Tom Kummer: «‹Bad Boy›, das kommt meinem Wesen nahe»

Tom Kummer, der mit erfundenen Starinterviews spektakulär aufflog, ist zurück in seiner Heimatstadt Bern. Als Tennislehrer und Romanautor. Auf dem Court gibt sich Tom Kummer unbeeindruckt von seinem Absturz. Protokoll eines misslungenen Gesprächs.

Aus Los Angeles zurück in Bern: Tom Kummer, gestrauchelter Starreporter, als Lehrer auf dem Platz des Tennisclubs Lawn im Dählhölzli.

Aus Los Angeles zurück in Bern: Tom Kummer, gestrauchelter Starreporter, als Lehrer auf dem Platz des Tennisclubs Lawn im Dählhölzli.

(Bild: Andreas Blatter)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Er ist es wirklich. Die zwei sichel­artigen Falten in Tom Kummers Indianergesicht sind etwas tiefer geworden, und er hat sich einen Kinnbart wachsen lassen. Energisch fordert er die Kids im Sommerkurs des Lawn Tennis Club Bern auf, am Ende der Lektion die Bälle einzusammeln.

Der Starreporter, der auszog nach Hollywood, ist zurück in seiner Heimatstadt Bern. Geschmeidig bewegt sich der 55-Jährige auf dem Sandplatz am Rand des Dählhölzliwalds. Kummer ist gut in Form. Jedenfalls auf dem Tennisplatz.

Erfindung und Plagiat

Dunkle Wolken schieben sich über den Dählhölzliwald, als man ihn in seiner Mittagspause im Clublokal des TC Lawn auf sein Desaster anspricht. Im Jahr 2000 flog auf, dass er seine spektakulären Interviews mit Hollywoodstars frei erfunden hatte. Und was sagt Kummer zu den neuen Plagiatsvorwürfen der NZZ, die in seinen jüngeren Texten lange, bei anderen Autoren abgekupferte Passagen aufgespürt hat? Offenbar hat er die zweite Chance, die ihm die «Weltwoche» oder das Magazin «Reportagen» gewährten, schon verspielt.

Kummers Gesicht verfinstert sich ein wenig. «Muss man diese Fragen immer wieder stellen? Muss ich wirklich wiederholen, dass ich mich als Antijournalisten verstehe?», sagt er.

In seiner Autobiografie «Blow Up» (2007) erzählt er, wie er 1983 aus Bern auf- und ausbricht, mit dem Hunger nach Leben, Aufmerksamkeit und urbaner Subkultur. Er geht nach Berlin, wird vom legendären Hamburger Popmagazin «Tempo» engagiert. Die Kollegen daheim in Bern bewundern ihn. Tom hat es geschafft, draussen in der grossen, geilen Welt. Sechs Jahre lang schreibt er halb fiktive Reportagen, ab 1993 fordern ihn seine Auftraggeber auf, Interviews aus Hollywood zu liefern, der Hauptstadt des schönen Scheins und der Künstlichkeit. Sharon Stone, Bruce Willis, Tom Hanks entlockt er scheinbar intimste Bekenntnisse.

Bern–Los Angeles–Bern

Nach dem Skandal verdient er sein Geld unter anderem in Los Angeles’ Jonathan Club. Als Lehrer für Poptennis, das man auf einem verkleinerten Feld spielt, trainiert er ab und zu auch Promis. Jetzt ist er Tennislehrer am Dählhölzli-Waldrand, in der Schule seines Berner Freundes und Ex-Profispielers Marc Krippendorf. Die beiden trainierten als Junioren zusammen.

Fühlt sich die Rückkehr nach Bern wie ein Scheitern an? Sintflutartiger Regen geht auf die Tennisanlage nieder. Kummer seufzt. Scheitern? Mit solchen Begriffen könne er nichts anfangen, er ziehe keine moralische Bilanz seines Lebens. «Ich habe mal einen schlechten Tag, aber mein Leben fühlt sich gut an.» Er sieht das alles – seine Laufbahn, seinen Skandal – etwas anders.

Er ist noch ganz berauscht vom Kontrast zum monströsen LA: «Bern kommt dem Traum vom schönen Leben nahe, den man in LA hat. Der Lifestyle hier ist wunderbar, man muss nicht Kilometer im Auto zurücklegen, man nimmt das Fahrrad, geht gefahrlos auf die Strasse.» Er schwärmt vom Blick aus seiner Wohnung im Murifeld, wo er seit Ende März mit dem jüngeren Sohn wohnt: am Horizont die Alpen, darunter die Autobahn, die ihm «wie ein kleines Zitat von LA» vorkommt. Er vermisse Kalifornien natürlich, werde der Stadt der Träume aber verbunden bleiben. Sein älterer Sohn ist für das Studium in LA und in Kummers dortiger Wohnung geblieben.

Im Frühjahr ein Roman

Hat sich seine Sehnsucht nach urbaner Intensität in LA erfüllt? Oder war er dort ein Nobody, der am Schreibtisch in der wenig glamourösen Koreatown Stars ein ­illustres Innenleben andichtete? «Die Isolation in dieser künst­lichen Stadt, das habe ich ja gesucht und damit geflirtet», sagt Kummer. Natürlich habe er dort auch Freunde gehabt, Wärme erfahren. Vor allem von seiner 2014 an Krebs gestorbenen Frau Nina. Mit ihr habe er gegen das unwirkliche LA und die PR-Maschinerie von Hollywood «ein subversives Widerstandsnest» gebildet.

In Bern erholt er sich auch vom Schock ihres Todes. Er schreibe einen Roman darüber, eine Liebesgeschichte, die im Berliner Aufbau-Verlag erscheinen werde. Wenn Kummer sein Leben erzählt, tönt es so aufregend, dass man nach dem Skandal von 2000 misstrauisch wird. Deshalb die Nachfrage beim Aufbau-Verlag in Berlin. Dieser bestätigt: Ja, im März werde man Kummers Roman «Nina & Tom» publizieren.

Der Regen hat aufgehört, Pfützen glitzern auf dem Sandplatz. Warum hat Kummer nicht schon seine Interviews – wie jetzt den Roman – als das ausgewiesen, was sie waren: Fiktion, Literatur? Er macht ein angestrengtes Gesicht. Wieder muss er sich erklären. Er blendet zurück in seine Frühphase, als er halb fiktive Selbsterfahrungstexte schrieb. Zur Verteidigung seiner Methoden beruft er sich auf den Zeitgeist der wilden 1980er-Jahre: auf den mit Selbsterfahrung gespickten New Journalism aus den USA. Oder auf die Popphilosophen, die die Realität als subjektives und fiktives Konstrukt betrachteten.

«Mich fasziniert die Grenzüberschreitung von der Realität zur Fiktion. Ich denke eher wie ein Konzeptkünstler, dessen Kunst wie Journalismus aussieht», deklariert er. Er habe keine journalistische Ausbildung, verfechte keine journalistischen Prinzipien. «An Medien hat mich die zu erreichende Aufmerksamkeit, der Bruch mit den Regeln interessiert. Ein Medium ist für mich eine Bühne, wie es die Wand für den Sprayer ist.» Der Plagiatsvorwurf der NZZ? Kummer findet: eine allzu moralische Abwertung seiner Methode des Samplings, bei der Textstücke neu kombiniert werden.

Spiel mit dem Feuer

Als er in LA dann für die Magazine seriöser Blätter wie der «Zeit» oder des Zürcher «Tages-Anzeigers» Interviews zu schreiben begann, da musste er doch wissen, dass die Leser die darin publizierten Texte für wahr halten würden? Kummer grinst, dreht den Spiess um: Die Redaktionen der Magazine hätten vielmehr wissen müssen, mit wem sie es in seinem Fall zu tun hatten, findet er.

Er erzählt von seinem ersten Interview, mit «Baywatch»-Nixe Pamela Anderson. Die «Süddeutsche Zeitung» habe ihn an ein halbstündiges Treffen mit dem Star geschickt, bei dem sieben weitere Journalisten am Tisch gesessen hätten. Er habe dann ein mehrseitiges Interview abgeliefert, das geklungen habe, als redete er mit einer intimen Freundin. Die Zeitung in München habe zu seiner Verwunderung nicht nach der Authentizität des Interviews gefragt, sondern es abgedruckt – und nach weiterem Promistoff gegiert.

Auch viele Leser waren hingerissen, wie persönlich, wie echt, wie unkonventionell die unnahbaren Stars in Kummers Interviews auf einmal klangen. Obwohl sie hätten merken müssen, dass der Boxer Mike Tyson nicht wie Friedrich Nietzsche spricht, dessen Sätze ihm Kummer in den Mund gelegt hatte. Warum warnte er die Redaktionen und die Leser nicht, als er erkannte wie gutgläubig sie waren?

«Da kam ein Spiel ins Rollen, das ich nicht stoppen wollte und das Spass machte», sagt Kummer. Wie ein Verbrecher, der nicht aufhören kann, mit dem Feuer zu spielen? Die Bezeichnung «Verbrecher» amüsiere ihn, «Bad Boy» komme aber seinem Wesen näher, sagt er. Und fügt an, dass «auch das Auffliegen als spannender Akt zum subversiven Spiel gehörte».

Kummer findet es verlogen, wie die Mediengilde an seinem Fall nun exemplifiziere, was sauberer Journalismus sei. «Dabei wird doch in jedem Interview beschönigt, zugespitzt, dazuerfunden.» Moment, Herr Kummer: Gleich ein ganzes Interview zu erfinden, das nie stattgefunden hat, ist etwas ganz anderes.

Er lehnt sich sehr langsam zurück, klappt einen Arm nach hinten, legt die Hand in den Nacken. «Ich habe das künstliche Starsystem und die PR-Maschinerie Hollywoods mit ihren eigenen Mitteln ausgetrickst», erwidert er. Spürt er kein Unrechtsgefühl? Alle hatten was davon, findet Kummer: die Stars, die bei ihm menschlich rüberkamen, die Filmgesellschaften, die Werber, die ihre Anzeigen neben seine Interviews platzieren liessen, das Lesepublikum – und er als Autor.

«Kummer ist unbelehrbar»

Mit Kummer zu reden, ist wie ein Tennismatch, in dem er cool jeden Ball zurückspielt. Er schafft es, dass man sich nach seinen rhetorischen Returns etwas unbeholfen und bünzlig fühlt.

«Ich bin nicht bereit, dieses längst durchschaute Kunstspielchen mit mir spielen zu lassen», sagt Daniel Puntas Bernet, der Verleger des Magazins «Reportagen». Er habe Kummer eine zweite Chance gegeben und ihm das Versprechen abgenommen, nicht mehr zu täuschen. Die drei Kummer-Texte in «Reportagen» habe er auf die Richtigkeit der Fakten überprüft, aber nicht auf Plagiate. Eine dritte Chance gewähre er Kummer nicht.

Ist Puntas verärgert? «Eher erstaunt», sagt er. Dass Kummer unbelehrbar sei und ausgerechnet jenen Publikationen das Messer in den Rücken stosse, die ihm ein journalistisches Comeback ermöglicht hätten. «Mit Transparenz und Ehrlichkeit – Tugenden, die Kummer offenbar abgehen – hätte das nicht passieren müssen.»

Glamourfaktor Tom

Der Regen hat das Terrain im Lawn Club für den Nachmittag unbespielbar gemacht. Tennisschulbesitzer Marc Krippendorf setzt sich dazu. Er dementiert, dass Kummer in Bern ein karges und langweiliges Tennislehrerdasein fristen müsse. Die Honorare vom Tennisplatz und für den Roman reichen offenbar zum Leben. Im Club reisse man sich darum, von Kummer trainiert zu werden, sagt Krippendorf. «Tom ist ein emotionaler Leckerbissen, es ist toll, ihn mit seinem Soul, seinem Slang und seiner emotionalen Vielfalt zu erleben.» Es sei absolut klar: «Toms Explosivität und Direktheit auf dem Platz, die kann man nicht faken.»

Unumwunden gibt Krippendorf zu, dass der Glamourfaktor Kummer seiner Tennisschule einen Kundenzuwachs beschere. «Berner lieben einen Bad Boy», sagt er und grinst mit Kummer im Doppel. Die alten Berner Freunde lassen ihren Helden nicht ­fallen.

Berner Zeitung

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