Der Amtsschimmel lässt die Hoteliers wiehern

Der Bund will saubereres Wasser in Schwimm- und Hotelbädern. Die Hotellerie wehrt sich gegen die Verordnung, bei der ziemlich viel unklar ist.

Ungesunde Badelandschaften? Der Bund will die Besitzer von Anlagen zur Sanierung zwingen.

Ungesunde Badelandschaften? Der Bund will die Besitzer von Anlagen zur Sanierung zwingen.

(Bild: Fotolia)

Dominik Galliker@DominikGalliker

Eigentlich ist es einfach: Würde die Regel in Kraft treten, würden eine unbestimmte Zahl Fälle der Krankheit, von der man nicht weiss, wie oft sie vorkommt, verhindert, wobei nicht absehbar ist, wie viel dies kosten würde. Nicht verstanden? Dann von vorne.

Badewasser ist jetzt ein Gebrauchsgegenstand. Das klingt lächerlich, klar, ist aber durchaus relevant. Das Wasser in Frei-, Hallen- und Hotelbädern muss neu den Anforderungen des Lebensmittelgesetzes gerecht werden. Die Regeln werden in der Schweiz vereinheitlicht. Letzte Woche lief beim Bund die Frist der Anhörung für eine neue Verordnung aus.

Unverhältnismässig?

Der Verband Hotelleriesuisse wehrt sich gegen die neuen Regeln. «Die Verhältnismässigkeit ist nicht gegeben», schreibt Christophe Hans, Leiter Wirtschaftspolitik. Tritt die Verordnung wie geplant 2016 in Kraft, bedeute das für etwa 320 Hotels: umbauen. In den nächsten fünf Jahren müssten sie ihre Badeanlagen sanieren. Das geht aus einer Studie des Bundes über die Folgen der Neuerungen hervor.

Konkret müssten die Hotels etwa neu die Filter ihrer Badeanlagen mit desinfiziertem Wasser durchspülen. Die Hotels müssten aufrüsten, es entstünden Kosten von rund 45'000 Franken, heisst es in der Studie. Ziel der neuen Verordnung ist es, die Legionärskrankheit (schwere Lungenentzündung) einzudämmen.

Die Erreger kommen vorwiegend im warmen, stehenden Wasser vor – etwa in Wasserleitungen, Duschköpfen oder Whirlpools. Knapp die Hälfte der erkrankten Personen muss ins Spital. In etwa 10 Prozent der Fälle ist die Krankheit tödlich, vorwiegend bei Menschen, die über 80 Jahre alt sind. Der Bund warnt, in den letzten Jahren seien steigende Fallzahlen gemeldet worden.

5 Fälle kosten 14 Millionen

Gemeldet werden jährlich gut 250 Fälle. Fast alle Personen stecken sich im Alltag an, einige auch während Reisen im Ausland. Nur etwa 5 der 250 Personen erkranken während Reisen in der Schweiz, also in Hotels oder auf Campingplätzen. Damit argumentiert Hotelleriesuisse: Wegen dieser 5 Fälle müssten die Hotels nun einen Grossteil der Kosten tragen, die wegen der neuen Regeln entstünden: Von total 18 Millionen Franken würden 14 Millionen auf Hotelbäder und andere kleinere Anlagen entfallen.

Dunkelziffer unklar

Liest man die Studie des Bundes, sieht das Bild jedoch völlig anders aus. Hier ist nicht von 250 Fällen pro Jahr die Rede, sondern von ungefähr 2400 Erkrankungen und 240 Todesfällen. «Experten gehen davon aus, dass es bei der Legionärskrankheit eine Dunkelziffer von rund 90 Prozent gibt», sagt Studienautor Thomas Oesch vom Büro Bass. Selbst bei Todesfällen würde die Legionärskrankheit oft nicht als solche diagnostiziert. Die 2400 Fälle seien eine Schätzung, so Oesch, aber die plausibelste, die aktuell möglich sei.

Wie zuverlässig die Zahlen sind, bleibt offen. Das Bundesamt für Gesundheit bestätigt lediglich, dass es eine Dunkelziffer gibt. Hotelleriesuisse zweifelt derweil offen. «Wir stützen uns auf die offiziellen Zahlen», so Christophe Hans, «denn diese sind gesichert.»

Wobei: Gesichert ist bei der neuen Verordnung praktisch gar nichts. Die Experten wagen keine Prognose, wie viele Fälle mit den neuen Regeln verhindert würden. Und auch bei den Kostenfolgen ist keine klare Aussage möglich. Dies zum Beispiel, weil viele Hotels ohnehin investieren müssten.

In einigen Kantonen – darunter auch Bern und Zürich – gelten die neuen Regeln bereits heute auf Kantonsebene. Sie werden aber nur dann angewandt, wenn Schwimmbäder saniert oder neu gebaut werden. Insgesamt ist die Verordnung eine ziemliche Wundertüte. Das schreiben auch die Autoren der Studie: «Wir sind nicht in der Lage abzuschätzen, ob der Nutzen der Regulierung höher ist als die Kosten».

Berner Zeitung

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