Auf leisen Sohlen an die Spitze

Er war der Wunschkandidat und daher konkurrenzlos: Nach nur drei Jahren im Na­tionalrat ist Beat Walti am Freitag einstimmig zum FDP-Fraktionschef gewählt worden.

Neuer FDP-Fraktionschef: Der Zürcher Nationalrat Beat Walti.

Neuer FDP-Fraktionschef: Der Zürcher Nationalrat Beat Walti.

(Bild: Keystone)

Peter Meier@bernpem

Das nennt man dann wohl Senkrechtstarter: Erst 2014 rückte Beat Walti für den Winterthurer Garagisten Markus Hutter in den Nationalrat nach – am Freitag ist der promovierte Zürcher Jurist bereits zum Chef der FDP-Bundeshausfraktion gewählt worden. Kampflos, unbestritten und einstimmig notabene.

Der Wirtschaftsliberale aus Zollikon an der Zürcher Goldküste gilt parteiintern als Hoffnungsträger. Und wäre der bald 49-Jährige eine Frau, dann wäre er wohl auch schon fix gesetzt als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge von FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann.

Ein Zufall ist das alles nicht. Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat sich Walti auf leisen Sohlen in Bern rasch einen Namen gemacht, sich als Bundespolitiker Respekt verschafft. Und zwar so, wie man es im Bundeshaus gern sieht und honoriert: als stiller Schaffer, der lieber in Dossiers guckt als in jede TV-Kamera. Als Brückenbauer, der statt lauten Streits und schlagzeilenträchtiger Polemik lieber vermittelt und den Konsens sucht. Seine umgängliche, unprätentiöse Art, seine bodenständige Sachlichkeit werden allseits geschätzt – innerhalb und ausserhalb der eigenen Partei.

Im zweiten Anlauf bereit

Das zahlt sich rasch aus. Als 2015 das nationale Parteipräsidium und der Chefposten in der Fraktion neu zu besetzen sind, wird der Wirtschaftsanwalt sofort als heisser Anwärter für beide Ämter gehandelt. Doch das geht selbst dem erfolgsverwöhnten Walti zu schnell: «Beruf und Familie haben Vorrang», sagt der verheiratete Vater zweier Kinder damals – und begnügt sich mit dem Vizepräsidium der FDP-Fraktion.

Inzwischen habe sich die Situation verändert, sagt er heute: «Ich bin dank mehr Erfahrung im ­Parlamentsbetrieb souveräner unterwegs und weiss jetzt, was es heisst, die Fraktion zu führen.»

Das ist typisch für Walti, der ­jeden Karriereschritt umsichtig plant. Kein Wunder, präsentiert sich seine berufliche Vita makellos: Studium in Zürich und Neuenburg, Anwaltspatent, Doktorat, Einstieg bei der Beratungs­firma McKinsey, dann 2002 der Wechsel zur renommierten ­Zürcher Kanzlei Wenger & Vieli. Spezialgebiet: Gesellschafts- und Vertragsrecht, Firmenübernahmen, Unternehmungsführung. Auch seine Politkarriere verläuft schnurgerade nach oben.

Beim Jungfreisinn verdient er sich die Sporen, wird mit 31 ­Zürcher Kantonsrat, sechs Jahre ­später Fraktionschef. 2008 übernimmt er bis 2016 das kantonale Parteipräsidium. Nach vierzehn Jahren im Kantonsrat steigt Walti schliesslich in die Nationalliga der Bundespolitik auf. Dort politisiert er loyal und linientreu. Ein Parteisoldat, der sich wirtschafts- und finanzpolitisch rechts der Mitte bewegt, gesellschaftspolitisch leicht links davon. «Eingemittet» nennt er es selbst.

Das allseits kompatible Mainstreamprofil macht ihn zur Idealbesetzung für die Nachfolge von Ignazio Cassis als Fraktionschef – und garantiert Kontinuität: Wie Cassis ist Walti kein Vordenker, kein Mann der grossen Ideen und Visionen. Er ist eher der Typ besonnener Verwalter mit integrierendem Stil und der Aura des Musterschülers.

«Kraft der Argumente»

Für seine souveräne Moderation der Bundesratswahl von Cassis erntete Walti als interimistischer Fraktionschef viel Lob. So will er nun weitermachen – sachlich, zielorientiert, transparent. Er setze auf die «Kraft der Argumente», um die heterogene Truppe zu führen und die vielstimmigen Parteitenöre im Griff zu behalten. Am Erfolg zweifelt der ehrgeizige Walti nicht: «Auch die Freisinnigen haben inzwischen verstanden, dass man kompakt auftreten muss.»

Berner Zeitung

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