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Das Ende der Mythen

Armeewaffe: Die Bürger sind reifer als die Politiker.

Hannes Nussbaumer
Feldschiessen unter freiem Himmel mit einem Sturmgewehr 57.
Feldschiessen unter freiem Himmel mit einem Sturmgewehr 57.

Es gab viele Abschiede zu bewältigen in den letzten Jahren. Den Schweizern kamen ihre nationalen Symbole Stück für Stück abhanden. Die Armee, einst Inbegriff des Schweizer Wehrwillens, wird kaum mehr ernst genommen. Die Grossbanken, früher so etwas wie die Unerschütterlichkeit schlechthin, sind nach dem Fall UBS stigmatisiert. Das Bankgeheimnis ist Geschichte. Und so souverän wie in den 1.-August-Reden ist die Schweiz real schon lange nicht mehr. Vielmehr vollzieht sie nach, was die EU vorgibt.

Gestern und vorgestern beriet der Nationalrat über den Abschied von einem weiteren Mythos. Thema im Rat war die Volksinitiative «Für den Schutz vor Waffengewalt». Sie verlangt, dass die Soldaten ihre Armeewaffen nicht mehr zu Hause aufbewahren, sondern im Zeughaus deponieren. Zur Disposition steht damit der Mythos des wehrhaften Schweizers, der im Besenschrank sein Gewehr hortet und daher sofort einsatzbereit wäre, wenn das Vaterland ihn rufen sollte.

Je kleiner die Anzahl verbliebener Mythen, umso grösser die Worte, mit denen diese beschworen werden. Das Pathos der bürgerlichen Initiativgegner war denn auch beträchtlich: Das Volksbegehren entwürdige den waffentragenden Soldaten, rief ein SVP-Vertreter in den Saal. Die Initianten wollten die Armee «bewusst diskreditieren», fand eine FDP-Vertreterin. In seltener Einigkeit hielten die bürgerlichen Parteien zusammen; es resultierte ein deutliches Nein zur Vorlage.

Vertrauen ausdrücken

Dass sich die bürgerliche Mehrheit für ein skurriles Symbol des alteidgenössischen Wehrmythos derart ins Zeug wirft, zeigt vor allem eines: Die Parlamentarier sind weit weg von «ihrem» Volk. Möglich, dass unsere Väter und Grossväter, geprägt durch Aktivdienst und Kalten Krieg, ihre privat gehortete Ordonnanzwaffe noch hätschelten. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Initiative hat gute Chancen, im Volk eine Mehrheit zu finden. Für viele jüngere Männer, vor allem aber für viele Frauen ist die Waffe im Schrank längst kein Sinnbild urschweizerischer Tradition mehr, sondern ein alter und höchst gefährlicher Zopf, den sie lieber heute als morgen liquidieren möchten.

Womöglich zeigt das Beispiel Armeewaffe, was generell gilt für die Schweizer Mythologie: dass die Bevölkerung viel pragmatischer und gelassener mit dem Niedergang von Symbolen umzugehen weiss als die Politik. Dass die Armee den einstigen Glanz verloren hat, löst in der Öffentlichkeit kaum Emotionen aus. Auch dass das Bankgeheimnis faktisch am Ende ist, hat bisher zu keinen kollektiven Eruptionen geführt.

Man kann daraus schliessen: Die Schweizer bewegen sich lautlos weg vom Sonderfall. Hin zum Verständnis, ein wirtschaftlich potentes, gut organisiertes und gut funktionierendes, ansonsten aber ziemlich normales Land zu sein.

Staat vertraut Bügern

Wie käme in einem solchen Land die Aussage von Alt-Bundesrat Samuel Schmid an, wonach die «Armeewaffe zu Hause ein Vertrauensbeweis des Staates an die Bürger» sei? Vielleicht so: Ein Staat, der seinen Bürgern vertraut – wunderbar! Doch bitte nicht, indem er die Soldaten ihr Gewehr zu Hause horten lässt. Es gibt entschieden modernere und aufgeklärtere Varianten, um Vertrauen auszudrücken.

Zum Beispiel könnte der Staat mit Überwachungskameras, Datenbanken und Fichen höchst zurückhaltend umgehen. Oder seine Volksvertreter könnten vorleben, dass sie Politik als ernsthafte Auseinandersetzung begreifen – nicht als Kindertheater, wie das Staatsvertragsgezerre eines war.

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