Alternde Schutzbauten gegen wachsende Gefahren

Die Stärke der Unwetter hat zugenommen, das Schadenspotenzial in den Alpen steigt. Experten warnen, dass der Sanierung von teils hundertjährigen Schutzbauten zu wenig Beachtung geschenkt werde.

Unterhalt nicht vernachlässigen: Felstechniker montieren in Gurtnellen über der Gotthard-Eisenbahnstrecke Steinschlagnetze (2012). Foto: Keystone

Unterhalt nicht vernachlässigen: Felstechniker montieren in Gurtnellen über der Gotthard-Eisenbahnstrecke Steinschlagnetze (2012). Foto: Keystone

Christian Zürcher@suertscher

Beim Felssturz und Bahnunglück in Tiefencastel haben sich am Mittwoch elf Menschen verletzt. Wegen akuter Felssturzgefahr in Weggis LU mussten kürzlich zwölf Personen ihre Häuser verlassen, und Ende Juli führten Überschwemmungen zu grossen Schäden im Emmental. Arthur Sandri, Abteilungsleiter Gefahrenprävention im Bundesamt für Umwelt (Bafu), sorgt sich. Nicht, weil plötzlich mehr Unwetter über die Schweiz herziehen würden. «Dieser Eindruck ist verzerrt von den jüngsten Ereignissen», sagt Sandri. Die Unwetterschaden-Datenbank der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) stützt Sandris Eindruck und zeigt: Es gibt keine Zunahme der Unwetter in der Schweiz.

Sandri sorgt sich um das Schadens­potenzial. Es beschreibt das maximal mögliche Schadensausmass. Und dieses Schadenspotenzial steigt gemäss Sandri zurzeit «rasant» an. Weil die Menschen ihre Häuser in Gefahrengebiete gebaut haben. Weil die Häuser immer teurer werden und die Menschen im Keller statt «Äpfel und Birnen wie vor 50 Jahren plötzlich die teure Haustechnik lagern». Und weil auf den einzelnen Zugstrecken statt 10 mittlerweile rund 100 Züge pro Tag verkehren. Ein Beispiel: Beim 709 Meter hohen Berg Born bei Olten mussten vor Jahren plötzlich Schutzbauten gegen Steinschlag her; auch, weil die SBB ihre Frequenz zwischen Zürich und Bern erhöht hatten. Das Risiko, dass ein Zug getroffen würde, war zu hoch.

Oft fehlt das Geld

Seppi Berwert vom Ingenieurbüro Belop GmbH in Sarnen konstruiert Schutzbauten – von der Planung bis zur Fertigstellung. Aktuell leitet er für die Gemeinde Giswil OW die Realisierung eines neuen, breiteren Bachlaufs in den Sarnersee, der das Dorf vor künftigen Hochwassern schützt. Ein Grossteil seiner Arbeit befasst sich mit der Gefahrenbeurteilung: Er analysiert, was in der Vergangenheit geschehen ist; berechnet Hochwassermengen; watet durch Bäche, um zu beurteilen, wie viel Geschiebe und Schwemmholz der Wasserlauf mit sich führen könnte. Schliesslich modelliert er die Informationen und berechnet die möglichen Auswirkungen für unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten.

«Wir zeigen den Behörden die Risiken auf und schlagen ihnen Massnahmen wie Steinschlagnetze, Galerien oder Umzonungen vor», sagt Berwert. Vielfach können die Gemeinden jedoch nicht alle notwendigen Massnahmen gleichzeitig umsetzen, oft fehlt ihnen das Geld: «Dann müssen Prioritäten gesetzt werden.»

Laut Berwerts persönlicher Erfahrung haben die Unwetter in den letzten 20 Jahren an Stärke gewonnen. Dies bestätigt Christoph Graf von der WSL: «Es gibt Prognosen, dass durch den Klimawandel die Regenfälle heftiger werden.» Dadurch steige auch die mögliche Zahl der Murgänge und Erdrutsche, sagt Graf. Zudem können Gletscherschmelze und das Abtauen des Permafrosts zu vermehrten Erosionen in den Bergen führen. Ähnliche Prognosen stellt der Bundesrat. In seinem «Aktionsplan zur Anpassung an den Klimawandel» schrieb er im April: Erdrutsche, Felsstürze und Murgänge dürften in den kommenden Jahrzehnten häufiger auftreten.

10,2 Milliarden Franken hat die öffentliche Hand seit 1994 für Schutzbauten gegen Hochwasser, Lawinen und Erd­rutsche sowie für Aufforstung und Schutzwaldpflege ausgegeben. Die Ausgaben sind über die Jahre im Schnitt moderat gestiegen. Sie unterliegen aber gros­sen Schwankungen und sind stark von Ereignissen getrieben: Nach grossen Unwettern – wie etwa 2005 – fordern Bevölkerung und Politik Massnahmen: Die Ausgaben steigen sprunghaft an, flachen aber wenig später wieder ab. 2013 wurden 264 Millionen für Schutzwaldpflege, Aufforstung, Schutzbauten gegen Lawinen und Erdrutsche gesprochen. Für den Hochwasserschutz flossen 317 Millionen. 35 bis 45 Prozent der Aufwände zahlt gewöhnlich der Bund, 35 Prozent die Kantone, 20 bis 30 Prozent die Gemeinden.

Was die Experten derzeit allerdings am meisten sorgt, ist nicht der Bau neuer Schutzbauten. Vielmehr sind es die teilweise bereits hundertjährigen Anlagen. Sie gewähren zwar noch Schutz, müssen aber in den kommenden Jahrzehnten wieder instand gesetzt ­werden. «An diese kommenden Aufgaben wird heute in der Bevölkerung zu wenig gedacht», sagt Ingenieur Berwert. Sandri vom Bafu pflichtet dem bei.

Lasermesser im Berg

In den Millionenausgaben für Schutzbauten enthalten sind auch die Ausgaben der SBB oder der Anlagen zum Schutz der Nationalstrassen. Die SBB weisen in ihrem Inventar 4355 Schutzbauten auf, welche die Geleise auf 94 Kilometern schützen. Für den Bau und Unterhalt von Schutzbauten geben die SBB pro Jahr 25 Millionen aus.

Wie aufwendig Schutzbauten sind, zeigt das Beispiel Gurtnellen UR auf der Gotthardstrecke. Nachdem 2012 rund 3000 Kubikmeter Fels in Richtung Bahntrassee gestürzt sind und zu einem der längsten Unterbrüche in der Geschichte der Gotthardstrecke geführt haben, gehört der Hang nun zu einem der am besten überwachten des ganzen Alpenraums. Sensoren an Steinschlagnetzen schlagen bei kleinster Beschädigung Alarm, sodass der Zugverkehr gestoppt werden kann. Hunderte Quadratmeter von Stahlnetzen sorgen für weitere Sicherheit. Dazu wird die Felswand online überwacht: Lasermesssysteme und ein Georadar notieren jeden Millimeter Bewegung des Felses. Selbst im Fels messen Sensoren, sogenannte Extensometer, die Bewegungen der Spalten. Dank den Geräten kann ein Absturz bis auf sechs Stunden genau bestimmt werden.

Trotz aller Technik nimmt der Schutzwald weiterhin eine wichtige Funktion ein: 26 Prozent des Schienennetzes wird durch Wald geschützt. Bei den Stras­sen sind es 24 Prozent, oft wichtige Verkehrs­achsen wie die Gotthardautobahn oder die A 8 im Berner Oberland. «Investiert man einen Franken in die Schutzwaldpflege, verhindert man Schäden im Wert von vier bis zehn Franken», sagt Sandri. Der Boden eines gesunden Waldes ist porös und nimmt Wasser sehr gut auf. Die Wurzeln halten den Boden zusammen, und das Wasser trifft dank des Blätterdachs verzögert auf den Boden. Wie effektiv Schutzwälder sind, zeigten die starken Unwetter 2005: Die grossen Rutschschäden entstanden beinahe ausschliesslich an waldlosen Hängen.

Den Schweizern drohen vermehrte Umsiedlungen

Die Gefahrenzonen der Schweiz werden bald vollständig kartografiert sein. Ein aktuelles Beispiel aus Luzern lässt die möglichen Folgen erahnen.

Bei Weggis LU am Vierwaldstätte ist vor wenigen Tagen eine Geistersiedlung entstanden. Fünf Häuser im Gebiet Horlaui wurden per Ende Juli auf Anordnung der Behörden geräumt; die Bewohner mussten umziehen. In Bälde werden ihre ehemaligen Wohnstätten gänzlich abgerissen sein. Zu gross ist nach Ansicht der Verantwortlichen das Risiko, dass ein Felssturz die Ein- und Mehrfamilien­häuser am steilen Uferhang zerstören könnte.

Das Ungewöhnliche an der Umsiedlungsaktion ist ihr Zeitpunkt. Das Gebiet wurde evakuiert, ohne dass es bereits zum befürchteten Naturereignis gekommen wäre – eine Schweizer Premiere, wie es beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) heisst. Üblich war bislang eher ein Vorgehen à la Preonzo: Nachdem in der Gemeinde nahe Bellinzona vor zwei Jahren 300 000 Kubikmeter Geröll zu Tal gedonnert waren, trieben die Tessiner Behörden die Umsiedlung der bedrohten Gewerbezone voran.

Bewohner wehrten sich

In Minne lief die Weggiser Aktion nicht ab. Die Betroffenen wehrten sich, ein Rekurs gegen die Abbruchverfügung ist laut einem Bericht der «Neuen Luzerner Zeitung» noch immer hängig. Doch der Fall Horlaui könnte sich zum Modell für die Entscheidungsträger anderer Gemeinden in anderen Kantonen entwickeln. Denn noch nie war so genau bekannt und vor allem amtlich besiegelt, wo in der Schweiz Naturgefahren drohen. 21 Jahre ist es her, seit die Kantone gesetzlich verpflichtet wurden, ihre Gefahrengebiete zu kartografieren. 1997 legte der Bund die entsprechenden Standards fest, seither arbeiten die Kantone an ihren Gefahrenkarten. Das Grossprojekt erwies sich als komplex und zeitaufwendig, doch inzwischen ist es zu über 90 Prozent vollendet.

Mit dem Ergebnis werden sich die Kommunal- und Kantonsbehörden in den kommenden Monaten mehr und mehr auseinandersetzen müssen – vor allem mit Wohnbauten in rot eingefärbten Kartenausschnitten, die eine «erhebliche Gefährdung» wie beim Horlaui-Ufer signalisieren. Erklärtes Ziel der Gefahrenkarten ist nämlich die «Planung technischer und organisatorischer Massnahmen», wie das Bafu schreibt. Die Entschlossenheit der Weggiser Führungs­equipe wird im Bundesamt mit viel Lob quittiert: «Die Behörden von Weggis handelten vorbeugend, statt zu warten, bis etwas passiert. Das ist genau die Vorgehensweise, die wir den Kantonen empfehlen», sagt Arthur Sandri, der zuständige Sektionschef im Bafu.

2000 Gefährdete in Bern

Mit wie vielen Schweizerinnen und Schweizern dereinst vielleicht ähnlich verfahren wird wie mit den Horlaui-Bewohnern, ist offen. Noch ist der Kartenbestand nicht vernetzt, eine gesamtschweizerische Übersicht fehlt. ­Einen gewissen Anhaltspunkt liefert die Situation im Kanton Bern. Dieser umfasst ein Siebtel des Landes, vom Jura über das Mittelland bis in die Alpen, er kann durchaus als ein repräsentatives Stück Schweiz betrachtet werden. Hier leben nach Behördenangaben rund 2000 Menschen in roten Zonen. Rechnet man diese Zahl auf das ganze Land hoch, so darf man nach Expertenmeinung schweizweit von fünf- bis zehnmal so vielen Betroffenen ausgehen.

Das bedeutet nicht, dass mittelfristig 20 000 Schweizer umgesiedelt werden müssen – eine Verlegung sei nicht für alle Bauten zwingend, die in Gefahrenzonen stünden, betont Arthur Sandri. «Sie ist aber in Betracht zu ziehen, wenn Menschenleben gefährdet sind und das Gebiet mit anderen Massnahmen nicht ausreichend gesichert werden kann.» Die grösste Gefahr gehe von Stein­schlägen und Hangmuren aus. «Hier ist die Vorwarnzeit praktisch gleich null.»
Fabian Renz, Bern

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