Bund erwägt Verbot für Rüben-Pestizid

Das Pflanzenschutzmittel Chloridazon verschwindet wohl auch vom Schweizer Markt. Das löst das Pestizidproblem aber keineswegs.

Das Pestizid Chloridazon kommt vor allem beim Rübenanbau zum Einsatz. Foto: Cyrus McCrimmon (Getty Images)

Das Pestizid Chloridazon kommt vor allem beim Rübenanbau zum Einsatz. Foto: Cyrus McCrimmon (Getty Images)

Stefan Häne@stefan_haene

Das Ende war nahezu geräuschlos: Die Zulassung für Chloridazon ist in der EU am 31. Dezember 2018 ausgelaufen. Kein Chemiekonzern hat einen Antrag auf eine Neubewertung des Pestizids gestellt. Nun muss der Handel bis Ende Juni seine Restbestände verkaufen. Ein Jahr mehr Zeit haben die Landwirte, um ihre Vorräte zu tilgen. Was übrig bleibt, ist entsorgungspflichtig.

Das Pestizid, das vor allem im Rübenanbau zum Einsatz kommt, hat in der Vergangenheit wiederholt Kontroversen provoziert – auch in der Schweiz: Es hinterlässt langlebige Abbauprodukte im (Grund-)Wasser und ist für Wasserorganismen giftig. Besorgte Wasserversorger drängten deshalb bereits 2012 auf ein Verbot.

«Eventuell wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.»André Olschewski, Trinkwasserverband

Nun dürfte ihre Forderung auch in der Schweiz Realität werden: Das Bundesamt für Landwirtschaft bestätigt, Chloridazon im zweiten Halbjahr in den Anhang 10 der Pflanzenschutzmittelverordnung aufzunehmen – ein Sammelplatz für all jene Pestizide, die in der EU nicht mehr zugelassen sind. Bis heute sind dort 148 Wirkstoffe gelandet, und alle wurden sie im Zuge dieses Verfahrens vom Schweizer Markt genommen, wie die Fachleute von Agrarminister Guy Parmelin festhalten.

André Olschewski vom Trinkwasserverband spricht von einem «guten Schritt». Allerdings gelte es abzuwarten, ob und welche anderen Herbizide, die vielleicht ökotoxikologisch noch schädlicher seien, nun vermehrt verkauft würden. «Eventuell wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.» Worauf die Bauern setzen werden, ist unklar. Der Verband Schweizer Gemüseproduzenten hat gestern auf eine Anfrage nicht reagiert.

«Akut toxisches Risiko»

Dass ein Verbot von Chloridazon das Pestizidproblem bestenfalls lindert, zeigen zwei gestern veröffentlichte Studien im Auftrag des Bundes. Demnach sind kleine Bäche stark mit Pflanzenschutzmitteln belastet. Die Konzentrationen einzelner Stoffe lägen so hoch, dass für Pflanzen und Tiere im Wasser ein «akut toxisches Risiko» bestehe. Auch Chloridazon wurde nachgewiesen, aber nicht in problematischen Konzentrationen.

Der Befund der beiden Studien ist nicht neu. Er untermauert aber Erkenntnisse aus Untersuchungen in den Jahren 2012 und 2015 – und er fällt in eine politisch wichtige Phase: Wohl nächstes Jahr kommen zwei Volksbegehren zur Abstimmung. Zum einen die Trinkwasser-Initiative, die nur noch jenen Bauern Subventionen gewähren will, die auf den Einsatz von Pestiziden verzichten. Zum anderen die Volksinitiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide, die auf ein Verbot von synthetischen Pestiziden abzielt.

Der Bundesrat lehnt – wie der Bauernverband – beide Initiativen ab und setzt stattdessen auf den nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel. Geplant ist etwa, Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz zu fördern und den Einsatz von Pestiziden insgesamt zu verringern.

Doppelbelastung für Fische

Ob der Bundesrat damit genügend unternimmt, ist umstritten – auch in Fachkreisen. Der Trinkwasserverband etwa hält den Aktionsplan für zu wenig griffig. Dieser Ansicht ist auch der Schweizerische Fischerei-Verband (SFV). Als Reaktion auf die neuen Studien und den anhaltenden Fischrückgang in der Schweiz fordert er ein ganzes Massnahmenbündel, das etwa eine Lenkungsabgabe auf Pestizide sowie eine verstärkte Anbindung der Direktzahlungen an ökologische Leistungen enthält. Gerade die Fische seien durch Pestizide im Wasser doppelt belastet, weil deren Nährtiere durch die Pestizide dezimiert würden und auch ihr Lebensraum vergiftet sei, sagt SFV-Präsident und SP-Ständerat Roberto Zanetti. «Wir brauchen griffigere Massnahmen, und das geht nicht ohne Politik.»

Sollte der Bund den Forderungen nicht nachkommen, erwägen die Fischer, die Trinkwasser-Initiative zu unterstützen. Auch der Trinkwasserverband liebäugelt damit, sollte das Parlament keinen griffigen Gegenvorschlag ausarbeiten. Ein Vorentscheid fällt übernächste Woche. Dann berät die nationalrätliche Kommission für Wirtschaft und Abgaben die zwei Volksbegehren.

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