Als die Schweiz letztmals hungerte

Nicht nur der Weltkrieg, sondern garstiges Wetter und Missernten führten in der Schweiz 1916 und 1917 nochmals zu einer Hungerkrise, wie man sie längst überwunden glaubte. Das hat das Team um Umwelthistoriker Christian Pfister entdeckt.

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Es ist bloss noch eine ferne Erinnerung: dass in der Schweiz Menschen hungerten. Vor 200 Jahren, nach der Explosion des indonesischen Vulkans Tambora, verdunkelten dessen Aschepartikel den Himmel, sodass im nasskalten Jahr 1816 der Sommer ausfiel. Ausstellungen erinnern derzeit daran, wie Missernten die knappen Lebensmittel unbezahlbar machten und in der Nordostschweiz sowie im Zürcher Oberland Menschen verhungerten.

Schlottern und hungern

Jetzt hat ein Berner Forscherteam um den emeritierten Umwelthistoriker Christian Pfister mit einem Buch publik gemacht, dass die letzte Schweizer Mangel- und Hungerkrise viel jüngeren Datums ist. Sie begann vor genau 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg. «Weil alle Aufmerksamkeit vom Grossereignis des Weltkriegs absorbiert wurde, hat man die Ursache dieser Krise bisher völlig verkannt», sagt Pfister.

Christian Pfister,  Umwelthistoriker. Bild: zvg

In den Schweizer Städten, erzählt er, schlotterten 1917 die Familien von unterbezahlten Angestellten und Industriearbeitern in schlecht geheizten Wohnungen und assen karge Mahlzeiten.

Auf dem Höhepunkt der Krise 1918 zahlte man – auf heutige Einkommensverhältnisse umgerechnet: 5.20 Franken für ein Kilo Kartoffeln, 6.30 Franken für einen Liter Milch, 12.80 Franken für ein Kilo Brot und horrende 154 Franken für ein Kilo Schweinefleisch. Plötzlich frass der Posten für Nahrungsmittel, Heizung, Beleuchtung und Miete über 60 Prozent der Ausgaben einer Familie weg. Heute sind es gerade mal 22 Prozent.

Es war eine Schockerfahrung, die die industrialisierte Schweiz damals längst überwunden glaubte. Bei Kriegsende zeigten ärztliche Untersuchungen, dass die unterernährten Schweizer Schulkinder kleinwüchsiger waren als vor dem Krieg.

Regensommer und ­Eisfrühling

Auf die bisher übersehenen Ursachen dieser Versorgungskrise stiess Christian Pfister durch einen Zufall. Er liess eine Datenreihe, die die Regenmengen und Temperaturen in der Schweiz von 1580 bis 1880 mit den Getreidepreisen abgleicht, bis ins Jahr 1980 weiterlaufen.

Sie zeigte, dass nicht nur 1816 Regen und Kälte die Ernten minimierten und die Kornpreise explodieren liessen, sondern ein allerletztes Mal auch 1916 bis 1918. Ab 2000 erforschte Pfister das Phänomen mit seinen Studierenden, jetzt präsentiert ein Herausgeberteam die Erkenntnisse im neuen Sammelband (siehe Box).

«1916 kam es zum bisher letzten Gastspiel einer kleinen Eiszeit.»Christian Pfister

«1916 kam es zum bisher letzten Gastspiel einer kleinen Eiszeit», weiss Pfister heute. Es waren nicht nur kriegsbedingte Versorgungsengpässe, die den Schweizer Bundesstaat 1916 bis 1918 in seine grösste Krise stürzten, sondern auch ein verregneter, kalter Sommer und ein eisiger Frühling.

Nach einem Temperatursturz am 4. Juni 1916 fiel bis auf 500 Meter hinunter Schnee. Im Emmental lag oberhalb von 750 Metern tagelang eine feste Schneedecke, die Heuwiesen und Getreide platt walzte. Im Juli ging der Schnee in Dauerregen über. In der Stadt Zürich regnete es im Sommer 1916 an 56 Tagen. Auf den nasskalten Sommer folgte 1917 eiskaltes Frühjahr. Noch im April lag in der Stadt Zürich an sechs Tagen Schnee. In den Alpen gingen Lawinen nieder.

«Es gibt eine gespenstische, aber zufällige Ähnlichkeit des Monats Juni in den Jahren 1816, 1916 und 2016», sagt Pfister. Auch der diesjährige Juni sei sehr nass gewesen, was der Landwirtschaft zusetzte, aber längst nicht so kalt wie vor 100 und vor 200 Jahren. Und 2016 folgte ein wärmerer und trockener Juli als 1916 und 1816.

Die garstige Witterung hatte vor 100 Jahren einschneidende Folgen: Die Kartoffelernte von 1916 blieb im Kanton Bern um 39 Prozent unter dem Schnitt der Vorjahre. Die kleinen Kartoffelknollen wurden von Krankheiten befallen und zerfielen bei der Lagerung zu einer breiartigen Masse.

«Es gibt eine ­gespenstische, aber zufällige Ähnlichkeit des schlechten Juni-Wetters in den Jahren 1816, 1916 und 2016.»Christian Pfister

Weil Schnee und Regen das Heu verdarben, hungerten auch die Schweizer Kühe, ihre Milcherträge brachen vom April 1916 bis April 1917 um katastrophale 60 Prozent ein. Das Grundnahrungsmittel Milch wurde für die ärmere Bevölkerung unerschwinglich. Am 23. Februar 1917 verfügte der Bundesrat in der Woche zwei fleischlose Tage.

Krieg um Brot

«In einem Friedensjahr hätte eine Kältewelle eine vorübergehende Preiserhöhung der Lebensmittel ausgelöst, aber in Kombination mit dem Weltkrieg spitzte sie sich zu einer dramatischen Versorgungskrise zu», sagt Pfister.

Die britische Flotte belegte im Krieg den europäischen Kontinent mit einer Seeblockade. Und im eisigen Frühjahr 1917 ging Deutschland zum unbegrenzten U-Boot-Krieg gegen Schiffe der Alliierten über, was den Getreide­import aus Übersee empfindlich schmälerte.

Weite Teile Europas litten unter der Kältewelle. Weil in der Schweiz viele Bauern zum Grenzschutz abkommandiert wurden und in den kriegführenden Ländern Bauern wie auch die Kumpel der Kohlegruben an der Front standen, fehlte es bei der Ernte oder beim Kohleabbau an Know-how. Das verminderte die Erträge zusätzlich.

«In Krisen sucht man immer nach einem Sündenbock.»Christian Pfister

«Der Erste Weltkrieg drehte sich ab 1916 auch um Kartoffeln und Brot», zitiert Pfister den britischen Historiker Avner Offer. Die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn verloren den Krieg auch an der Ernährungsfront.

Vor 100 Jahren machten die Schweizer Behörden letztmals die Erfahrung, dass Versorgungs- und Mangelkrisen Protest und soziale Unrast auslösen, die im Landesstreik von 1918 eskalierten. Die Sozialdemokratische Partei schob die schlechte Versorgungslage den Politikern und den Grossbauern in die Schuhe.

«In Krisen sucht man immer nach einem Sündenbock», sagt Pfister. Man könne aber für die komplexe Lage 1916/1917 nicht einfach die Grossbauern verantwortlich machen. Die Bundesbehörden hätten zwar schlecht vorgesorgt, was anfänglich zu einem Versorgungschaos geführt habe. «Unter Zwang lernten sie aber schnell dazu», erklärt Pfister.

Der Staat interveniert

Vor 1916 war die Schweiz ein schlanker, liberaler und sparsamer Staat, der auf die globalen Marktkräfte setzte. Erst die Erfahrung des Mangels löste dann weitreichende staatliche Interventionen aus: die Rationierung von Lebensmitteln, die zwangsweise Steigerung der Anbauflächen oder Bundeshilfen von umgerechnet 7 Milliarden Franken zur Verbilligung der Nahrungsmittel.

Mit der Versorgungskrise im Ersten Weltkrieg setzte der Umbau der Schweizer Landwirtschaft zur staatlich geregelten Branche ein, wie wir sie heute mit Branchenverbänden, Preis- und Abnahmegarantien kennen.

«Die jungen Beamten, die im Ersten Weltkrieg die Krise managen mussten, organisierten dann im Zweiten Weltkrieg eine bessere Vorsorge.Christian Pfister

Wäre eine Krise wie 1916/1917 heute noch möglich? Pfister zögert. Ein grosser Krieg mitten in Europa und eine so kalte Witterung seien angesichts der globalen Erwärmung schwer vorstellbar.

Die beste Garantie gegen eine Krise aber seien die Lehren, die man damals gezogen habe: «Die jungen Beamten, die im Ersten Weltkrieg die Krise managen mussten, organisierten dann im Zweiten Weltkrieg eine bessere Vorsorge.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.08.2016, 14:02 Uhr

Das Buch

«Woche für Woche neue Preisaufschläge» schrieben die Medien in den Jahren 1916/1917 über den sich zuspitzenden Versorgungsengpass in der Schweiz. Diese Schlagzeile ist nun auch der Titel des neuen Sammelbands, den ein Berner Historikerteam um Umwelthistoriker Christian Pfister eben im Basler Schwabe-Verlag publiziert hat. In 13 Aufsätzen beleuchten die Forscher bisher übersehene Zusammenhänge zwischen Kriegsblockade, verregnetem Sommer, Getreidepreisen und Energiekrise. Christian Pfister liefert den garstigen Wetterbericht für 1916/1917 und beschreibt die daraus folgenden Missernten sowie die Preisexplosion der Lebensmittel und der Kohle. Peter Moser untersucht, wie sich der Zorn der betroffenen Arbeiterschaft im Landesstreik von 1918 entlud und wie der Bundesstaat mit einer neuen interventionistischen Agrarpolitik auf den Aufruhr reagierte. Christian Sonderegger und Andreas Tscherrig erläutern, inwiefern die Mangelernährung die Spanische Grippe beschleunigte, die 1918/1919 in der Schweiz 25'000 Todesopfer forderte.svb

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