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Die 13-jährige Frau Frauchiger

Über die Auftritte der Jugendlichen am Schweizer Fernsehen.

Das Schweizer Fernsehen hat sich diese Woche in zwei Diskussionssendungen intensiv um die Jugend und ihre Probleme bemüht. Illustration: Kornel Stadler
Das Schweizer Fernsehen hat sich diese Woche in zwei Diskussionssendungen intensiv um die Jugend und ihre Probleme bemüht. Illustration: Kornel Stadler

Kennen Sie den TV-Werbespot, wo am Ende eine vorlaute Bubenstimme fragt: «Und du, was machsch du für d Umwält?» Mich überkommt bei diesem Satz jeweils eine grosse Lust, etwas für die Umwelt zu tun (ich hüte mich, zu sagen, was). Der Spot repräsentiert einen allgemeinen Trend seit Klimakrise und Schülerstreiks: Kinder und Jugendliche scheinen in unserer Gesellschaft den Ton anzugeben wie nie zuvor. Es wäre allerdings wichtig, sie als «Stimme der Zukunft» nicht zu überhöhen und nicht zu überfordern.

Auch das Schweizer Fernsehen hat sich diese Woche in zwei Diskussionssendungen besonders intensiv um die Jugend und ihre Probleme bemüht. Die «Arena» am Freitag hatte Teenager gesucht, denen «ein Thema unter den Nägeln brennt». Gefunden wurde zum Beispiel Jonas Lüthy aus ­Basel, den die Altersvorsorge umtreibt. Jonas ist 16. Und somit 49 Jahre vom AHV-Alter entfernt.

Zu Recht insistierte Moderator Sandro Brotz darauf, dass Jugendliche in der Regel doch ganz andere Sorgen haben. Jonas Lüthy, Poschettli im dunklen Jacket, belehrt ihn eines Besseren: Das Rentenalter müsse dringend erhöht werden, um die AHV zu retten. Er stützt sich lässig aufs Pult, sagt: «Es ist wichtig, dass man auch mal auf Zahlen schaut.» Zahlen, Statistiken, Tempo, Gestik – man wähnt sich in einer Castingshow für Jugendliche mit politischen Ambitionen. Selbst die Bundespräsidentin kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

«Aber jüngere ­Kopien unserer Politiker braucht es nicht.»

Eine Debatte «auf Augenhöhe» wurde angekündigt, deshalb sei man in der Runde per Sie, sagte Brotz. Und so steht die 13-jährige Laurine aus Oberbüren SG als Frau Frauchiger zwischen Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Nationalrat Christian Wasserfallen. Frau Frauchiger (und vermutlich auch ihre Eltern) beschäftigt die Gleichstellungsfrage. Persönlich würde sie den Militärdienst sehr gern als Pflicht wahrnehmen. Ganz nach dem Motto: «Sicherheit für Frauen, Frauen für Sicherheit». Quoten hingegen findet sie «einen Rückschritt ins Mittelalter». Die jungen Menschen treten sehr selbstbewusst auf, klug und tolerant – allerdings auch ziemlich angepasst, ziemlich altklug. Das Schlusswort nutzen die drei Schüler, um das Stimmrechtsalter 16 einzufordern.

Im «Club» vom Dienstag gab die Klasse Sek 3A der Aargauer Gemeinde Klingnau Einblick in ihr Leben. Die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler taten das auf eine unverstellte Weise, zum Teil auf eine etwas unbeholfene Art, mit der wir uns wohl alle ein wenig identifizieren können – nicht umsonst war die eloquenteste Schülerin ein Mädchen, das aus Deutschland zugezogen war.

Aber man gewann doch den Eindruck, die Schüler aus dieser multikulturellen Klasse erzählten Barbara Lüthi von ihren alltäglichen, echten Sorgen: von der Lehrstellensuche (Melinda hat schon 40 Bewerbungen verschickt, «die Hoffnung stirbt zuletzt»). Livia und Gina sind süchtig nach Likes und Followern auf Instagram. Manche leiden unter Internet-Mobbing. Und sie alle sind ständig am Handy, Miqel mindestens vier Stunden täglich, «gegen die Langeweile». Viele informieren sich über Instagram, wo kürzlich eine junge Influencerin den Ausbruch des Dritten Weltkrieges verkündete – und damit auch die Sek 3A in Aufruhr versetzte. Und ­natürlich beschäftigt sie die erste Liebe («ich war total überfordert», so Kilian). Die Mädchen aus dem Kosovo wünschen sich alle einen Kosovo-Albaner zum Ehemann, die Kinder sollen «100 Prozent kosovarisch» sein.

«Natürlich ist das Erwachen eines neuen politischen Bewusstseins bei vielen Jugendlichen, insbesondere seit der Klimakrise, erfreulich.»

Altersvorsorge, Gleichstellung, Klima? Kein Thema. Sicher auch, weil bei den Sek-Schülern zu Hause kaum darüber diskutiert wird. Alicia, sie ist bei den Grosseltern aufgewachsen, die ihr bei den Hausaufgaben nicht helfen konnten, bringt es auf den Punkt: «Die Herkunft ist entscheidend.»

Natürlich ist das Erwachen eines neuen politischen Bewusstseins bei vielen Jugendlichen, insbesondere seit der Klimakrise, erfreulich. Aber jüngere Kopien unserer Politiker braucht es nicht. Die Altersgenossen von Jonas, Laurine und Aneschka sollten jedenfalls wissen, dass man von ihnen nicht erwartet, bereits zu allen möglichen Dingen eine «Meinung» zu haben. Und dass es nicht das Auftreten und die geschliffene Rhetorik der Erwachsenen-Politiker braucht, um sich für unsere gemeinsame Zukunft einzusetzen.

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