Bersets «Kronzeuge» widerspricht

Der Pensionskassenexperte Peter Zanella hat eine Studie verfasst, auf die sich Befürworter der Rentenreform stützen. Doch nun widerspricht er ihnen ­offen: «Die ­Reform ist vor ­allem für uns Experten gut.»

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Es ist eines der wichtigsten Argumente für die Rentenreform: In der zweiten Säule findet heute ei­ne ungerechte Umverteilung von Jung zu Alt statt. Wegen des überhöhten Mindestumwandlungssatzes müssen Pensionskassen zu hohe Renten sprechen, die sie auf Kosten der Erwerbs­tätigen finanzieren. Die Reform schafft dieses Problem zwar nicht aus der Welt, mildert es aber stark ab.

Mit diesem Argument wollen die Befürworter die Jungen zu einem Ja bewegen. Dabei führen sie fast immer dieselbe Zahl ins Feld: 1,3 Milliarden Franken pro Jahr. So gross sei diese Umverteilung heute. Auch Bundesrat Alain Berset (SP) nennt diese Zahl gern, so etwa im Interview mit dieser Zeitung: «Wenn der Umwandlungssatz nicht sinkt, geht die systemwidrige Umverteilung weiter. Das kostet die Jungen jährlich 1,3 Milliarden Franken, Tendenz steigend.»

Schon heute vermeidbar

Die Zahl stammt aus einer Studie von 2015, die das Beratungsunternehmen Willis Towers Watson für den Bund verfasst hat. Die Autoren erstellten anhand von 27 grossen Pensionskassen eine Hochrechnung, die damals ebendiese 1,3 Milliarden ergab.

Doch nun widerspricht ausgerechnet einer der Studienautoren der Argumentation der Befürworter. Peter Zanella, Pensionskassenexperte bei Willis Towers Watson, sagt zweierlei: Erstens sei diese Zahl nicht mehr aktuell. Zweitens könnten die Pensionskassen den grössten Teil dieser Umverteilung schon heute – auch ohne Reform – verhindern.

Viele von ihnen haben dies laut Zanella auch schon gemacht, indem sie die Umwandlungssätze stark gesenkt haben. Möglich ist dies, weil die meisten Pensionskassen über die obligatorischen Leistungen hinausgehen, zum Beispiel mit höheren Lohnbeiträgen. Sie können den Umwandlungssatz schon heute senken, solange sie das Obligatorium einhalten.

Nur eine kleine Entlastung?

Laut Zanella lässt sich nur ein kleiner Teil der Umverteilung wirklich nicht vermeiden. Dies sagte er kürzlich gegenüber der NZZ, die diesen Betrag ihrerseits auf 100 bis 200 Millionen Franken im Jahr schätzte. Zanella hält dies ohne detaillierte Nachrechnung für plausibel. Demnach entlastete die Reform die Jüngeren statt um 1,3 nur um 0,1 bis 0,2 Milliarden Franken.

«Viel Juristenfutter»

Das Fazit des Experten: «Natürlich müsste der Umwandlungssatz gesenkt werden, aber das ist nicht annähernd so dringlich, dass wir deswegen diese Monsterreform annehmen sollten.» Zanella stört nicht einmal so sehr die Erhöhung der AHV um monatlich 70 Franken für Neurentner. Vielmehr warnt er vor einem Regulierungs- und Bürokratieschub in der zweiten Säule.

«Die Reform ist für Pensionskassen extrem komplex und wird viele Milizstiftungsräte überfordern.»Peter Zanella
Pensionskassenexperte

«Die Reform ist für Pensionskassen extrem komplex und wird viele Milizstiftungsräte überfordern. Sie bringt viel Juristenfutter.» Als Beispiel nennt er die 20-jährige Übergangsfrist mit doppelter Schattenrechnung. «Das alles ist vor ­allem für uns Experten gut, wir werden viel Geld verdienen.» Das Vertrauen werde leiden, warnt Zanella: «Die zweite Säule wird noch komplizierter. Die Transparenz wird leiden und damit auch das Image.»

Verband ist unbeirrt dafür

Das sehen nicht alle in der Welt der zweiten Säule so – im Gegenteil: Der Verband der Pensionskassen (Asip) unterstützt die Reform an vorderster Front. Asip-Direktor Hanspeter Konrad verweist auf Anfrage auf die Grossbank CS und den Bund, die das Ausmass der Umverteilung infolge des überhöhten Umwandlungssatzes viel höher einstufen als Zanella. Allerdings verhehlt er nicht, dass die Reform neue Komplikationen bringt.

Doch aus Sicht des Asip muss man das schlucken. Wer das anders sieht, verkennt laut Konrad, dass ­alle anderen diskutierten Varianten im politischen Prozess chancenlos waren. «Der Gesetzgebungsprozess zeigt, dass die immer wieder zu hörenden Behauptungen, bei einem Nein wäre eine Neuauflage mit Einzelvorlagen rasch umsetzbar und mehrheitsfähig, ­jeder Grundlage entbehren und ­weltfremd sind.»

Es wird immer schlimmer

Allerdings ist Peter Zanella nicht der einzige Experte, der die Reform öffentlich bekämpft. Dasselbe tat kürzlich Olivier ­Deprez, ein anderer bekannter Experte, im Branchenmagazin Schweizer Personalvorsorge. Nimmt der Widerstand in der zweiten Säule zu?

Asip-Direktor Konrad zweifelt daran: Neu sei nur, dass die Positionen klarer vertreten würden. Vor allem aber warnt Hans­peter Konrad, die Probleme mit dem überhöhten Umwandlungssatz würden sich in Zukunft noch verschärfen. «Die Senkung muss umso stärker ausfallen, je länger wir warten.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 09:46 Uhr

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