«Aus allen Himmelsrichtungen wandern Wölfe ein»

Die Wolfspopulation in der Schweiz werde wachsen, sagt Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt.

Wildtiere prägen seinen Alltag: Reinhard Schnidrig ist Wildtierbiologe, Jäger, Walliser und Sektionschef beim Bundesamt für Umwelt. Das gehe sehr gut zusammen, sagt er.

Wildtiere prägen seinen Alltag: Reinhard Schnidrig ist Wildtierbiologe, Jäger, Walliser und Sektionschef beim Bundesamt für Umwelt. Das gehe sehr gut zusammen, sagt er.

(Bild: Stefan Anderegg)

Herr Schnidrig, aus dem Wallis kommt der heftigste Widerstand gegen die Rückkehr des Wolfs. Sie haben die Aufgabe, den Schutz der Grossraubtiere zu garantieren – und sind Walliser. Geht das zusammen?Reinhard Schnidrig: Sicher geht das. Wildtiere haben mich persönlich seit je fasziniert, gerade die reiche Walliser Fauna. Aber Grossraubtiere sind erst durch meine Arbeit in Bern zu einem so wichtigen Thema für mich geworden. Als ich 2005 die Sektion übernahm, wanderte prompt erstmals nach hundert Jahren Abwesenheit wieder ein Bär in die Schweiz ein. Und seither erlebe ich keine Woche ohne Diskussion um die Grossraubtiere. Hier beim Bundesamt für Umwelt haben wir den Auftrag, Gesetze zu vollziehen, meine Herkunft spielt dabei keine Rolle.

Trotzdem nehmen Wolfsgegner gerne Sie persönlich ins Visier.So ist es. Vielleicht, weil ich versuche, Entscheide auf eine sachliche und rechtlich korrekte Basis zu stellen, und weil ich die Dinge beim Namen nenne. Gesetze zu vollziehen, tönt einfacher, als es ist. Man muss Menschen überzeugen können. Ich bin Wildtierbiologe von Beruf, aber erfolgreich in meinem Job bin ich nur mit Psychologie und Kommunikation. Ich spüre das auch, wenn ich ins Wallis gehe.

Wie genau?Wir haben ein Haus in Zermatt, ich bin selber Jäger, und in der Nähe von Brig leben im Sommer meine Pferde auf einer Alp. Ich bin mit der Welt, die sich mit dem Wolf schwertut, persönlich in Kontakt, im Gespräch spüre ich viel Verständnis für die Rolle, die ich habe. Allerdings erhalte ich schon auch sehr heftige Reaktionen. Beim Bären ging das bis zu Morddrohungen.

Tatsächlich?Ja. Ich kann das wegstecken, weil meine Familie davon bislang nicht direkt betroffen war. Die heftigsten Beschimpfungen stammten übrigens nicht aus dem Wallis – sondern aus der Stadt, zum Beispiel aus Zürich. Von Tierschützern. Aber solange ich neben Kritik auch viel Unterstützung erhalte, habe ich das ­Gefühl, grundsätzlich richtig unterwegs zu sein.

Trotz Ihrer Bemühungen dreht sich die Wolfsdebatte im Kreis. Die Positionen prallen unversöhnlich aufeinander, eine ­Lösung ist nicht in Sicht.Das sehe ich anders. Es stimmt zwar, dass die Wolfsdebatte politisch von gewissen Kreisen bewirtschaftet wird, die gar keine Lösung wollen. Aber im Laufe der Zeit habe ich eine Versachlichung der Diskussion festgestellt.

Wirklich?Die Debatte um Grossraubtiere verläuft in Zyklen. Nehmen wir den Luchs. Als er vor rund vierzig Jahren wiederangesiedelt wurde, gab es heftige Auseinandersetzungen. Heute wird gelegentlich noch die Grösse des Bestandes hinterfragt, meist von Jägern, die an den gleichen Beutetieren interessiert sind wie der Luchs. Aber mit der Tatsache, dass der Luchs da ist, hat man sich arrangiert.

Der Wolf ist aber ein anderes ­Kaliber.Zweifellos. Er hinterlässt deutlichere Spuren. Als er 1995 im Wallis nach der Ausrottung vor über hundert Jahren wieder auftauchte, war man nicht vorbereitet. Im Gesetz war nicht einmal vorge­sehen, dass Landwirte bei Wolfsrissen entschädigt werden. Die entsprechende Verordnungsänderung musste der Bund ganz schnell aus dem Boden stampfen. Seither besiedelt der Wolf immer neue Regionen – und überall flammt die Auseinandersetzung auf. Deshalb der Eindruck, dass sich nichts bewegt. Aber dort, wo der Wolf schon länger ist, wird die Diskussion eindeutig sachlicher, etwa in Graubünden oder im Berner Oberland.

Im Wallis ist davon aber wenig zu spüren.Stimmt. Aber auch im Wallis beginnt man, die Präsenz des Wolfs zu akzeptieren. Doch die Situation bleibt sehr delikat – in mehrfacher Hinsicht.

Warum Walliser Sonder­stellung?Aus erbrechtlichen und historischen Gründen ist die Walliser Landwirtschaft sehr klein strukturiert. Es gibt viele Teilzeitbauern, die zudem häufig spezielle Tierrassen halten, Schwarznasenschafe etwa oder Schwarzhalsziegen. Das ist nicht Massenhaltung für die Fleischproduktion, sondern Liebhabersache. Da löst ein Wolfsriss Emotionen aus.

Und dafür machen die Walliser Bundesbern verantwortlich, das dem Wolf Tür und Tor öffne.Ja, das ist schon so. Aber ich schätze die legendäre Wider­borstigkeit der Walliser auch, schliesslich bin ich ja selber einer. Da die Walliser gern auf Distanz zu Bundesbern gehen, ist es nicht einfach, ein nationales Konzept wie dasjenige für den Umgang mit Grossraubtieren zu vermitteln. Andere Regionen haben sich darauf eingestellt, dass der Wolf bleibt. Das ändert automatisch die Perspektive. Im Wallis rechnet man mancherorts leider noch immer damit, dass der Wolf wieder verschwindet.

Oder dass man ihn wieder zum Verschwinden bringt.Mal abgesehen davon, dass man die internationalen Abkommen zum Wolfsschutz verletzen würde: Wenn wir zwanzig Wölfe abschiessen würden, wären innert Kürze wieder zwanzig da. Inzwischen wandern Wölfe aus allen Himmelsrichtungen und allen Nachbarländern in die Schweiz ein. Es gibt grossräumige Migrationsrouten aus dem Apennin, dem Balkan sowie dem Norden Deutschlands, und vielleicht kommen bald sogar Wölfe aus den Karpaten Richtung Schweiz.

Das heisst?In allen umliegenden Ländern ­leben mittlerweile Wölfe. Die Schweiz ist attraktiv für Grossraubtiere, schon nur wegen der guten Lebensräume und der historisch hohen Wildbestände. Die Wolfspopulation in der Schweiz wird wachsen, ob man will oder nicht. Deshalb führt auch im Kanton Wallis kein Weg am Schutz der Nutztiere vorbei. Dieser wird oft missverstanden als Pro-Wolf-Strategie. Das ist er aber nicht, Herdenschutz ist vielmehr eine Pro-Schaf-Strategie.

Es ist schwer erträglich, wenn der Wolf Schafe massakriert.Ja, tote Schafe sind ein Anblick, der wehtut. Der Wolf ist aber trotzdem kein mordlustiges Tier.

Wie denn sonst soll man den Blutrausch verstehen, wenn der Wolf Dutzende Schafe reisst und einfach liegen lässt?Das sind natürliche Reaktionen. Wenn ein Wolf im Rudel lebt, muss er viele Mäuler stopfen und nahrungsarme Zeiten überstehen. Deshalb macht es für ihn Sinn, mehr Tiere zu reissen, als er selber auf einmal fressen kann: Er könnte zurückkehren und einige Wochen von Aas leben.

In den Augen vieler Bergler ist die Rückkehr des Wolfs ein Signal, dass man das Berggebiet zur Wildnis degradiert.Grossraubtiere wie der Wolf decken auf, was unter der Oberfläche schwelt. Die Entvölkerung peripherer Gebiete schreitet voran. Das Postauto fährt seltener in die Täler, die Schule schliesst, der Dorfladen verschwindet. Und dann kommt auch noch der Wolf! Aber der Wolf ist nicht schuld am Strukturwandel.

Wie wild wird die Schweiz?Die Situation scheint paradox. Die Bevölkerung der Schweiz wächst, man hat Dichtestress, gleichzeitig wächst auch die Wildnis, weil sich die Natur in den Bergen einiges zurückholt. Im Mittelland wird es enger, deshalb nimmt der Druck auf die ­Natur in den Bergen durch die immer vielfältigeren Freizeitnutzungen stark zu.

Das spricht nicht dafür, dass sich der scheue Wolf in der Schweiz wohl fühlt.O doch! Luchs, Bär und Wolf sind absolut ökonomisch unterwegs und passen sich an die Schweizer Landschaft an, die ganz anders aussieht als die, die sie vor ihrer Ausrottung erlebt haben. Solange sie Beute und ruhige Orte für die Aufzucht finden, kommen sie gut zurecht. Der Mensch stört sie nicht. Umgekehrt haben wir in der Schweiz aber anscheinend Schwierigkeiten mit den so nahe bei uns lebenden Grossraub­tieren.

Haben Sie selber schon Wölfe und Bären auf freier Wildbahn gesehen?Ja, aber nicht in der Schweiz, sondern in Nordamerika. Ich war zum Beispiel einmal drei Wochen mit dem Kanu unterwegs, um Wölfe zu beobachten. Praktisch jeden Tag haben wir auch Bären gesehen. Enorm faszinierend. Wenn ringsum grosse Tiere leben, empfindet man eine gewisse Bescheidenheit und nimmt sich als Menschen als nicht mehr ganz so gross wahr.

Gab es gefährliche Situationen?Nein. Wir haben unsere Nahrung geruchssicher verpackt. Die Bären waren scheu. Sie verschwanden, sobald wir anlegten.

Wird es der Bär einfacher haben, in der Schweiz akzeptiert zu werden, jetzt, da Luchs und Wolf den Weg vorgespurt haben?Da bin ich mir nicht so sicher. Beim Bären kommt eine weitere Dimension hinzu. Er ist das einzige Grossraubtier, das Menschen ernsthaft verletzen oder gar töten kann. Wo Menschen sind, findet er rasch Nahrung und lernt so, die Menschen als nicht bedrohlich zu akzeptieren. Das kann zu gefährlichen Situationen führen. In Gebieten mit Bären müssen wir einiges umgestalten, etwa die Art, wie wir Abfall lagern.

Was stimmt eigentlich an den immer wieder kolportierten ­Geschichten von menschen­fressenden Grossraubtieren?Es gab früher Situationen, im 30-jährigen Krieg im 17. Jahrhundert etwa, als massenhaft tote Menschen auf den Schlachtfeldern liegen gelassen wurden. Das hat Wölfe und Bären als Aasfresser angezogen. Aber sie jagen keine Menschen. Zu Übergriffen könnte es nur in ganz speziellen Situationen kommen, etwa bei extremen Nahrungsengpässen.

Die Zahl der Grossraubtiere in der Schweiz werde wachsen, sagen Sie. Damit wohl auch die Kosten, sie zu managen?So, wie wir es heute einschätzen, wird das Geld reichen. Wenn wir den Herdenschutz weiter verbessern, werden auch die Schadenzahlungen rückläufig. Das Budget für die Prävention von drei Millionen Franken schöpfen wir im Moment nicht aus. Wir werden effizient leben lernen mit Luchs, Wolf und Bär. Aber wir werden sicher mehr Wildhüter brauchen, Profis, die die Menschen vor Ort aufklären und sich der Konflikte annehmen.

Warum braucht der verwildernde Teil der Schweiz mehr Staatsangestellte?Wilde Natur und wachsende Wildtierbestände in einem Land Mitteleuropas bedeutet nicht, dass man alles sich selber überlassen kann. Die Tierbestände müssen überwacht und reguliert werden. Schon heute sprengen Wildschweine, Hirsche, Biber und Wölfe die kantonalen Vollzugssysteme, die Wildhüter sind kaum mehr in der Lage, alle Aufgaben zu erfüllen. Wir müssen Strukturen schaffen, die gewährleisten, dass wir zukünftig beispielsweise Problemwölfe oder Risikobären rasch erkennen und gezielt eliminieren können.

Damit geraten Sie aber in Konflikt mit dem Tierschutz.Ja, das macht mir auch Sorgen. Der Individualtierschutz ist ein Trend, der immer stärker wird. Es geht so weit, dass es kaum drinliegt, für Bären und Wölfe im Zoo einen Hirsch zu schiessen, damit sie Frischfleisch haben. Es ist aber zentral, dass problematische Grossraubtiere geschossen werden dürfen, sonst entsteht eine Situation wie in Italien.

Nämlich?Wir haben 2008 in der Schweiz den Bären JJ3 geschossen, weil er ein problematisches Verhalten an den Tag legte. Seine Mutter Jurka, ebenfalls ein Problemfall, lebt in Italien, wo die Behörden sie wegen des strengen Tierschutzes nicht schiessen dürfen. Man baute Jurka für Hunderttausende Euro ein Gehege, in dem sie seit Jahren vegetiert. Es vergeht kein Tag, an dem sie als Wildgeborene nicht auszubrechen versucht. Das könnte ich nicht verantworten, denn es ist unehrlich und traurig.

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