiert. «Sie gleich auf freien Fuss zu setzen, wäre da ein ganz schlechtes Signal gewesen», sagt Faust. Und bis zum definitiven Urteil oder gar zum Antritt einer Haftstrafe hätten sie mehrere ­Monate auf freiem Fuss gewartet. Mit dem EM spüren sie hingegen sofort die Konsequenzen ihrer Tat. Genau dies sei ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg: «Gleich nach der Tat kann man am ­besten Impulse setzen», sagt Faust.

Strikte Weisungen

Vor der Anordnung jedes EM steht eine Persönlichkeitsabklärung des ­Täters: Die familiäre und berufliche ­Situation wird überprüft, genauso wie die Gefährlichkeit des Täters. Voraussetzung für EM sei eine klare Tages­struktur. Wenn diese fehlt, werden die Täter in das Baselbieter Tagesstrukturprogramm Take Off eingewiesen. Für den Täter gibt es klare und strikte Weisungen, welche er befolgen muss. Eine Begleitperson wird ein­gesetzt; falls er­forderlich, werden Trainings gegen Ge­­walt oder andere Schutzmassnahmen angeordnet. Oder der Täter wird an­gewiesen, ein ­bestimmtes Umfeld zu meiden.

Meist müssen die Jugendlichen am Abend und an den Wochenenden zu Hause sein. Dies gibt auch den Eltern die Möglichkeit, wieder eine Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. «Oft sind es alleinerziehende Elternteile, die ­keine Kontrolle mehr über ihre Kinder haben. Sie sind überfordert», sagt Faust. Auch ihnen gibt das EM Unterstützung. Denn es finden regelmässig Treffen mit einem Sozialpädagogen als Aufsichtsperson statt, in denen Probleme und Fortschritte besprochen werden. Sind Drogen oder Alkohol im Spiel, können auch unangemeldete Tests angeordnet werden. Die familiäre Begleitung durch den Coach kann sechs, zwölf, sogar bis zu 24 Monate dauern.

Das EM ist zudem sehr günstig: Eine Fussfessel kostet 70 Franken pro Tag, eine Heimplatzierung 400 bis 1200 Franken pro Tag. In der Regel dauert das EM etwa zwei Monate, oft reicht diese Periode der Kontrolle. Im Fall des erwähnten Schlägers hat es sich bewährt. «Er hat sich gut entwickelt, ein erfreuliches Beispiel», sagt Faust.

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