Die Casting-Show der SVP

BZ-Redaktor Fabian Schäfer analysiert die Kandidatensuche der SVP für den Bundesrat.

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Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Die SVP hebt ab. Nicht nur ihr Wähleranteil, sondern auch ihre Selbstinszenierung stösst in neue Sphären vor. Wenn vom Wahlkampf 2015 etwas in Erinnerung bleibt, dann das «Welcome to SVP»-Video. Der dreiminütige Clip – inhaltlos und hochprofessionell – stellt einen neuen Höhe- und vielleicht auch Wendepunkt in der SVP-Kommunikation dar. Etwas Vergleichbares hat man in einem Wahlkampf noch nicht gesehen: «Weltwoche»-Chef Roger Köppel liest auf dem Klo die linke «Wochenzeitung», Banker Thomas Matter schaufelt Geld in die Waschmaschine, Fallschirmspringer Adrian Amstutz fällt ins Wasser.

So viel Selbstironie war noch nie. Dazu passt die Entspanntheit, mit der die SVP-Granden am Tag ihres grossen Triumphs ans Werk gingen. Trotz ihres historischen Erfolgs traten Präsident Toni Brunner und Co. letzten Sonntag betont bescheiden auf. Keine Drohungen, keine Attacken, kein Dampfhammer, nichts dergleichen. Nur die nüchtern vorgetragene Forderung nach einem zweiten Bundesratssitz.

Und nun inszeniert die SVP die Suche nach den Bundesratskandidaten so, dass man fast vergisst, wie wichtig das alles ist, wie viel auf dem Spiel steht. Als Zuschauer wähnt man sich in einer Castingshow. Eröffnet wurde sie vor Wochen vom Parteichef himself: Toni Brunner lancierte damals Fraktionschef Amstutz als Bundesratskandidaten, dabei hatte dieser längst in der ihm eigenen Klarheit abgesagt («Weil ich es nicht kann»).

Später hat Christoph Blocher mehrfach Toni Brunner lanciert, der daraufhin seinerseits mehrfach absagte, was nun wiederum Roger Köppel nicht davon abhält, Brunner via «Weltwoche» noch einmal zu lancieren, worauf dieser noch einmal absagt. Landauf, landab wird gerätselt, was das Ganze soll. Will sich die SVP einfach im Gespräch halten? Sind das taktische Spiele? Testet die SVP, ob Brunner eine Chance hat? Oder plant sie heimlich eine ganz andere Kandidatur?

Vermutlich ist die Sache simpel: Blocher und Köppel finden wohl wirklich, dass Brunner der beste Kandidat wäre. Für diese Annahme spricht, dass in keiner Partei Personalfragen so offen und unzimperlich debattiert werden wie in der SVP. Während bei SP, FDP oder CVP gerade vor Bundesratswahlen das grosse Herumgedruckse dominiert, gibt es in der SVP immer wieder Exponenten, die auch in delikaten Phasen Klartext reden. Eben erst ist SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel dem Bundesratsaspiranten Heinz Tännler, Regierungsrat in Zug, wegen dessen früherem Fifa-Job heftig an den Karren gefahren. Tännler zog seine Kandidatur inzwischen zurück.

Leider hat sich in der SVP bisher niemand öffentlich zur Hartnäckigkeit des hochkarätigen Toni-Brunner-Fanklubs geäussert. Keiner hat bisher gesagt, wie kreuzfalsch es wäre, jemanden zum Bundesrat zu machen, den man zuerst überzeugen muss, dass er Bundesrat werden will. Gewiss: Es ist in der blocherschen SVP ein beliebtes Stilmittel, so zu tun, als sei man am Bundesratsamt gar nicht interessiert, sondern übernehme es nur widerwillig, aus Pflichtbewusstsein, im «Auftrag» des Volkes. Auch Ueli Maurer sagte lange, er werde nie Bundesrat, und wurde es 2008 dann doch.

Aber Toni Brunner setzt sich heute viel vehementer und ausdauernder zur Wehr als Maurer damals. Nachdem Samuel Schmid seinen Rücktritt aus dem Bundesrat mitgeteilt hatte, dauerte es nur sechs Tage, bis Maurer Sätze von sich gab wie diese: Er halte sich selber «durchaus auch für fähig». «Heute» stehe er zwar nicht zur Verfügung. Wenn es aber «eine neue Ausgangslage» gebe, müsse man «die Situation neu beurteilen». Derlei Wortwolken waren von Toni Brunner bisher nie zu hören, obwohl seit Monaten klar ist, dass die SVP einen Bundesratskandidaten braucht. Erst Ende September sagte Brunner der NZZ, er würde als Bundesrat wohl die Freiheit verlieren, die er heute geniesse. Und: «Von meinem Naturell her kann ich mir ein Exekutivamt nicht vorstellen.»

Das war und ist sehr überzeugend. Seine Gegner zweifeln teilweise auch daran, dass er dem Amt fachlich gewachsen wäre. Doch diese Frage stellt sich gar nicht. Wer sich so entschlossen immer wieder aus dem Rennen nimmt, der ist wirklich aus dem Rennen. Auch wenn Brunner tatsächlich noch eine Kehrtwende machen würde, wäre er nicht mehr wählbar. Zu stark wären die Zweifel an der Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit seiner Kandidatur.

Doch das Problem liegt tiefer. Je länger und lauter einflussreiche Grössen wie Blocher und Köppel nach Toni Brunner rufen, obwohl er gar nicht will, umso stärker wird der Verdacht, dass ihnen die willigen Kandidaten nicht passen. Dass ihnen zum Beispiel die Nationalräte Heinz Brand (GR) und Guy Parmelin (VD) oder Ständerat Hannes Germann (SH) nicht genehm sind. Das Hin und Her nährt auch die Befürchtung, dass es der SVP am Ende gar nicht so ernst ist mit dem zweiten Sitz.

Solche Zweifel sollte sie im eigenen Interesse ausräumen. Es ist jetzt ihre alleinige Verantwortung, Bundesratskandidaten zu nominieren, die erstens wollen, zweitens das nötige Format mitbringen, drittens mehrheitsfähig sind, viertens aber auch garantiert den notwendigen Rückhalt in der SVP haben. Ist die Partei dazu in der Lage und willens? Zweifel sind erlaubt. Was sie zurzeit aufführt, ist zwar unterhaltsam, aber nicht überzeugend. Wie jede Castingshow.

Berner Zeitung

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