Dank Aldi können auch Migros und Coop billiger

BZ-Redaktor Christoph Aebischer zum Aldi-Effekt im Detailhandel.

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Christoph Aebischer@cab1ane

In diesem Jahr geben Schweizerinnen und Schweizer geschätzte 11 Milliarden Franken jenseits der Grenze aus und bloss 2,6 Milliarden in den Schweizer Aldi- und Lidl-Filialen. Gerade 3 Prozent des üppigen Schweizer Detailhandelskuchen konnten sich die neuen Deutschen bisher abschneiden.

Was hat denn zehn Jahre Aldi den Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten gebracht, wenn sie dennoch in Scharen über die Grenze fahren, um Shampoo und Guezli zu kaufen? Wurden die Harddiscounter, die Milliarden investierten, um die Platzhirsche Migros und Coop herauszufordern, zu angepassten Softies?

Nimmt man deren aktuelle Werbekampagnen zum Massstab, schleicht sich dieses Gefühl ein. Die Zeiten, als wöchentlich Preisabschläge an die grosse Glocke gehängt wurden, sind vorbei. Stattdessen werben auch die Neulinge mit Swissness. Aber die potenten Mitbewerber haben dennoch etwas bewirkt: M-Budget als vorausschauende Antwort von Migros bereits in den 90er-Jahren ins Leben gerufen und Prix-Garantie – von Coop zähneknirschend zum Markteintritt von Aldi lanciert – machen günstig shoppen auch in den Flaggschiffen des Schweizer Detailhandels möglich.

Damit nicht genug: Die Preise sanken zwischen 2005 und 2015 weiter, wie ein Preisvergleich der Konsumentenzeitschriften K-Tipp und Saldo zeigt. Produkte der Billiglinien sind heute im Durchschnitt rund ein Fünftel günstiger als damals. Worauf die Preisstrategen von Migros und Coop bei Preisabschlägen schauen, zeigt ein Blick in die im Mai diesen Jahres publizierte Liste: Nur dort, wo die deutsche Konkurrenz ein entsprechendes Pendent im nach wie vor schmalen Sortiment führt, zogen die Schweizer Detailhändler mit. Das geht so weit, dass Kunden nur dort billig einkaufen können, wo die Konkurrenz drückt: in grossen Filialen.

Die Befürchtung, dass die Qualität unter dem Preiswettbewerb leiden wird,bewahrheitete sich nicht: Aldi und Lidl fordern Migros und Coop auf der Preis-/Leistungsebene im Gegenteil unerwartet deutlich heraus. Billig kann durchaus qualitativ gut sein, konnten die Schweizer in den vergangenen Jahren dank Warenvergleichtests lernen. Dies hat insbesondere den hohen Schweizzuschlag bei Kosmetika etwas gedämpft.

Die Hochpreisinsel jedoch existiert weiter. Das merkt spätestens jener Kunde, der in Deutschland dasselbe Aldi-Produkt aufs Kassenband legt wie in der Schweiz. Der Unterschied macht teilweise mehr aus als eine Halbpreisaktion von Aldi Suisse. Fazit: Nicht Geiz wurde geil, aber die Diskussion ums Preisniveau haben die Neuen belebt – auch zum Vorteil der Migros- und Coop-Kunden.

Mail: christoph.aebischer@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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