Der Terrorismus forderte in der Schweiz bislang 60 Tote

Mindestens 130 Terrorangriffe gab es zwischen 1898 und 2013 in der Schweiz. Unsere Karte zeigt, wo die Terroristen am häufigsten zugeschlagen haben.

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Der Mann auf dem Quai du Mont Blanc in Genf schubst plötzlich Personen zur Seite, die ihm im Weg stehen. Er stürmt auf zwei elegant gekleidete Damen beim Schiffanlageplatz zu und schlägt der einen Frau scheinbar aufs Brustbein. Während die Frau zu Boden geht, flüchtet der Mann im Trubel. Die Frau richtet sich wieder auf und schafft es, das Schiff zu betreten. Dort bricht sie zusammen und stirbt Stunden später im Hotel Beau Rivage.

Nicht ein Faustschlag hat die Frau zuvor getroffen. Vielmehr wurde ihr eine Feile ins Herz gerammt. Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt Sissi, ist an diesem 10. September 1898 in Genf einem Attentat zum Opfer gefallen. Wie sich später herausstellt, ist der Italiener Luigi Lucheni der Täter.

Sein Motiv: Hass auf adelige Reiche. Sein Ziel: Angst und Schrecken unter den Adelshäusern Europas verbreiten. Sein Vermächtnis: Der Anarchist Lucheni hat wohl den ersten Terroranschlag auf Schweizer Boden verübt (siehe Box links).

Gefürchtete Einzeltäter

117 Jahre später ist die Bedrohung durch Einzeltäter wieder aktuell. «Solo-Terrorismus wird heute am meisten gefürchtet, denn Attacken durch sogenannte ‹einsame Wölfe› sind am schwierigsten zu verhindern», sagt Christina Schori Liang vom Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. «Früher waren Terroristen, die in Gruppen handelten, eher die Norm und damit auch einfacher zu identifizieren.»

Mindestens 37 Organisationen haben sich seit 1902 zu Terroranschlägen in der neutralen Schweiz bekannt. Die Angriffe haben mindestens 60 Tote und 140 Verletzte gefordert, die Täter miteingerechnet. Der blutigste unter ihnen, ein Paketbombenanschlag der «Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando» (PFLP-GC) auf eine Swissair-Maschine am 21. Februar 1970 über dem aargauischen Würenlingen, kostete 47 Menschen auf einmal das Leben.

Der Nahost-Konflikt ist indes nicht der häufigste Hintergrund für Terroranschläge in der Schweiz, auch wenn die öffentlichkeitswirksamen palästinensischen Angriffe diesen Eindruck hinterlassen. Die meisten Attacken gehen auf das Konto von linksextremen Kräften, wie eine Analyse dieser Zeitung von 130 Terrorakten in der Schweiz zeigt. Dabei haben nicht nur ausländische Gruppen wie die deutsche Rote Armee Fraktion (RAF) auf Schweizer Boden operiert. Der Einfluss aus Deutschland begünstigte auch den hausgemachten Terrorismus.

Klicken Sie auf den Play-Knopf, um den Zeitverlauf zu starten. Je grösser und dünkler die Klecks, desto mehr Terroranschläge gab es.

So treibt in den 1970er-Jahren die «Anarchistische Kampforganisation» (AKO) unter Führung der Deutschen Petra Krause in Zürich und im Tessin ihr Unwesen. Die AKO führt Sprengstoffanschläge gegen diplomatische und militärische Einrichtungen sowie amerikanische Banken durch.

In den 2000er-Jahren macht die Schweizer Gruppe «Für eine revolutionäre Perspektive» mit mehreren Sprengstoffanschlägen auf sich aufmerksam. Die Attacken richten sich gegen das World Economic Forum, den G8-Gipfel, die israelische Fluggesellschaft El Al und den damaligen Schweizer Geheimdienstkoordinator Jacques Pitteloud. Auch wenn es bei all diesen Aktionen bei Sachschaden bleibt - die einheimischen Terroristen nehmen in Kauf, Menschen zu verletzen.

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) stuft den Linksextremismus heute als nicht staatsgefährdend ein. Die linksextreme Szene übe sich in taktischer Zurückhaltung, die sich in einer nachlassenden Intensität der Gewalttaten zeige.

Die Motive der Terroristen ändern sich zwischen 1980 und 1999. Nicht mehr Israel und die verhassten Symbole des Kapitalismus‘ sind mehrheitlich im Visier, sondern türkische Ziele in der Schweiz. Vor dem Hintergrund des armenisch-türkischen Konflikts um die Unabhängigkeit Armeniens scheut sich die armenische Terrororganisation «Armenische Geheimarmee zur Befreiung Armeniens» (Asala) nicht, am 9. Juni 1981 den Sekretär des türkischen Konsulats in Genf zu erschiessen.

Schweiz im Visier der Armenier

Erst als die Schweizer Behörden in Genf armenische Terroristen festnehmen, richtet sich der Zorn auch gegen die Eidgenossenschaft. Die «Organisation 9. Juni», ein Ableger der Asala, führt im Juli 1981 in Bern, Zürich, Lausanne und Genf eine Anschlagsserie mit Sprengstoff durch. Bei der Explosion eines Sprengsatzes im Bahnhof Genf Cornavin kommt ein Zivilist ums Leben. Der Sprengstoffanschlag im Lausanner Warenhaus Uniprix fordert 26 Verletzte.

Aktuell sind armenische Terrororganisationen ganz vom Radar des NDB verschwunden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1989 ist Armenien ein unabhängiger Staat geworden.

In den 1990er-Jahren tragen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und ihre Anhänger den Kampf um ein autonomes Kurdistan auch in der Schweiz aus. Es kommt zu Anschlägen gegen diplomatische Einrichtungen der Türkei sowie gegen türkische Reisebüros und Bankfilialen. Seit März 2013 gibt es einen Waffenstillstand zwischen der türkischen Regierung und der PKK-Führung. Die habe zu einem «europaweit ruhigen Verhalten der PKK ausserhalb der Türkei geführt», hält der NDB fest.

Anschläge mit vermutetem islamisch-religiösem Hintergrund gab es in der Schweiz bis jetzt zwei. 1987 verübt eine Gruppe namens «Grüne Zellen» einen Brandanschlag auf den Gebäudekomplex «Palais Wilson» in Genf. Hintergrund dürfte die Festnahme des libanesischen Luftpiraten Hussein Hariri in Genf gewesen sein, ein Mitglied der schiitischen Miliz Hizbollah.

Acht Jahre später erschiessen Unbekannte in Genf einen ägyptischen Diplomaten. Die Verantwortung übernimmt die Internationale Gerechtigkeitsgruppe (al-Gama'a al-Adela al-Alamiya), vermutlich ein Ableger der sunnitischen Islamischen Gruppe (al-Gama’a al-Islamiyya) in Ägypten. Dieses Attentat von 1995 ist bis jetzt der letzte Terroranschlag auf Schweizer Boden mit tödlichem Ausgang.

«Gegenwärtig stellen dschihadistisch motivierte Einzeltäter immer noch die grösste Bedrohung der Schweiz dar», sagt Carolina Bohren, Sprecherin des NDB. Angriffe wie in Paris könne deshalb auch in der Schweiz nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Bohren: «Für die Schweiz liegen aber keine Erkenntnisse auf konkrete Bedrohungen und Anschlagspläne vor.»

Am häufigsten führten die Terroristen ihre Angriffe in den Regionen Genf, Zürich, Bern und Basel durch. In Genf richteten sich die Anschläge gegen diplomatische Ziele der Vereinten Nationen und gegen den Flughafen. In Bern standen Bundeseinrichtungen sowie Botschaften und Konsulate im Vordergrund von Attacken. Für die Stadt Zürich interessierten sich die Terroristen wegen des nahegelegenen Flughafens und wegen ihrer Rolle als Finanzplatz. In Basel wurden mehrheitlich türkische Institutionen angegriffen.

Die Verwundbarkeit von Städten bleibt für Sicherheitsexpertin Schori Liang weiterhin bestehen. Seit den Anschlägen in Paris sieht sie aber eine neue Art der Gefahr. «Bewusst oder unbewusst haben die Terroristen damit begonnen, ihr Augenmerk auf weiche Angriffsziele anstatt auf grosse Angriffsziele zu richten. Wir beobachten das seit den Anschlägen vom 26. November 2008 auf Hotels in Mumbai.»

Die Liste mit den Terroranschlägen in der Schweiz

Programmierung: Daniel Barben, Jon Mettler (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.02.2015, 09:17 Uhr

Datencheck

Die Analyse der Terroranschläge in der Schweiz basiert auf den Datensätzen der US-Denkfabrik Rand Corporation sowie der globalen Terrorismusdatenbank (Global Terrorism Database GTD) der Universität von Maryland. Die Zeitspanne umfasst die Jahre 1968 bis 2013. Diese Zeitung hat für diese Periode nur diejenigen Angriffe berücksichtigt, die mithilfe der Schweizerischen Mediendatenbank oder des Archivs der Schweizerischen Depeschenagentur überprüft werden konnten.

Als Quellen für die Attacken vor 1969 dienen der Nachrichtendienst des Bundes sowie das Historische Lexikon der Schweiz. Vereitelte und fehlgeschlagene Anschläge sowie Amokläufe wurden nicht gezählt. Die verwendeten Datensätze erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Was ist Terrorismus?

Weder Forscher noch Staaten haben sich bis jetzt auf eine anerkannte Definition von Terrorismus einigen können. Der Grund ist, dass sich je nach Weltbild die Sichtweise ändert: Was für die einen Terroristen sind, die bewusst Unschuldige angreifen, sind für andere Widerstandskämpfer, die einen Unterdrücker bekämpfen.

Für die Analyse der Anschläge in der Schweiz gelten die Terrorismusmerkmale der US-Denkfabrik Rand und der Universität von Maryland. Beide erfassen seit 1968 Attacken auf der ganzen Welt. So muss die Tat gewaltsam sein und darauf abzielen, ein politisches, wirtschaftliches, religiöses oder soziales Ziel zu erzwingen. Die Urheber müssen nicht-staatliche Akteure sein, können Züge einer Organisation aufweisen und müssen den Tod oder Verletzungen von Zivilisten in Kauf nehmen. Schliesslich muss der Angriff über die Opfer hinaus Aufmerksamkeit erregen und die Öffentlichkeit einschüchtern.

Die Aktionen der separatistischen jurassischen Groupe Bélier – mit Ausnahme des Sprengstoffanschlags auf das Gerichtsgebäude in Moutier im Jahr 1985 – sowie die Serie von Brandanschlägen gegen Asylbewerberheime in den 1990er-Jahren stellen deshalb mehrheitlich keine Terroranschläge dar.

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