Bund bekämpft Migration mit Radio, TV und Theater

Seit Jahren versucht der Bund, mit Radio- und TV-Spots sowie Theaterstücken illegale Migranten abzuschrecken. Nun finanziert er dafür in Nigeria sogar eine 13-teilige TV-Serie. Die Erfahrung zeigt indes: Migranten lassen sich davon allenfalls unter-, aber nicht wirklichabhalten.

Nigeria ist eines der Hauptherkunftsländer von Asylsuchenden.

Nigeria ist eines der Hauptherkunftsländer von Asylsuchenden.

(Bild: Keystone)

Peter Meier@bernpem

Die Mutter aller Abschreckungsvideos stammt aus Down Under: «Keine Chance ­– Australien wird nicht eure Heimat», sagt General Campell grimmig in die Kamera. Der Kommandeur des australischen Küstenschutzes steht im Kampfanzug da und wendet sich direkt an potenzielle illegale Migranten. Campell hat in dem 2014 via Internet in mehreren Sprachen verbreiteten Clip eine klare Botschaft: «Versucht es gar nicht erst – bleibt, wo ihr seid!»

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat im Prinzip die gleiche Botschaft. Doch so martialisch wie die Australier wollen die hiesigen Behörden nicht auftreten. Bern mag es subtiler. Kein Wunder also, weist das SEM den Begriff Abschreckung weit von sich – und spricht lieber von Information und Sensibilisierung vor Ort. Zur Prävention gegen illegale Migration, wie das im Amtsjargon heisst, nutzt das SEM seit rund zehn Jahren alle möglichen Kanäle – vom Theater über das Radio und das TV bis hin zu Social Media.

Der neuste Coup heisst «The Missing Steps» und ist eine 13-teilige TV-Serie, die Nigerianer davon abhalten soll, sich auf den Weg in die Schweiz zu machen. Der Plot der schweizerisch-nigerianischen Koproduktion ist denkbar simpel: Joshua, ein junger Student aus Nigerias Metropole Lagos, kommt mit gestohlenem Visum in die Schweiz – und realisiert hier, dass es fast unmöglich ist, Asyl zu erhalten.

Derzeit ist die nigerianische Filmcrew in der Schweiz an den Dreharbeiten. Die Kosten der TV-Serie von 450'000 US-Dollar trägt der Bund, wie das «Echo der Zeit» von Radio SRF berichtete.

Nigerias Bedingung

Mit der nigerianischen Filmindustrie (Nollywood) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) will das SEM eine grosse Breitenwirkung erreichen. Es gehe dabei um ob­jektive Information, erklärte SEM-Sprecher Lukas Rieder laut Nachrichtenagentur SDA: «Wir haben uns dafür entschieden, die grosse Reichweite der Nollywood-Filme zu nutzen und so ein möglichst grosses Publikum zu erreichen.»

Die nigerianische Filmindustrie hat laut Unesco die USA überholt und ist heute nach Indien die zweitgrösste Filmnation. Pikantes Detail: Die üppige Filmförderung aus Bern war 2011 eine der Bedingungen Nigerias für eine Migrationspartnerschaft mit der Schweiz.

Lange Tradition

Die TV-Serie ist nicht erste Versuch des SEM, die Migration aus Afrika mit der Kraft der Bilder zu stoppen. Bereits vor zehn Jahren realisierte das Amt mit dem IOM für 150'000 US-Dollar eine Informationskampagne samt 2-minütigem Videoclip und Radiospots für Kamerun und Nigeria.

Der Schuss ging indes nach hinten los: Die Zahl der nigerianischen Asylgesuche etwa nahm in der Folge sprunghaft zu (siehe Grafik). Eine IOM-Evaluation kam zum vielsagenden Schluss: «Obwohl als Folge des Projekts nicht direkt der messbare Rückgang von irregulärer Migration in die Schweiz festgestellt werden konnte, stellt es einen ersten Schritt in einem weiteren Prozess dar.»

Die Bundesbehörden lancierten in der Vergangenheit denn auch in anderen Ländern solche medialen Aufklärungsversuche. So finanzierten sie etwa in Mali 2008 für 60'000 Franken ein Theaterprojekt gegen illegale Migration. 2009 flossen unter anderem für eine Kampagne via Radio, TV und Theater 492'000 US-Dollar in die Demokratische Republik Kongo.

In Tunesien entstand 2013 für 80'000 Franken der Film «460» und das Theaterstück «Harak Yetmanna». Und in Kosovo wird die Bevölkerung seit 2014 via Radio, TV, Presse und Social Media über die Aussichtslosigkeit von Asylgesuchen informiert.

Hilfsorganisation wie Amnesty International oder die Schweizerische Flüchtlingshilfe beurteilen solche Projekte kritisch, da es eine Illusion sei, dass dadurch jemand von der Flucht abgehalten werde. Ganz freiwillig setzt das SEM indes nicht darauf: Seit 2008 verpflichtet vielmehr das Asylgesetz den Bund zu solch teuren Alibiübungen.

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