«Das Nationaltier ist enthornt»

Das Stimmvolk lehnt die Hornkuhinitiative ab. Initiant Armin Capaul und seine Mitstreiter sind enttäuscht – und wollen weiter für ihr Anliegen kämpfen.

Acht Jahre gekämpft: Initiant Armin Capaul. Foto: Keystone

Acht Jahre gekämpft: Initiant Armin Capaul. Foto: Keystone

Sarah Fluck@sa_fluck

Im bernischen Moutier begrüsst ein Alphornbläser die Ankömmlinge mit der Melodie zu «Dert äne am Bärgli». Der Initiant der Hornkuhinitiative, Armin Capaul, schmückt derweil vor dem Restaurant de la Gare ein selbst gebasteltes Bäumchen mit Hornschalen. Ob er den «Schlotteri» vor dem heutigen Tag habe, wird er gefragt. «Nein, wir haben gemacht, was wir konnten.»

Als kurz nach zwölf Uhr die ersten Hochrechnungen verkündet werden, steht Capaul allein mit rotem Schweizer Fähnli über der Schulter vor der Übertragungsleinwand. Er schüttelt den Kopf.

Zum Schluss werden sich 54,7 Prozent der Stimmbürger dagegen aussprechen, Haltern von Hornkühen und Hornziegen Subventionen zu bezahlen. Gerade einmal sechs Kantone können sich für das Anliegen begeistern. Darunter Schaffhausen, wo einzig 31 Stimmen den Unterschied machten. In der Tendenz legten eher jene Kantone ein Ja in die Urne, die weniger landwirtschaftlich geprägt sind.

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Weiter ist zu sehen, dass von den zehn grössten Städten acht der Initiative zugestimmt haben. Einzig in Lugano und St. Gallen konnte das Anliegen nicht punkten. Politologe Nenad Stojanovic sieht dafür zwei Erklärungen: Einerseits seien in der Mehrheit dieser Städte SP und Grüne stark vertreten. Beides Parteien, die die Ja-Parolen beschlossen haben. Andererseits blieben viele Städter ohne Berührungspunkte mit der Landwirtschaft: «Sie folgen einem idealisierten Image der Schweiz.»

In Moutier wendet sich Capaul wieder den Kameras zu: «Die Gewinner sollen jetzt der Welt erklären, weshalb sie das Schweizer Nationaltier mit dieser Abstimmung enthornt haben.» Trotzdem: Dass die Kühe wieder ins Bewusstsein der Menschen gerückt seien, werte er als Erfolg.

Nach ein paar Ruhetagen treffe sich die Interessengemeinschaft Hornkuh Anfang Dezember ­wieder, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Vermutlich werde das Komitee versuchen, auf Gesetzesebene anzusetzen. Hierzu könnte nochmals der indirekte Gegenentwurf der Wirtschaftskommission des Nationalrats ins Spiel kommen. Dieser wurde vom Parlament verworfen.

Bundesrat lobt Capaul

Auch die Grüne Partei bedauert das Nein zur Initiative. Damit vergebe die Schweiz eine Chance für mehr Tierschutz durch ein vernünftiges Anreizsystem. Die Partei will sich im Rahmen der künftigen Agrarpolitik dafür einsetzen, dass Landwirte für besonders tierfreundliche Haltung angemessen entschädigt werden.

Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann – der nach dem heutigen Tag mit einem Abstimmungserfolg in den Ruhestand gehen kann – zollte gestern vor den Bundeshausmedien Armin Capaul seinen Respekt. Er habe gezeigt, dass eine Person praktisch im ­Alleingang ein Anliegen vor das Volk bringen könne: «Chapeau!» Das Abstimmungsresultat sei keine Absage an die horntragenden Tiere. Doch: «Mit dem Nein haben die Bürgerinnen und Bürger der heutigen Agrarpolitik ihr Vertrauen ausgesprochen», sagte Schneider-Ammann.

«Chapeau»: Bundesrat Schneider-Ammann zur Hornkuhinitiative.

Derweil halten sich die Gegner der Initiative mit dem Siegesjubel zurück. Die BDP erklärte sich zwar glücklich, dass sich die Mehrheit gegen die Initiative entschieden habe. Auch wenn man grundsätzlich dafür sei, Massnahmen zu fördern, die dem Tierwohl insgesamt zugutekommen. So sagte der Bündner Landwirt und BDP-Nationalrat Duri Campell zu SRF, dass ­angesichts eines Ja-Stimmen-Anteils von 45 Prozent im Rahmen der künftigen Agrarpolitik über einen bescheidenen Beitrag für die Hornviehhaltung gesprochen werden müsse.

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Der Präsident des Bauernverbandes, CVP-Nationalrat Markus Ritter, sieht im gestrigen Abstimmungsresultat «Symbolpolitik», da die notwendige Verfassungsbestimmung zur Einführung eines Direktzahlungsbeitrags bereits bestehe. «Die Ausgangslage für einen finanziellen Beitrag für Horntiere ist nach dieser Volksabstimmung allerdings schwieriger und nicht einfacher geworden», sagt Ritter. So würde das Vertrauen ins Parlament verletzt, wenn es sich nach diesem expliziten Nein auf Gesetzesstufe über diesen Volksentscheid hinwegsetzen würde.

Weltweites Medienecho

Was bleibt Initiant Armin Capaul nach dem Kampf der vergan­genen acht Jahre? Geschätzte 5000 Medienberichte, zwei Bücher, ein Wikipedia-Eintrag – und letzten Monat wurde öfter nach seinem Namen gegoogelt als nach Bundesrat Schneider-Ammann. Er hat ein enormes Medienecho ausgelöst – auch über die Landesgrenze hinaus. «Letzte Woche hat die ‹New York Times› angerufen, gestern ein Journalist aus Kenia», sagt Capaul.

Mit dem Anliegen rund um die Horntiere kam dieses Jahr bereits die dritte agrarpolitische Volksinitiative an die Urne (Ernährungssouveränität, Fair Food). Zwei weitere Begehren stehen bevor: die Initiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung sowie ein Volksbegehren für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide. Weiter läuft derzeit die Unterschriftensammlung für die sogenannte Massentierhaltungsinitiative, die die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere in der Verfassung verankern will.

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