Babyboom im Parlament

Mit der 33-jährigen Pascale Bruderer ist eine weitere Nationalrätin schwanger. Der Kindersegen im Bundeshaus ist die Folge neuer Polit-Biografien – und der Strategie, bei Wahlen auf junge Frauen zu setzen.

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Patrick Feuz@patrick_feuz

Die 33-jährige Aargauer SP-Nationalrätin Pascale Bruderer will im Herbst hochschwanger um einen Ständeratssitz kämpfen. Dass ihr Kind im November, kurz nach den eidgenössischen Wahlen, zur Welt kommen soll, ändert nichts an ihrer Ambition. Nach der via «Aargauer Zeitung» bekannt gegebenen Schwangerschaft lohnt sich im Bundeshaus schon bald eine Kinderkrippe. Auch SP-Nationalrätin Ursula Wyss ist schwanger. Parteikollegin Evi Allemann hat vor kurzem geboren. Kleine Kinder haben auch die Grüne Adèle Thorens Goumaz und die Grünliberale Tiana Moser. Vor sechs Jahren wurde Chantal Galladé Mutter – die SP-Nationalrätin war damals nach Géraldine Savary erst die zweite Nationalrätin, die im Amt ein Kind bekam.

«Neue Pionierinnen»

«Das sind die neuen Pionierinnen», sagt die 77-jährige Judith Stamm. Die frühere CVP-Politikerin, die nach der Einführung des Frauenstimmrechts zuerst im Luzerner Kantonsparlament und ab 1983 im Nationalrat sass, war selber kinderlos. Wie mehrere Politikerinnen der ersten Stunde.

Noch vor rund zehn Jahren waren politisierende Frauen mit Babys die Ausnahme. Zwar war bereits unter den ersten zehn Nationalrätinnen von 1971 eine junge Mutter mit Säugling und Kleinkind, die damals 28-jährige Walliser Sozialdemokratin Gabrielle Nanchen. Doch als ihr drittes Kind zur Welt kam, trat sie 1979 zurück – um sich wieder voll um die Familie zu kümmern. Ihre Kolleginnen im Parlament waren mehrheitlich Mütter mit schon etwas älteren Kindern – etwa die Sozialdemokratin Lilian Uchtenhagen oder die Freisinnige Martha Ribi.

Zugpferde bekommen Kinder

Frauen, die sich zuerst um die Kinder kümmern und später eine Teilzeitaufgabe suchen: Das war bis weit in die Achtzigerjahre hinein der wohl verbreitetste Typ Politikerin (siehe Biografien unten). Mit seinen relativ zeitaufwendigen und mager entschädigten Milizämtern – von der Schulkommission bis zum Kantonsparlament – bietet das Schweizer Politsystem interessierten Frauen nach der Familienzeit viele Wiedereinstiegsmöglichkeiten. In Regierungen und Parlamenten nahm der Frauenanteil seit 1971 ständig zu – und die Politikerinnen wurden immer jünger.

Seit den Neunzigerjahren setzen die Parteien gezielt auf junge, attraktive Frauen, um so zusätzliche Stimmen zu holen. Pascale Bruderer kam mit 24 in den Nationalrat, Evi Allemann mit 25 und Ursula Wyss mit 26. Die schwangeren Nationalrätinnen von heute sind die bewusst geförderten Zugpferde von gestern. Die Bernerin Ursula Wyss profitierte 1999 davon, dass sie auf der SP-Liste für den Nationalrat den Platz gleich hinter den Bisherigen erhielt. Und die Zürcher SVP-Frau Natalie Rickli – sie ist nicht schwanger – schaffte 2007 von einem privilegierten Listenplatz aus mit einem spektakulären Resultat den Sprung in den Nationalrat.

Auch Sarkozy machts

Auf den politischen Marktwert junger, gut aussehender Kandidatinnen zu setzen, ist ein Trend, der auch im Ausland seit einiger Zeit zu beobachten ist – und der auch dort zu Schwangerschaften im Amt führt. Der Politikforscher Michael Hermann erinnert an Sarkozys schöne Justizministerin Rachida Dati, die mit kugelrundem Bauch ihrer Arbeit nachging und lange Zeit als Star der konservativen Regierung galt.

In der Schweiz dürfte die Zahl schwangerer Politikerinnen in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Denn die Parteistrategen fördern den hübschen Polit-Nachwuchs auch mit Blick auf die Wahlen vom kommenden Herbst. Im Kanton Zürich zum Beispiel steht die 24-jährige Kundenberaterin Anita Borer auf der SVP-Liste gleich hinter Superstar Christoph Blocher. Auch andernorts kommen junge Gesichter bei verschiedenen Parteien in den Genuss von vorteilhaften Listenplätzen.

Tages-Anzeiger

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