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Das Rennen beginnt neu

«Mit einem Vorsprung von gerade mal 927 Stimmen auf BDP-Ständerat Werner Luginbühl hat SVP-Ständerat Adrian Amstutz mit 143'350 Stimmen das beste Resultat der gestrigen Ständeratswahlen im Kanton Bern erzielt. »

Damit stehen die beiden früheren Parteifreunde aus dem Berner Oberland beim zweiten und entscheidenden Wahlgang am 20.November in der Poleposition. Doch haben Amstutz und Luginbühl die Stichwahl bereits gewonnen? Können sie die ungeteilte bürgerliche Standesstimme verteidigen?

Die Chancen hierzu sind intakt. Kurz nach der Bekanntgabe der Wahlresultate hat der Berner FDP-Präsident Peter Flück klargemacht, dass der zweite Wahlgang für seine Partei kein Thema mehr sei. Bleibt die Frage: Was passiert mit den gut 65'000 Stimmen, die FDP-Ständeratskandidat Christian Wasserfallen erzielte und jetzt preisgibt? Flück und die freisinnige Parteiführung haben entschieden: SVP und BDP sollen die Stimmen erben. Oberstes Ziel müsse die ungeteilte bürgerliche Standesstimme sein. Die FDP soll zur Königsmacherin der Berner Ständeratswahlen 2011 werden.

Nur: Viele freisinnige Wählerinnen und Wähler haben ihre Stimme bereits im ersten Wahlgang dem SVP- oder dem BDP-Kandidaten gegeben. Deshalb werden nicht sämtliche 65'000 freisinnigen Stimmen der SVP und der BDP zufallen. Kommt dazu, dass SVP-Kandidat Adrian Amstutz als Gegner der bilateralen Verträge für viele FDP-Mitglieder nicht wählbar ist. Nutzniesser könnte neben Werner Luginbühl der wirtschaftsfreundliche SP-Ständeratskandidat Hans Stöckli sein. Möglich wäre auch, dass FDP-Wählende nur einen Namen auf den Wahlzettel schreiben oder dem zweiten Wahlgang gänzlich fernbleiben.

Entscheidend wird auch sein, wie SVP und BDP sich jetzt verhalten. «Wir sind offen für alles», sagt SVP-Kantonalpräsident Rudolf Joder. Doch was ist seine Aussage wert? Bisher war ein gemeinsames Marschieren mit der abtrünnigen BDP kein Thema. Gerade Werner Luginbühl, der von der SVP in den Ständerat gehievt worden war und dann zur BDP wechselte, wird von vielen SVP-Mitgliedern als eigentlicher Verräter betrachtet. Für sie ist Luginbühl nicht wählbar. Das Gleiche gilt bei der BDP für Amstutz. Als klarer Vertreter des unzimperlich politisierenden Zürcher SVP-Flügels war Amstutz mit ein Grund für die Teilung der Berner SVP. Die Zerstrittenheit der Bürgerlichen könnte die Chance für die SP sein.

Zwar liegt selbst der zweitplatzierte Luginbühl beachtliche 13'790 Stimmen vor dem drittplatzierten SP-Nationalrat Hans Stöckli. Doch chancenlos ist der frühere Bieler Stadtpräsident im zweiten Wahlgang nicht. Er, der am rechten Flügel der SP politisiert, hat sich bis ins bürgerliche Lager Respekt verschafft. Diese Bürgerlichen dürften Hans Stöckli die Stimme bereits im ersten Wahlgang gegeben haben. Doch er will weitere Kräfte hinzugewinnen. «Ich werde die letzten Kräfte mobilisieren und noch bei weiteren Wirtschaftsvertretern anklopfen», betont Stöckli.

«Wir müssen jetzt in die Hosen, und wir werden es packen», gibt sich SP-Ständeratskandidat Stöckli optimistisch. Seine Zuversicht ist nicht grundlos. Stöckli hofft auf die Unterstützung der Grünen und der Mitte-links-Parteien. Mit 106'081 Stimmen hat der Stadtberner Grüne Alec von Graffenried zwar das viertbeste Resultat erzielt, doch sein Abstand zum drittplatzierten Stöckli ist mit gut 22'000 Stimmen beträchtlich. Wenn Parteipräsident Blaise Kropf sagt, «unser Ziel im zweiten Wahlgang muss eine Art ‹Koalition der Vernunft› gegen ganz rechts sein», dann kann dies nur eines heissen: Alec von Graffenried verzichtet auf den zweiten Wahlgang. Grüne und SP marschieren gemeinsam. Weil die Mehrheit der gut 106'000 Stimmenden, die von Graffenried unterstützt haben, auch den Namen Stöckli auf den Stimmzettel geschrieben haben, dürfte der SP-Ständeratskandidat wenige neue grüne Stimmen abschöpfen können.

Stöckli kann als Ständerat nur dann eine Chance haben, wenn er neben den wenig ergiebigen Zusatzstimmen der Grünen auf die Unterstützung von EVP, CVP und einem Teil der FDP zählen kann. Die EVP-Ständeratskandidatin Marianne Streiff erzielte beachtliche 22'725 Stimmen, CVP-Kandidat Norbert Hochreutener immerhin knapp 10'000 Stimmen, und selbst PdA-Kandidat Rolf Zbinden kam auf gut 4500 Stimmen. Mit diesen zusätzlichen Mitte-links-Stimmen und jenen der Grünen könnte Stöckli eine Chance zum Einzug in den Ständerat haben. Zur Erinnerung: Stöckli blieb beim gestrigen Wahlgang nur 13'790 Stimmen hinter dem zweitplatzierten Werner Luginbühl zurück.

Entschieden ist das Rennen um die beiden Berner Ständeratssitze nicht. Bei der Stichwahl am 20.November werden die Karten weitgehend neu gemischt.

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