«Die Kandidatur ist ein Murks»

Seit über 60 Jahren begehe die Schweiz dieselben Fehler bei Kandidaturen für sportliche Grossanlässe. Tourismus- und Sport­experte Hansruedi Müller sieht schwarz für «Sion 2026».

Sion ist als Hostcity der Olympischen Spiele vor- gesehen.

Sion ist als Hostcity der Olympischen Spiele vor- gesehen. Bild: Swiss Image

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Der Bundesrat will eine Milliarde Franken aufwerfen für «Sion 2026». Wird das reichen, Herr Müller?
Hansruedi Müller: Das sind ja nicht alle öffentlichen Gelder, die in die Olympischen Winterspiele fliessen werden. Die involvierten Kantone und Gemeinden werden ebenfalls mitzahlen. Ob die Milliarde jedoch auch für die Sicherheitskosten reicht, wie dies am Donnerstag kommuniziert worden ist, bin ich mir nicht sicher. Zum ­heutigen Zeitpunkt sind diese Kosten schwer zu beziffern. Bei den Skiweltmeisterschaften in St. Moritz stiegen diese wegen der Terroranschläge kurz davor im letzten Moment noch an.

Die Schweiz sei nicht prädestiniert für Olympische Spiele, ­sagten Sie im Frühjahr zu dieser Zeitung. Warum?
Unsere Zentren mit den Flugplätzen befinden sich weit weg von den alpinen Stationen. Zu diesem geografischen Handicap kommt unser direktdemokratisches System hinzu. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich schätze dieses sehr. Aber es hat sich als schwierig erwiesen, ein Projekt so aufzugleisen, dass es im demokratischen Prozess besteht und zugleich das Internationale Olympische Komitee (IOC) überzeugt. Darum scheiterten wir bisher immer.

Warum versuchen wir es stets von neuem?
Es gibt immer Leute, die der Welt zeigen wollen, dass die Schweiz weiss verschneite Berge besitzt und fähig ist, einen solchen Grossanlass zu organisieren.

Wer genau abstimmt, ist nach wie vor unklar. Der Bundesrat will insbesondere keine nationale Abstimmung. Was halten Sie davon?
Ich verstehe das nicht. Die Milliarde, die Sicherheitsfragen und eine allfällige Austragung der Spiele zeigen doch gerade, dass dies eine nationale Angelegenheit ist. Man hätte von Anfang an einen gesamtschweizerischen Urnengang inklusive Termin festlegen sollen. Stattdessen ist bis heute unklar, wer nun abstimmen wird. Das ist keine gute Vorbereitung.

Lässt sich dieser Prozess überhaupt noch retten?
Ich hoffe, dass diese Fragen nun verbunden mit der Bundesratsvorlage noch angegangen werden. An eine nationale Abstimmung glaube ich nicht mehr. Einerseits spricht der Zeitdruck dagegen, anderseits die öffent­liche Diskussion, die ein Abstimmungskampf auslösen würde. Das IOC, das seinen Sitz in Lausanne hat, wird dann stets mit Vorwürfen und Zweifeln zu Gigantismus, Korruption et cetera konfrontiert. Die Freude darüber hält sich beim IOC in Grenzen.

Das IOC sähe also lieber gar ­keine Volksabstimmungen.
Tatsächlich wäre es dem IOC wohl recht, wenn nur im Kanton Wallis abgestimmt würde.

Jeder Anlauf für Olympische Spiele seit 1948 scheiterte. Die Chancen stehen dieses Mal nicht besser, wenn man Sie reden hört.
Wohl nicht.

Also ausser Spesen nichts gewesen: Verbrennen die 24 Millionen Franken für die Bewerbungskampagne nutzlos?
Ich weiss nicht, wie die Ausgaben etappiert sind. Ich glaube nicht, dass alle 24 Millionen verloren sein werden. Aber es wurde wieder sehr viel Aufwand betrieben für etwas, das von Anfang an ein Murks war.

Sie sagten an anderer Stelle, wenn man antritt, dann um zu gewinnen. Was machen wir konkret falsch?
Heute ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür, diese Frage zu erörtern. Immerhin sehe ich für die jetzige Kandidatur noch eine Chance: Sollte das IOC zwei Spiele miteinander vergeben, wie es dies bei den Sommerspielen tat, könnte sich die Schweiz auch für jene von 2030 bewerben. Dann wäre Zeit dafür, die aktuellen Defizite zu beheben. Das gegenwärtige Konzept bietet zu wenig Antworten auf wichtige Fragen.

Olympiafans beklagen die fehlende Euphorie der Schweizer. Vielleicht ist es ja nur eine gesunde Skepsis. Am Ende folgten noch immer der Kater und rote Zahlen, wie Studien zeigen.
Das allein ist es nicht. In der Schweiz fehlt auch die Tradition für solche Grossanlässe. Lange Zeit waren das Eidgenössische Turnfest und die Tour de Suisse die grössten Sportanlässe. Dann wagte man sich 2003 an die Skiweltmeisterschaften in St. Moritz, die immerhin ein 80-Millionen-Budget aufwiesen. Und 2008 folgten die Fussball-Europameisterschaften. Solche Anlässe passen mittlerweile zu unserem Land. Für grössere Kisten fehlt nach wie vor das Vertrauen.

Völlig zu Recht offenbar, wenn man die Erfahrungen im Ausland nüchtern bewertet.
Die neue Agenda 2020 des IOC, mit der Spiele wieder in einen nachhaltigen Rahmen zurückgeführt werden sollen, macht dezentral ausgerichtete Spiele ohne übergrosse Stadien und finanzielle Löcher wieder denkbar. Bisher konnte zwar noch niemand den Nachweis dazu erbringen, aber der Wille dazu ist vorhanden. Nur, selbst wenn dies gelingen sollte: Das ist mir zu wenig.

Warum?
Man muss sich fragen, weshalb man einen solchen Grossanlass durchführen möchte. Für den Beweis, dass es im Winter Schnee hat und die Schweiz einen solchen Anlass stemmen kann, bieten sich andere Gelegenheiten. Die Hebelwirkung, die Olympische Spiele ohne Zweifel haben, müssten für höhere Ziele genutzt werden.

Was verstehen Sie darunter?
So wie London 2012 den Docklands neues Leben einhauchte, könnte im Rahmen von «Sion 2026» die Industriebrache Collombey im Kanton Wallis umgenutzt werden. Dort sollte eines der beiden olympischen Athletendörfer entstehen.

Dieses Projekt ist wie jenes in Thun ja bereits gestorben.
Ja, leider. Ein Doppelspurausbau des Lötschbergtunnels hätte ebenfalls ein solches Ziel sein können. Nachdem der Bundesrat dem Ausbau des Tunnels kürzlich nur zweite Priorität eingeräumt hat, bleibt auch das utopisch.

Also fehlt «Sion 2026» heute eine solche Dimension?
Ich jedenfalls sehe nichts, was als positives Vermächtnis gelten könnte.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2017, 13:11 Uhr

Zur Person

Der heute 70-jährige Hansruedi Müller war 2006 bis 2015 Präsident von Swiss Athletics, dem Schweizerischen Leichtathletikverband. In dieser Funktion ­präsidierte er 2014 den Verwaltungsrat der Leichtathletik-Europameisterschaften Zürich.

Davor leitete Müller zwischen 1989 und 2012 das Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus der Universität Bern. Hansruedi Müller gehörte der Begleitgruppe an, welche die Wirkung der diesjährigen Skiweltmeisterschaften in St. Moritz untersuchte. Im Unterschied zu «Sion 2026» war er von diesem sportlichen Grossereignis begeistert. cab

Hansruedi Müller hält wenig vom Olympiaprojekt. (Bild: Urs Baumann)

Plötzlich Mitfavorit

Das Internationale Olympische Komitee sieht sich einmal mehr mit Gegenwind konfrontiert. Im Frühling sprach sich Stockholms Bürgermeisterin Kerstin Wanngard mangels politischen Supports gegen eine Kandidatur für die Winterspiele 2026 aus. Am letzten Sonntag versenkte das Tiroler Stimmvolk die Pläne der Stadt Innsbruck, obwohl sich zahlreiche Koryphäen des österreichischen Wintersports für Olympia ins Zeug gelegt hatten und die benötigte Infrastruktur in der Tourismushochburg grossmehrheitlich vorhanden ist. Dem IOC ist es offensichtlich noch nicht gelungen, genügend Kritiker davon zu überzeugen, dass es sich beim Reformpaket «Agenda 2020» um mehr als einen Papiertiger handelt.

Aus der Perspektive der führenden Köpfe von «Sion 2026» stellt der Rückzug des Favoriten aus dem Nachbarland eine signifikante Veränderung der Ausgangslage dar. Sollte es den ­Initianten gelingen, die innenpolitischen Hürden zu meistern, stünden die Chancen auf einen Zuschlag ausgezeichnet – sofern sich die Absichten von Lillehammer nicht innert kurzer Zeit konkretisierten, was unwahrscheinlich ist. Als einziger kompetitiver Konkurrent verbliebe Calgary, wobei der Gegner zum Partner werden könnte. Hätte das IOC die Wahl zwischen Sion und Calgary, käme es vermutlich zu einer Doppelvergabe – wie jüngst im Fall der Sommerspiele 2024 und 2028 geschehen. Weil die Kanadier bereits 2010 (Vancouver) als Gastgeber fungierten, dürfte Sion in diesem Fall den Vorzug erhalten. Calgary wäre dann 2030 an der Reihe. mjs

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