Das Rote Kreuz bildet Flüchtlinge zu Pflegehelfern aus

Das Schweizerische Rote Kreuz bildet dieses Jahr in einem Pilotprojekt 176 Flüchtlinge zu Pflegehelfern aus. Nötig wären jedoch 5000 Ausbildungsplätze für solche Anlehren. Ansonsten drohen hohe Sozialhilfekosten.

Drei angehende Pflegehelfer: Gebrezgi Araya (von links), Rahel Tesfazghi und Saikou Camara.

Drei angehende Pflegehelfer: Gebrezgi Araya (von links), Rahel Tesfazghi und Saikou Camara.

(Bild: Andreas Blatter)

Christoph Aebischer@cab1ane

Wenn alles klappt, sind Rahel Tesfazghi, Gebrezgi Araya, beide aus Eritrea, und Saikou Camara aus Gambia in rund einem Jahr ausgebildete Pflegehelfer. Alle drei sind anerkannte Flüchtlinge. Sie gehören zu den Ersten, welche die neuerdings für Migranten adaptierte einjährige Anlehre zum Pflegehelfer SRK absolvieren können. Beim Pilotprojekt machen zwanzig Kantonalsektionen des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) mit. 360 Personen nehmen teil, 53 Prozent davon sind entweder anerkannte Flüchtlinge oder vorläufig aufgenommene Personen.

Bund, Kantone und Gemeinden sind interessiert daran, dass Migranten Arbeit finden. Die Eidgenössische Migrationskommission betont gar, Integration müsse mit dem ersten Tag beginnen. Aus gutem Grund: Finanziell tickt eine Zeitbombe. Seit 2012 kamen in der Schweiz 55'000 Flüchtlinge hinzu. Eine Auswertung des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigt, dass weniger als die Hälfte aller Flüchtlinge nach zehn Jahren arbeiten.

Wer mehrere Jahre von der Sozialhilfe abhängig war, schafft den Einstieg in den Arbeitsmarkt oft nicht mehr. Und weil sich der Bund je nach Status der Migranten nach fünf bis sieben Jahren aus der Finanzierung zurückzieht, belasten sie danach die Sozialhilfebudgets von Kantonen und Gemeinden.

Angesichts dessen sind solche Anlehren für die Sozialbehörden wichtig. Felix Wolffers, Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, rechnet vor, dass sich die Kurskosten von 9000 Franken schon nach einem Jahr auszahlten, sofern der Flüchtling eine Stelle finde. Ein Jahr in der Sozialhilfe kostet die öffentliche Hand nämlich 25'000 Franken.

Sprache steht am Anfang

Generell gilt: Wer die Sprache nicht kann, findet keine Arbeit. Der Ausbildungsgang der SRK, Sesam genannt, fördert darum zu Beginn gezielt die Deutschkenntnisse. Nur wer das Niveau B1 erreicht, kann mit dem eigentlichen Lehrgang beginnen. Dieser setzt neben theoretischen Modulen auf sieben Monate Praxiserfahrung, begleitet von freiwilligen Coaches. Die drei Afrikaner, die am Montag in Zollikofen BE den Medien bei der Präsentation des Projekts Rede und Antwort standen, haben in ihrer Heimat abgesehen von der Schule bisher keine richtige Ausbildung absolviert. Nun sind sie hoch motiviert, dieses Defizit zu beheben.

Doch die Hürden für die Arbeitsintegration sind nach wie vor hoch, klagt Stefan Frey von der Schweizer Flüchtlingshilfe auf Anfrage: «Es hat sich nichts geändert», sagt er. Bisher fehle ein kohärentes System.

Bund plant Erleichterungen

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat im Januar 2016 nun Verbesserungen angekündigt. Derzeit läuft die Vernehmlassung zu ihren Änderungsvorschlägen. Abgeschafft werden soll die ­Sondersteuer, die arbeitstätige Flüchtlinge zu entrichten haben. Zu die üblichen Abgaben kommt derzeit noch einmal eine Steuer in der Höhe von 10 Prozent hinzu. Zudem soll das komplizierte Genehmigungsverfahren vereinfacht werden, das Arbeitgebern heute das Einstellen von Flüchtlingen erschwert. Schliesslich soll der Status der vorläufig Aufgenommenen überprüft werden. Personen mit diesem Status arbeiten nach zehn Jahren signifikant weniger häufig als anerkannte Flüchtlinge.

Pflegehelfer sind gesucht

Selbst wenn diese Erleichterungen einmal greifen, bleiben Flüchtlinge anderen Arbeitssuchenden nicht gleichgestellt. Sie dürfen von Gesetzes wegen weiterhin erst eingestellt werden, wenn die Situation auf dem Arbeitsmarkt es zulässt.

Hier hakt Skos-Co-Präsident Wolffers ein: «In der Pflege ist der Bedarf für zusätzliches Personal nachweislich vorhanden», sagt er. Darum sei dieser Ausbildungsgang eben nicht einfach «l’art pour l’art». Aber bisher ein Tropfen auf einen heissen Stein: «Für eine wirkungsvolle Integration müssten wir eigentlich 5000 solche Ausbildungsplätze haben», ergänzt er.

Neben dem SRK-Bildungsgang sind erst wenige ähnliche Angebote bekannt, etwa der Lehrgang Riesco des Wirteverbands Gatrosuisse oder «Perspektive Bau» des Baumeisterverbands. Das SEM fördert im Rahmen des Pilotprogramms «Inte­grationsvorlehre und frühzeitige Sprachförderung» zwischen 2018 und 2022 mit 54 Millionen Franken 800 bis 1000 solche Ausbildungsplätze. Das SRK-Projekt erhält vom Bund als Starthilfe eine Million Franken.

Von den drei Flüchtlingen aus Afrika, die am Pilotprojekt in Zollikofen teilnehmen, hatte bis jetzt nur gerade Saikou Camara (28) die Gelegenheit, Geld zu verdienen. «Ich arbeitete als Küchen-, Putzgehilfe und auf dem Bau», erzählt er. Camara ist bereits seit sechs Jahren in der Schweiz, Gebrezgi Araya (34) seit drei und Rahel Tesfazghi (25) seit viereinhalb Jahren.

Alle drei möchten nach dem Abschluss weiterfahren und sich zu Fachangestellten Gesundheit weiterbilden. Sollte das nicht auf Anhieb klappen, stehen die Chancen auf einen Job auch so nicht schlecht. Gemäss Angaben des SRK finden 86 Prozent der Absolventen der Pflegehelferausbildung zum Beispiel in Altersheimen, in der Spitex oder in privaten Haushalten eine Anstellung.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt