«Beim Vaterschaftsurlaub sollte der Bundesrat mutiger sein»

Simona Scarpaleggia, Chefin von Ikea Schweiz, setzt sich für einen Vaterschaftsurlaub ein. Ihr Unternehmen hat bereits Tatsachen geschaffen. Ausserdem fordert sie mehr Frauen in Kaderpositionen.

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Frau Scarpaleggia, Ikea hat im Herbst dieses Jahres einen achtwöchigen Vaterschaftsurlaub für seine Angestellten eingeführt. Gesetzlich wären Sie zu einem Tag verpflichtet. Wieso ist Ikea so grosszügig?
Simona Scarpaleggia: Aus Schweizer Sicht mag das gross­zügig sein. Aber in Schweden, wo Ikea seinen Hauptsitz hat, ist das ganz normal. Dort dauert der ­Vaterschaftsurlaub sogar noch länger. Bei Ikea sind wir der all­gemeinen Überzeugung, dass geteilte Elternschaft wichtig ist. Wenn Väter Teilzeit arbeiten, machen sie nicht nur etwas Gutes für sich selbst und ihr Kind, sondern auch für ihre Partnerin. Sie hat so auch die Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen.

Aber wollen die Mitarbeiter das überhaupt?
Der Urlaub ist nicht obligatorisch. Von meinen Arbeitskol­legen habe ich aber bisher ein positives Feedback bekommen. Zahlen habe ich noch keine. Wir haben aber bereits erste Väter, die davon profitieren. Ich denke, es ist dabei wichtig, dass der Vaterschaftsurlaub – genauso wie Teilzeitarbeitsmodelle – nicht als ­Bedrohung für die eigene Karriere angesehen werden. Da spielt die Haltung des Arbeitgebers eine wichtige Rolle. Nur dann können sich die Mitarbeiter frei entscheiden.

Der Bundesrat lehnte kürzlich eine Initiative für einen vier­wöchigen Vaterschaftsurlaub ab. Hat unsere Regierung hier den Anschluss verpasst?
Ich denke, der Bundesrat sollte mutiger sein. Ich schätze sehr, was die Schweiz in Sachen Gleichstellung in den letzten Jahren alles getan hat. Ich wünschte, mein Heimatland Italien würde dasselbe machen. Aber genau aus diesem Grund sollte die Schweiz auch beim Vaterschaftsurlaub konkrete Massnahmen ergreifen. Ich glaube, diese Investition würde sich lohnen.

Stimmen Ihnen da die CEOs von anderen Schweizer Unternehmen zu?
Flexible Arbeitszeiten und auch der Vaterschaftsurlaub sind fast überall ein Thema. Viele haben aber Bedenken, dass all diese Massnahmen zu einer Erhöhung der Kosten führen könnten. Bei Ikea haben wir aber über die Jahre die Erfahrung gemacht, dass bei einer sorgfältigen Planung diese Massnahmen alle sehr nachhaltig für das Unternehmen sind. Nur wenn sie abrupt eingeführt werden, funktionieren sie nicht. Natürlich ist in gewissen Branchen und auch bei gewissen Jobs mehr Flexibilität möglich als anderswo. Auch unsere Geschäfte müssen jeden Tag bedient sein.

Besonders engagiert sind Sie auch dabei, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Bei Ikea Schweiz haben Sie bereits ein 50-zu-50-Verhältnis im ­Management. Wie funktioniert das?
Der erste Schritt ist, das Bewusstsein zu schaffen. Fast kein Unternehmer sagt von sich aus, er sei gegen Gleichstellung. Aber in der Realität sieht man oft, dass ihnen das Thema nicht besonders wichtig ist. Dabei sollte gerade ein CEO verstehen, wie positiv sich ein ausgeglichenes Management aufs Unternehmen auswirkt. Wenn man die doppelte Auswahl an Talenten hat, bekommt man auch die besten und motivier­testen Leute. Auch der Kundenstamm ist viel besser reprä­sentiert.

Aber bekommen Sie nicht viel mehr Bewerbungen von Männern, wenn eine Managementposition frei wird?
Das ist ein interessanter Punkt. Seit wir ein ausgeglichenes Management haben, ist es viel leichter geworden, das Gleichgewicht zu halten. Am Anfang war das schwierig. Wir haben aber die Regel eingeführt, dass es bei jeder Neubesetzung eine Kurzliste von möglichen Kandidaten gibt. Diese muss ausgeglichen sein: die Hälfte Frauen, die Hälfte Männer. Dann wählen wir einfach den Besten, ob Mann oder Frau. Dasselbe gilt bei einer Beförderung. Seither bekommen wir auch viel mehr Bewerbungen von Frauen für Kaderpositionen. Deshalb kann ich Unternehmen ermuntern, einen solchen Weg zu gehen.

Aber von Arbeitgebern hört man oft, dass Frauen zu zögerlich sind, sich zu wenig zutrauen.
Manchmal sehe ich das auch. Und das ist tatsächlich etwas, das Frauen von Männer lernen können: Proaktiver sein, sich selbst mehr einbringen. Wir haben alle unsere Vorurteile, sowohl Männer als auch Frauen. Männer werden seit Generationen dazu erzogen, sich einzubringen, zu sagen, was sie denken, und sich durchzusetzen. Bei Frauen hingegen gibt es dieses Rollenbild, dass sie auf den Prinzen warten, der sie entdeckt und mit dem sie dann auf einem weissen Schimmel in die Nacht reiten. Aber das ist einfach nicht die Realität. Frauen sollten mutiger sein und sich selbst mehr zutrauen.

Haben Frauen etwa mehr Angst vor dem Scheitern?
Die Angst vor dem Scheitern ist für Männer und Frauen gleichermassen ein Hindernis. In unserer komplexen und hektischen Gesellschaft ist man wie gelähmt, wenn man Angst vor dem Scheitern hat. Ich ermutige die Menschen deshalb immer, mehr zu wagen und die Dinge zu tun, die sie für richtig halten.

Im September eröffnete Ikea an der Zürcher Bahnhofstrasse inmitten all der teuren Boutiquen und Bijouterien einen Pop-up-Store, ein temporäres Geschäft. Was sucht Ikea in den engen Innerstädten?
Erstens wollen wir näher bei den Kunden sein. Immer mehr Menschen besitzen heute kein Auto und haben keinen Führerschein. Und sie haben immer weniger Zeit. Deshalb müssen wir zu ihnen und nicht umgekehrt. Zweitens geht es um die Art und Weise, wie wir unser Sortiment prä­sentieren. Das Design und die Qualität der Produkte sollen beim Pop-up-Store im Vordergrund stehen.

Kommen die Leute denn in den Laden?
Ja, bisher läuft es sehr erfolgreich. Um Ihnen die Dimension zu zeigen: Wir haben in diesem 400 Quadratmeter grossen Geschäft etwa dieselbe Besucherzahl wie in einer unserer 25 000 Quadratmeter grossen Filialen. Und das Feedback von unseren Kunden ist bisher sehr positiv.

Das heisst, es wird bald weitere solche Pop-up-Stores in anderen Schweizer Städten geben.
Das ist möglich. Ich glaube, dass wir in Zukunft verschiedene Einkaufsmöglichkeiten anbieten müssen. Dazu gehören die grossen Filialen, wo das ganze Sortiment ausgestellt wird und die Menschen alles testen, probieren und auch gleich mitnehmen können. Dann braucht es «Show­casing»-Projekte wie den Pop-up-Store in Zürich, wo es darum geht, Ikea als Marke zu positionieren. Und natürlich setzen wir auch auf das Onlinegeschäft, das momentan sehr schnell wächst.

Macht das Onlinegeschäft schon bald mehr Umsatz als die neun grossen Filialen?
Die grossen Filialen machen immer noch den Hauptteil unseres Geschäfts aus. Im E-Commerce haben wir heute etwa denselben Umsatz wie in einer unserer kleineren Filialen. Aber wir sehen eindeutig, dass es eine Veränderung im Kundenverhalten gibt. Wann, wo und wie sie etwas kaufen, spielt heute keine Rolle mehr. Sie denken nicht in Kanälen, sondern in Marken. Die Tendenz ist, dass das Onlinegeschäft von diesem flexiblen Kundenverhalten am meisten profitiert.

Es wird also keine zehnte Ikea-Filiale in der Schweiz geben.
Ausschliessen würde ich das nicht. Als ich vor sieben Jahren zu Ikea Schweiz kam, dachten wir auch: Mit den neuen Filialen ist es vorbei. Aber dann ergaben sich die Möglichkeiten in Vernier GE und in Rothenburg LU. Wir schauen uns deshalb immer um. Wie wir näher an unsere Kunden kommen, ist in der ganzen Ikea-Welt eine offene Diskussion. Aber ich bin überzeugt: Die grossen Ikea-Geschäfte wird es immer ­geben.

Dann besteht bei Möbeln also weniger die Gefahr, dass der ­Onlinehandel die Läden verdrängt, wie zum Beispiel bei den Kleidern.
Bei den Kleidern ist das rückblickend ja auch eine Überraschung. Ich erinnere mich noch, als das mit dem E-Commerce begann. Da sagten alle Experten, dass Kleider davon nicht betroffen sein würden, weil die Leute die Kleider immer zuerst anprobieren wollten. Und doch passierte genau das Gegenteil. Das zeigt: Alle Detailhändler müssen sich hinterfragen und ihr Angebot überarbeiten und neu beleben.

Auf Ihrem Twitter-Account retweeten Sie oft Papst Franziskus. Ist er für Sie eine Inspiration?
Ja, das ist er. Ich denke, er ist einer der grössten Vordenker unserer Zeit. Das ist meine ganz persönliche Meinung. Er spricht meines Erachtens die entscheidenden Themen unserer Gesellschaft an und ist sehr nah bei den Menschen. Ich liebe seine Botschaft zum Thema Nachhaltigkeit. Deshalb retweete ich ihn so oft.

Haben Sie ihn schon einmal getroffen?
Nein, aber es wäre eine grosse Ehre für mich.

Sie könnten ihm sagen, dass es auch im Vatikan mehr Frauen in Führungspositionen braucht.
(lacht) Falls ich ihn treffe, werde ich es ihm sagen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.12.2017, 10:51 Uhr

Zur Person

Wir treffen Simona Scarpaleggia an der Simmons Leadership Konferenz in Genf, wo sie am späteren Abend vor Kaderfrauen aus aller Welt einen Vortrag hält. Die Römerin setzt sich seit Jahren dafür ein, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerkes «Advance – Women in Swiss Business» und sitzt im Gremium der UNO, das sich international für die Stärkung der wirtschaftlichen Stellung von Frauen einsetzt. Als CEO von Ikea Schweiz war sie 2016 für einen Jahresumsatz von 1,1 Milliarden Franken verantwortlich. Scarpaleggia studierte in Rom Politik- und Wirtschaftswissenschaften und machte später Karriere im Personalwesen. Seit 2000 arbeitet sie bei Ikea, zuerst in Italien und seit zehn Jahren in der Schweiz. Scarpaleggia ist verheiratet, 57 Jahre alt, hat drei Kinder im Alter von 19 bis 25 Jahren und wohnt mit ihrer Famile in der Region Zürich. (qsc)

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