Der lange Weg der Schweizer Juden zur Gleichstellung

Am 14. Januar feiern die Juden das 150-Jahre-Jubiläum ihrer Gleichberechtigung als Schweizer Bürger. Die neuen Bürgerrechte und -pflichten von 1866 waren jedoch erst der Anfang eines langen Weges.

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Je hartnäckiger die Vorurteile, desto harziger der Weg zur Rechts- und Chancengleichheit. Obschon seit Jahrhunderten in der Schweiz sesshaft, blieben den jüdischen Einwohnern der Schweiz nach der Gründung des Bundesstaates 1848 die Bürgerrechte verwehrt. Ihr Wohngebiet beschränkte sich weiterhin auf die beiden Aargauer Orte Endingen und Lengnau. Stimm- und Wahlrecht sowie die Wehrpflicht blieben nur Männern christlichen Glaubens vorbehalten. ­Juden konnten keine wahren «Mit-Eidgenossen» sein.

Erst auf ausländischen Druck hin legte der Bundesrat dem Stimmvolk die Streichung des Wortes «christlich» vor. Trotz starken Widerstands von konservativen Bewegungen kam die jüdische Minderheit mit der Abstimmung vom 14. Januar 1866 zu ihren Bürgerrechten sowie zur Niederlassungsfreiheit in der ganzen Schweiz. Die vollständige Glaubensfreiheit folgte jedoch erst mit der Verfassungsrevision von 1874. Die judenfeindliche Stimmung war aber dadurch nicht einfach aufgehoben. Meist religiös motivierte Ressentiments hielten sich hartnäckig und manifestierten sich unter anderem im 1893 vom Volk angenommenen Schächtverbot, das heute noch gilt.

Jahre der Ohnmacht

Ab den 1920er-Jahren verbreiteten sich parallel zu den religiösen Vorurteilen neue Rassen- und Weltverschwörungstheorien, die einem säkularen Antisemitismus Vorschub leisteten. Ein starkes Zeichen dagegen setzten 1934/1935 die jüdische Gemeinde in Bern und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) mit einem Prozess gegen die Verbreitung des antisemitischen Pamphlets «Die Protokolle der Weisen von Zion», in welchem sie die Behauptung einer Weltverschwörung erfolgreich als Fälschung entlarvten.

Die zeitgenössische Presse sah im Berner Prozess gar eine Gegenüberstellung des Judentums mit dem Nationalsozialismus schlechthin. Die folgenden 10 Jahre wurden zur Nagelprobe für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden in der Schweiz: Ab 1936 galten im NS-Staat die sogenannten Rassengesetze, Entrechtungen und Enteignungen folgten. Zwar setzte die Schweizer Politik auf die «geistige Landesverteidigung», um sich von der NS-Ideologie zu distanzieren und sich als Demokratie zu behaupten.

Nicht asylwürdig

Das Ideal des trotzigen Eidgenossen blieb jedoch bäuerlich und christlich geprägt. Die Geringschätzung der Behörden bekamen die Vertreter jüdischer Organisationen auch in der Flüchtlingspolitik zu spüren: Obschon der Bundesrat seit dem Frühsommer 1942 über die Gaskammern informiert war, galten Flüchtlinge «aus Rassegründen» nicht als asylwürdig, und man wies sie an der Grenze zurück – de facto ein Todesurteil für rund 20 000 Menschen. Für die Versorgung jener, die sich in die Schweiz retten konnten, mussten die jüdischen Organisationen weitgehend selbst aufkommen – eine antisemitisch motivierte Sonderregelung, welche die Ohnmacht der Schweizer Juden zusätzlich unterstrich.

Klartext nach 100 Jahren

Ein Umdenken der offiziellen Schweiz und der nicht jüdischen Mehrheit gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern setzte erst etwa um 1960 ein. Aus Bittstellern wurden Verhandlungspartner. Zum neuen Ansehen hatten unter anderem die Staatsgründung Israels 1948, der Ludwig-Bericht von 1957 und der Eichmann-Prozess 1961 beigetragen. Ermutigt und gestärkt durch diese Entwicklungen wagte im Mai 1966 der damalige Berner Anwalt und SIG-Präsident Georges Brunschvig an der 100-Jahr-Feier der Emanzipation erstmals scharfe Kritik am Bundesrat.

Seine Botschaft: Der Antisemitismus steht im Widerspruch zu einer demokratischen Rechtsordnung. In den folgenden 50 Jahren bis heute setzte eine weitgehende Normalisierung in der Beziehung zwischen der nicht jüdischen Mehrheit und der jüdischen Minderheit ein.

Der Aufstieg in die Spitzenpositionen von Gesellschaft, Politik, Armee, Wirtschaft und Kultur ist möglich geworden. Am deutlichsten zum Ausdruck kam dies 1993 mit der Wahl von Ruth Dreifuss in den Bundesrat. Ausgestorben ist der Antisemitismus freilich nicht. Im Gegensatz zu früher werden Gewaltakte und verbale Ausfälle heute von Behörden geahndet und von der nicht jüdischen Mehrheit verurteilt.

Ein Sorgenkind ist bis heute der aussergewöhnlich hohe Bedarf an Sicherheitsvorkehrungen. Trotz der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz benötigen jüdische Gemeinden und Institutionen in der Schweiz seit den 1970er-Jahren aufwendige Kontrolleinrichtungen.

Die Anschläge in Paris und Kopenhagen auf jüdische Einrichtungen vor einem Jahr haben auch hierzulande eine Aufstockung der internen Sicherheitskräfte zur Folge. Eine Unterstützung durch die öffentliche Hand ist bisher sehr punktuell geblieben. Erst in den letzten Monaten ist Bewegung in die Gespräche des SIG mit dem Bundesrat gekommen.

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