Den Schwarzfahrer-Stempel kriegt Céline nicht los

Obwohl die 17-Jährige immer ein Ticket hatte, droht ihr eine Strafanzeige. Ihre Geschichte könnte sich bald tausendfach wiederholen.

Wer in einer Billettkontrolle hängen bleibt, kommt im Raum Zürich und in der Ostschweiz schon heute in ein zentrales Register.

Wer in einer Billettkontrolle hängen bleibt, kommt im Raum Zürich und in der Ostschweiz schon heute in ein zentrales Register.

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Christoph Aebischer@cab1ane

Céline* ist gebrandmarkt: Die 17-Jährige trägt den Stempel Schwarzfahrerin. 410 Franken zahlten ihre Eltern bereits an Strafgebühren. Nun droht eine Strafanzeige. Dabei fuhr Céline gar nie schwarz. Trotzdem ist ihr Name nun im seit 15 Jahren existierenden zentralen Register für Schwarzfahrer im Raum Zürich und in der Ostschweiz vermerkt. Ihre Familie sitzt auf Nadeln.

Begonnen hat Célines Pech im Sommer 2017. Sie hatte damals ein Generalabonnement. Dass sie nachts einen Nachtzuschlag lösen musste, war ihr nicht bewusst. Im Dezember dann, als sie nur noch ein Streckenabonnement besass, fuhr sie irrtümlicherweise über die Zonengrenze hinaus. Im Januar diesen Jahres wurde sie schliesslich in einem Postauto Opfer eines Missverständnisses. Statt des verlangten ganzen Billetts händigte ihr der Chauffeur ein halbes aus. Die Kontrolleurin, die Céline noch im selben Bus anhielt, glaubte ihr nicht. Céline war jedoch gar nie Inhaberin eines Halbtaxabonnements und löste in den Tagen davor immer ein ganzes Billett für die betroffene Strecke.

Célines Mutter befürchtet, dass sich das Schicksal ihrer Tochter x-fach wiederholen wird. Denn im Verlaufe des nächsten Jahres wird ein gesamtschweizerisches Schwarzfahrerregister eingeführt. Der Entscheid dazu fiel Anfang Februar. Eingetragen wird selbst, wer einen teilgültigen Fahrausweis dabei hat. Pro Jahr werden in der Schweiz rund 800'000-mal Personen ohne oder mit falschem Fahrausweis angehalten. «Es besteht die Gefahr, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird», sagt Célines Mutter nun. In einem mehrseitigen Bericht schildert sie die erlebte Odyssee und wie bei den Kontrollen Nulltoleranz galt. Von Kulanz – welche die Stiftung für Konsumentenschutz als Bedingung für das Schwarzfahrerregister fordert – zumindest in diesem Fall keine Spur.

Im Teufelskreis gefangen

Sämtliche Interventionen der Eltern bei Unternehmen und Ombudsstelle blieben bisher chancenlos. Die Mutter schreibt konsterniert: Nirgendwo sonst werde in vergleichbarer Weise mit Konsumenten umgegangen: «Ein Transportunternehmen darf Daten sammeln und diese anderen zur Verfügung stellen – gewissermassen ein eigenes Strafregister.» Jedes weitere Vergehen führe automatisch zur nächst höheren Bestrafung: zuerst 90, dann 130 und dann 160 Franken, in der Regel kommt beim dritten Mal eine Strafanzeige hinzu.

Den Teufelskreis durchbrechen kann Céline nur, wenn sie zwei Jahre lang gar keinen Fehler mehr macht. Erst, wenn ihr das gelingt, werden die Einträge gelöscht. Bis dahin, da die Unternehmen – anders als eine Behörde – Kläger und Experten gleichzeitig sind, sitzen die Beschuldigten am kürzeren Hebel. Das stört Célines Mutter gewaltig.

Die Vorfälle ereigneten sich alle im Einzugsgebiet des Tarifverbunds Ostwind. Dessen Geschäftsstelle war nicht erreichbar. Betroffen waren die Unternehmen Appenzeller Bahnen, Thurbo und Postauto AG. Letztere beantwortete eine Anfrage und konnte eine gewisse Entspannung mitteilen: Man werde aus Kulanzgründen auf eine Anzeige verzichten und die dafür bereits eingezogenen 50 Franken zurückerstatten, schreibt die Medienstelle. Allerdings halte man an der Darstellung fest, dass Céline tatsächlich ein halbes und kein ganzes Billett verlangt habe. Die Neuigkeit ist noch nicht bei Célines Mutter eingetroffen, wie diese am Telefon sagt.

SP-Nationalrätin übt Kritik

Thomas Ammann kann sich zum konkreten Einzelfall nicht äussern. Er ist Sprecher von Ch-direct, der Geschäftsstelle jener Organisation, die gegenwärtig für 250 Transportunternehmen das nationale Register aufbaut. Aber er räumt ein, dass es bei Céline «unglücklich» gelaufen sei. Die Einträge kämen einer «Vorverurteilung» gleich.

Auch das neue Register wird diesen Makel haben. Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, die Célines Leidensgeschichte kennt, stört das. So wie bei ihr dürfe es eben nicht funktionieren. «Es braucht eine Praxis, die einem Rechtsstaat entspricht», fordert sie. Ch-direct müsse darum nebst einer zentralen Erfassung auch eine zentrale Ansprechstelle für Reklamationen aufbauen. Zudem müssten die Transportunternehmen von ihren Kontrolleuren explizit Kulanz einfordern.

Den ersten Punkt könne man erfüllen, sagt Ammann, den zweiten nicht. «Es soll künftig eine zentrale Stelle für Problemfälle geben und ein Onlineportal, auf dem man beispielsweise vergessene Fahrausweise nachmelden kann.» Zur Kulanz könne er hingegen im Namen der Branche nichts sagen, diese bleibe Sache der einzelnen Transportunternehmen.

Célines Mutter befriedigt diese Antwort nur halbwegs. Ihre Tochter habe nie in betrügerischer Absicht gehandelt, sondern ganz einfach Fehler gemacht. Diese kamen Célines Eltern teuer zu stehen: Statt der «Deliktsumme» von 14.80 Franken zahlten sie fast das 30-Fache.

(* Name geändert)

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