«Der Buchautor bewegt sich im Missbrauchsfall auf dünnem Eis»

Ein Buch, das dem bekannten Pädagogen Jürg Jegge Kindesmissbrauch vorwirft, sorgt für Wirbel. Rechtsexperte Valentin Landmann erklärt die möglichen rechtlichen Konsequenzen für den Buchautor.

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Ein 58-jähriger Mann wirft dem bekannte Pädagogen Jürg Jegge in einem neuen Buch vor, dieser habe ihn vor dreissig Jahren sexuell missbraucht. Darf man solche Vorwürfe einfach so in einem Buch veröffentlichen?
Valentin Landmann: Grundsätzlich darf man das, wenn es sich um eine Person von öffentlichem Interesse handelt. Allerdings kann der Beschuldigte den Autor wegen Verleumdung und übler Nachrede einklagen. Falls der ­Autor die Missbrauchsvorwürfe nicht belegen kann, droht ihm eine Verurteilung. Zusätzlich könnte der Pädagoge Jegge auch Schadenersatz oder Genugtuung fordern. Wenn der Buchautor die Missbrauchsvorwürfe hingegen beweisen kann, wird man ihm wohl nichts angelasten können.

Was genau würde als Beweis, dass sexueller Missbrauch stattgefunden hat, anerkannt?
Der Autor müsste in einem Prozess beweisen können, dass die Missbrauchsvorwürfe stimmen. Wenn der Betroffene dann wegen Kindesmissbrauch strafrechtlich verurteilt wird, gilt die Tat als bewiesen. Aussagen des Opfers sind dabei ein wichtiges Beweismittel.

Die angeblichen Vorfälle liegen dreissig Jahre zurück. Der Buchautor geht davon aus, dass sie strafrechtlich gesehen verjährt sind. Ist das so klar?
Es ist gar nicht so sicher, dass das alles verjährt ist. Denn viele Sexualdelikte mit Kindern verjähren nach neuer Gesetzgebung nicht mehr. Ob die Vor­würfe im aktuellen Fall verjährt sind, hängt von den Übergangsbestimmungen ab. Allerdings dürfte es schwierig bis unmöglich sein, so lange ­zurückliegende Vorfälle vor Gericht zu beweisen.

«Wenn der Pädagoge Jegge den Autor des Buches einklagt, würde in einem Beweisverfahren abgeklärt werden, ob die Vor­würfe stimmen.»

Angenommen, die Vorfälle sind verjährt, gibt es eine andere Beweismöglichkeit?
Ja, allerdings müsste sie von der anderen Seite angestrengt werden: Wenn der Pädagoge Jegge den Autor des Buches einklagt, würde in einem Beweisverfahren abgeklärt werden, ob die Vor­würfe stimmen.

Der Anwalt des Buchautors sagte: «Nachdem wir keine Einigung über ein Schmerzensgeld finden konnten, wollte mein Mandant mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit treten.» Ist das nicht Erpressung?
Jedenfalls begibt sich das Opfer damit auf sehr dünnes Eis. Es kann im strafrechtlichen Sinn Erpressung sein. Es kommt allerdings drauf an, ob der Autor tatsächlich gedroht hat im Sinne von: Wenn du nicht zahlst, mache ich die Vorwürfe in einem Buch publik. Selbst wenn sich die Missbrauchsvorwürfe im Nachhinein erhärten, sind solche Drohungen strafbar. Es wäre dann nicht Erpressung, sondern Nötigung.

Im Buch wird dem Beschuldigten bewusst keine Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben. Darf man solche Vorwürfe publik machen, ohne die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen?
Nach journalistischer Ethik darf man das nicht. Rechtlich gesehen sieht es anders aus. Die Pflicht zur Ausgewogenheit gibt es rechtlich gesehen nicht. Wenn ­jemand eine Person von öffent­lichem Interesse wie Jegge in einem Buch schlechtmachen will, muss er rechtlich gesehen die Gegenseite nicht unbedingt zu Wort kommen zu lassen.

Aber auch die Publikation von bewiesenen Vorwürfen kann doch rechtlich gesehen eine Persönlichkeitsverletzung sein.
Das stimmt. Privatpersonen geniessen einen hohen Persönlichkeitsschutz. Bei öffentlichen Personen gilt dieser Schutz hingegen viel weniger stark.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.04.2017, 09:27 Uhr

Ein Autor schreibt sich seine Wut von der Seele

«Jürg Jegges dunkle Seite» heisst das umstrittene Buch, das seit gestern in den Buch­läden liegt. Der Autor Markus Zangger erhebt darin Missbrauchsvorwürfe.

Der gefeierte Pädagoge Jürg Jegge habe ihn jahrelang sexuell missbraucht. Dies schreibt Buchautor Markus Zangger in «Jürg Jegges dunkle Seite». «Die Schilderungen erscheinen mir authentisch und glaubwürdig», sagt die Psychotherapeutin Regula Schwager dazu im Buch. Da der Angeschossene nicht selbst zu Wort kommen durfte, ist das Ge­schehene radikal subjektiv aus Zanggers Perspektive erzählt. Das ist aus ethischer Sicht heikel. Doch Zanggers Furor ist offensichtlicht echt und macht das Buch zum Leseerlebnis. Diesen spürt man etwa, wenn der Autor beschreibt, wie er seinem ehemaligen Lehrer in einem Wutanfall entgegengeschleudert habe: «Wenn ich es mir recht überlege, bist du vielleicht gar kein Therapeut, sondern nur ein kleines, schwules Schwein.» Ein harter Vorwurf.

Zangger erklärt, wie Jegge ihn als 12-Jährigen wegen Schulschwierigkeiten einem Intelligenztest unterzog. Danach habe der Pädagoge dafür gesorgt, dass er dessen Sonderschule zugeteilt worden sei. Diese lag auf einem Bauernhof bei Embrach im Kanton Zürich. Bei sich daheim habe der Lehrer seinen Schüler dann einer «neuartigen» Therapie unterzogen: «Zuerst sass Jegge nur am Bettrand, um mich zu berühren. Später legte er sich nackt neben mich und forderte mich auf, gemeinsam mit ihm zu onanieren.» Zangger schildert die typischen Mechanismen, mit denen Täter ihre Opfer sexuell gefügig machen. Sein Lehrer habe ihn als verklemmt hingestellt, Schuldgefühle geweckt, indem er betont habe, wie er sich für seinen Zögling aufopfere, und ihm indirekt gedroht: «Wenn du das Gefühl hast, du könntest deine Probleme allein lösen, dann mach nur.» Erst mit 28 Jahren gelang es Zangger, sich aus der psychischen Abhängigkeit zu lösen. Er habe seinem Peiniger erklärt: «Mein Körper gehört mir, und ich entscheide, wer ihn wo berührt!»

Zwar fehlt eine Gegendar­stellung Jegges, doch dafür ist im Buch ein Brief abgedruckt, den der Pädagoge geschrieben haben soll. Darin meint dieser zu den damaligen Geschehnissen: «Seither sind sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsen sehr viel stärker kriminalisiert worden.» Auch deshalb würde er «so etwas» heute «nicht mehr unternehmen». Ein Schuldeingeständnis? Höchstens ein halbes, denn was «so etwas» ist, bleibt offen. (mjc)

Rücktritt von Jürg Jegge

Jürg Jegge ist gestern per sofort als Ehrenpräsident der Stiftung Märtplatz zurückgetreten. Am Tag zuvor war bekannt geworden, dass ein ehemaliger Schüler schwere Missbrauchsvorwürfe gegen den bekannten Schweizer Pädagogen erhebt. Der Stiftungsrat und die Geschäfts­leitung der Stiftung Märtplatz seien bestürzt und tief betroffen von den Vorwürfen, teilte die Stiftung am Mittwoch mit. Jegge hat diese als sozialpädagogische Institution 1985 gegründet. Seit seiner Pensionierung 2011 ist er nicht mehr operativ für sie tätig. Geschäftsleitung und Stiftungsrat distanzierten sich vom mutmasslichen Verhalten ihres Gründers. Die Vorwürfe, die der frühere Schüler erhebt, kamen gestern als Buch auf den Markt. Jegge kommt darin nicht zu Wort. Jugendpsychologe Allan Guggenbühl kritisiert das. Es ­laufe auf eine Hexenjagd hinaus. Zu reden gibt auch eine Äusserung des Anwalts des Buchautors. Demnach wurde Jegge zunächst um eine Abfindung angegangen. Erst als er ab­lehnte, wurde die Publikation ins Auge gefasst. (sda/red)

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