Die Aufseher sind skeptisch

Über die Hälfte aller Angestellten ist in Sammel- oder Gemeinschaftseinrichtungen ver­sichert. ­Diese stehen im Verdacht, überhöhte Leistungen ­anzubieten. Nun wird die Aufsicht aktiv.

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

So war das nicht gedacht. Als 1985 die berufliche Vorsorge als 2. Säule des Alterssparens obligatorisch wurde, spielte der Patron eine Hauptrolle: Die meisten Arbeitgeber, dachte man, würden ihr Personal in firmeneigenen Pensionskassen versichern.

Dieses Bild ist längst überholt. 2004 zählte man noch 1450 firmeneigene Kassen, heute sind es nicht einmal mehr halb so viele (640). Zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen gaben ­ihre Vorsorgewerke auf, was angesichts der Komplexität und der enormen Risiken der Altersvorsorge kaum erstaunt. Der Konzentrationsprozess hält an.

Heute sind 60 Prozent aller Angestellten bei einer Sammel- oder Gemeinschaftseinrichtung versichert. Dabei handelt es sich zum einen um Pensionskassen von Branchenverbänden, deren angeschlossene Firmen die ­Risiken gemeinsam tragen (Gemeinschaftseinrichtungen).

Zum anderen sind es Stiftungen, die für jede Firma die Vorsorge individuell organisieren und zum Teil auch von Versicherungen geführt werden (Sammeleinrichtungen).

Verschärfung geplant

Diese grossen Pensionskassen geben in der Branche zunehmend zu reden. Gestern griffen die obersten Aufseher ein: Die Oberaufsichtskommission (OAK), die für den Bund die berufliche Vorsorge überwacht, gab bekannt, dass sie die Aufsicht über Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen verstärken will.

Diese sollen höhere Anforderungen erfüllen und den Behörden genauere Informationen übermitteln. Von den Sammeleinrichtungen erwarten die Aufseher präzisere Angaben zu den einzelnen Vorsorgewerken.

Hinter der Verschärfung steht der Verdacht, Sammelstiftungen würden zu hohe Risiken eingehen. Unbestritten ist, dass sie in Konkurrenz zueinander stehen und deshalb ein Interesse daran haben, möglichst attraktive Leistungen anzubieten.

Damit unterscheiden sie sich wesentlich von firmeneigenen Pensionskassen: Diese haben primär ein Interesse an Sicherheit und setzen deshalb zum Beispiel den Umwandlungssatz, der für die Bestimmung der Rentenhöhe entscheidend ist, wohl eher zu tief an als zu hoch.

Eine Sammelstiftung hingegen muss bei einem zu tiefen Umwandlungssatz befürchten, dass sich ihr keine weiteren Unternehmen mehr anschliessen oder, noch schlimmer, bestehende Kunden abspringen. Ganz vorne mit dabei ist die Zürcher Sammelstiftung Profond mit einem traumhaften Umwandlungssatz von 6,9 Prozent.

Zum Vergleich: Der durchschnittliche Umwandlungssatz beträgt 5,9 Prozent, die Pensionskasse des Bundes senkt ihn auf 5,09 Prozent, einzelne Kassen wie jene des Kantons ­Zürich (BVK) unterschreiten auch die ­5-Prozent-Marke. Sprich: Die Profond bezahlt pro 100'000 Franken Kapital 6900 Franken Rente pro Jahr, die BVK weniger als 5000 Franken.

Sind also Sammelstiftungen wie die Profond zu unvorsichtig? Die OAK ging dieser Frage anhand der Daten aus ihrer eigenen Erhebung nach. Ihr Fazit: Im Vergleich zu firmeneigenen Kassen weisen Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen «ein leicht ­höheres Gesamtrisiko» auf. Vor allem die Umwandlungssätze sind deutlich höher. Das lässt sich zum Teil aber erklären.

Einerseits entfällt bei Sammel- und Gemeinschaftskassen ein grösserer Teil des Kapitals auf das gesetzliche Minimum, weshalb sie stärker an den hohen Mindestumwandlungssatz von 6,8 Prozent gebunden sind. Andererseits profitieren sie davon, dass sie anteilsmässig viel weniger Rentner aufweisen. Trotzdem vermutet die OAK, dass die Konkurrenz­situation zu den hohen Umwandlungssätzen beiträgt.

Gehen Sammelstiftungen zu ­hohe ­Risiken ein und geraten in Schieflage, kommt im schlimmsten Fall der Sicherheitsfonds – sprich: die All­gemeinheit – für den Schaden auf.

Berner Zeitung

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