Bald gehen der Schweiz die Förster aus

Bis in 15 Jahren werden gemäss einer Umfrage über 50 Prozent aller Schweizer Förster pensioniert. Die Forstbranche steht deshalb vor grossen Herausforderungen.

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Susanne Graf

Wenn die Sonne scheint und die Temperaturen auf über 30 Grad klettern, verlässt Simon Rieben sein Büro der Burgergemeinde Burgdorf, fährt in den Wald und zeichnet mit einer Spraydose Bäume an, die nächstens gefällt werden sollen. Regnet es in Strömen, erledigt er Administratives.

Manchmal aber stimmt die Vorstellung vom Traumberuf Förster mit der Realität nicht überein. Denn auch er kann seine Arbeit nicht immer mit dem Wetter abstimmen. «Trotzdem möchte ich nichts anderes machen», sagt Rieben. Seit 10 Jahren ist er Förster. Er gehört damit zu einer Berufsgruppe, der bis in 15 Jahren ein happiger Mangel droht. Denn bis 2030 werden über 53 Prozent der heute in der Schweiz aktiven Förster pensioniert. Das zeigt eine Umfrage von Codoc, einer Fachstelle des Bundes, die sich mit der forstlichen Bildung befasst (siehe Kasten).

Doch warum ist die natürliche Verjüngung, die Förster in ihren Wäldern anstreben, unter ihresgleichen ausgeblieben? Laut Rieben, der den Verband Berner Forstpersonal präsidiert, hat dies nicht nur mit der allgemein bekannten Tatsache der ins Pensionsalter vorgerückten Babyboomer zu tun. «Mitte der 1980er- und der 1990er-Jahre wurden sehr viele Forstreviere zusammengelegt.» Es brauchte weniger Förster, und die frisch ausgebildeten hatten es schwer, eine Stelle zu finden. Ende der Neunzigerjahre sei auch ihm von dieser Berufswahl abgeraten worden, sagt Rieben. «Jetzt klafft im Mittelfeld ein Loch.»

Mangel bereits spürbar

Bereits heute seien die Absolventen der von ihm geleiteten interkantonalen Försterschule Lyss sehr gesucht, stellt Alan Kocher fest. Auch Urs Wehrli, Leiter Kommunikation des Waldbesitzerverbands Waldwirtschaft Schweiz, spricht von einem bereits heute «deutlich spürbaren und problematischen» Förstermangel. Gerade in peripheren, wirtschaftlich schwächeren Forstrevieren liessen sich die Bewerbungen auf Försterstellen an einer Hand abzählen. Und die Auswahlmöglichkeiten seien zuweilen unbefriedigend. «Auch Bewerbungen von Ausländern nehmen zu, die gar nicht Deutsch können.»

In den letzten Jahren haben im Durchschnitt 16 bis 17 Förster die höhere Fachschule in Lyss abgeschlossen. Zusammen mit den Ostschweizer Absolventen an der höheren Fachschule in Maienfeld seien es pro Jahr gesamtschweizerisch rund 30 gewesen, sagt Alan Kocher. Auf diesen Herbst zeichnet sich in Lyss ein markanter Anstieg Weiterbildungswilliger ab. Doch Direktor Kocher macht sich keine Illusionen: «Der ganzen Forstbranche droht ein Fachkräftemangel.»

Die Forstwarte wandern ab

Die bevorstehende Pensionierungswelle ist nicht der einzige Grund, warum die Förster knapp werden. Bevor einer überhaupt Förster werden kann, muss er die dreijährige Lehre als Forstwart abschliessen und 12 Monate Berufserfahrung sammeln. Der Forstwart ist der Fachmann, der die vom Förster angezeichneten Bäume fällt.

Erst durch den zwei Jahre dauernden Lehrgang an der höheren Fachschule wird einer zum Förster und kann einen Forstbetrieb planen und organisieren. Doch längst nicht jeder Forstwart strebt diesen Wechsel an. «Ein eingefleischter Handwerker will sein Werkzeug nicht gegen einen Computer und eine Spraydose tauschen», weiss der Burgdorfer Förster Rieben.

Rückgang attraktiver Stellen

Zudem bleibt längst nicht jeder Forstwart seiner erlernten Tätigkeit treu. Rieben spricht von einer ansehnlichen Abwanderung in andere Berufe. Beim Kanton oder einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft wie etwa einer Burgergemeinde seien die Anstellungsbedingungen zwar meist attraktiv. Doch diese Stellen hätten in den letzten 15 Jahren deutlich abgenommen. «Die meisten Lehrabgänger finden eine Anstellung bei einem privaten Forstunternehmen», sagt Rieben.

Doch dort lässt sich nicht viel Geld verdienen. Der starke Franken habe die Situation der bereits angeschlagenen Schweizer Waldwirtschaft derart verschärft, dass private Forstunternehmen ihre Dienstleistungen immer günstiger anbieten müssten und kaum in der Lage seien, hohe Löhne zu bezahlen, sagt Rieben.

Dabei wird einem Forstwart nicht nur körperlich viel, sondern auch wetterbedingt grosse Flexibilität abverlangt. Zudem arbeitet er in einem Beruf, der trotz erhöhter Sicherheitsmassnahmen zu den gefährlichsten gehört. Rieben erklärt: «Routinearbeiten wie das Entasten übernehmen heute wo möglich Maschinen, am Forstwart bleibt die Fällarbeit hängen, wo am meisten schwere Unfälle passieren.» Kommt hinzu, dass Forstwarte gute Chancen haben, in andern Branchen eine Anstellung zu finden, da ihnen der Ruf vorauseilt, hart anpacken zu können. «Forstwarte sind gesuchte Allrounder», sagt Alan Kocher.

Deshalb ist der Nachwuchs in der Forstbranche nicht gesichert, obwohl laut Kocher in der Schweiz jährlich 300 bis 330 neue Lehrverträge für Forstwarte unterzeichnet werden. Es müssten wesentlich mehr sein. Die Nachfrage nach einer Lehrstelle als Forstwart sei in ländlichen Regionen zwar sehr gross, stellt Peter Piller, Co-Präsident des Schweizerischen Forstpersonalverbands, fest. Doch grosse Forstbetriebe hätten in den letzten Jahren Personal abgebaut und Lehrstellen gestrichen. Sie würden zunehmend mit privaten Forstunternehmen zusammenarbeiten, die meist stark auf eine Teilarbeit im Forst spezialisiert seien. Das mache es für sie schwierig, Lernende auszubilden.

Ruf nach einem GAV

Umso wichtiger ist es, dass das ausgebildete Personal der Branche erhalten bleibt. «Unser grosses Ziel ist es deshalb, zusammen mit dem Forstunternehmerverband und Waldwirtschaft Schweiz einen Gesamtarbeitsvertrag auszuarbeiten.» Doch die Löhne der Forstwarte anheben zu wollen, dürfte laut Urs Wehrli von Waldwirtschaft Schweiz schwierig werden. «Die Mehrheit der Forstbetriebe schreibt seit längerem rote Zahlen, und das Problem der Frankenstärke hat die Situation spürbar verschlechtert.»

Berner Zeitung

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