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Das magische Schützenhaus

Heute trifft sich die Zürcher Kantonalpartei im Schützenhaus Albisgüetli – wie alle Jahre zum Hochamt mit Christoph Blocher.

Hannes Nussbaumer
Heimspiel: Christoph Blocher bei seinem Albigüetli-Ritual 2008.
Heimspiel: Christoph Blocher bei seinem Albigüetli-Ritual 2008.

Als sich am 3. Februar 1989 die Zürcher SVP und ihr damaliger Präsident Christoph Blocher zum ersten Mal im Schützenhaus Albisgüetli versammelten, war es drei Wochen her, seit sich FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp Hals über Kopf aus dem Bundesrat verabschiedet hatte.Eine bemerkenswerte Konstellation. Der Kopp-Skandal symbolisiert das Ende der «alten» politischen Schweiz: der Schweiz des Freisinns. Das erste Treffen am Fuss des Uetlibergs versinnbildlicht den Anfang der «neuen» politischen Schweiz: der Blocher-Schweiz.

In den nun 22 Albisgüetli-Jahren vermochte die SVP ihren Wähleranteil zu verdreifachen. Zum Triumphzug beigetragen hat der Umstand, dass sie sich vom Image der typischen Landpartei befreien konnte. Heute ist die SVP auch in den Städten stark. Die Stilisierung des Stützenhauses zum magischen Ort hat diese Ausdehnung begünstigt. Das Albisgüetli ist das perfekte Stadt-Land-Verbindungsglied.

SVP mit 68er-Eigenschaften

Hier ist zwar noch Stadtgebiet, aber der Wald ist nah. Hier, umgeben vom braunen Holz, den Türmchen und Zinnen des Schützenhauses, ist die Moderne fern – trotz Aussicht auf die Stadt. Hier, wo sich Jahr für Jahr die Zürcher Jugend am Knabenschiessen trifft, ist die Luft der rot-grünen Stadt durchtränkt vom national-konservativen Schützengeist.

Hinzu kommt: Als sich Christoph Blocher in den 80er-Jahren anschickte, die Schweizer Politik umzupflügen, stand er mit seiner SVP einer festgefrorenen Parteienstruktur gegenüber. Wie liess sich diese aufbrechen? Blocher wusste: Mit der Pflege des traditionellen, aus Bauern und Kleingewerblern bestehenden SVP-Milieus würde er nicht weit kommen. Also baute Blocher die Partei zu einer bewegungsähnlichen Organisation um. Der bekennende Anti-68er verpasste seiner Partei exakt jene Eigenschaften, mit denen seinerzeit die 68er auftrumpften: Provokationslust, Rebellionsgestus, Anti-Establishment-Rhetorik.

Wie einst Franz Josef Strauss

Unter Blochers Einfluss wurde die Volkspartei inhaltlich zur nationalkonservativen, organisatorisch zur hochmodernen politischen Kraft. Dem Albisgüetli fiel innerhalb des SVP-Umbaus eine Schlüsselrolle zu. Blocher war sich bewusst, dass nur eine exzellente Mobilisierung die Bewegung vorwärts bringen würde. Also suchte er nach neuen Mobilisierungsvehikeln. Er fand das Albisgüetli.

Wer mobilisieren will, muss Emotionen erzeugen. Wer Emotionen erzeugen will, braucht Rituale – und zwar am besten solche, die auf eine starken Personalisierung bauen. Das Albisgüetli wurde zum Rahmen für ein solches Ritual. In seinem Zentrum steht Blochers Auftritt. Im Rahmenprogramm darf jeweils noch der amtierende Bundespräsident reden.

Blocher im Albisgüetli: Das war in den Anfängen der Auftritt eines konservativen Rebells. Hier hielt Blocher 1992 seine Rede über «Anpassung und Widerstand», mit der er den Kampf gegen den EWR eröffnete. Das Albisgüetli war so etwas wie die Miniausgabe der Passauer Nibelungenhalle, wo Franz Josef Strauss jeweils seine Aschermittwochsreden gehalten hatte.

Freilich erging es dem Zürcher Ex-Bundesrat im Lauf der Jahre wie anderen, die als Rebellenführer gross geworden sind: Er wurde Prophet, die Albisgüetli-Rede ein Hochamt, eine Predigt mit Unfehlbarkeitsanspruch. Auch wenn solche Polit-Gottesdienste eigentlich nicht ins Land der direkten Demokratie und der verbreiteten Skepsis gegenüber Autoritäten passen: Das Schützenhaus wird zum Bersten voll sein.

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