Als die Schweiz fast auseinanderfiel

Obwohl die Schweiz vom Ersten Weltkrieg verschont blieb, wurde sie von inneren Konflikten schier zerrissen. Aus der Krise zog das Land bis heute wirksame Lehren.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Die Männer der Berner Füsilierkompanie IV/27 rechneten mit einem Einsatz von wenigen Wochen, als sie nach der Mobilmachung der Schweizer Armee am 4.August 1914 in den Jura abmarschierten. Ihr Auftrag: der Schutz der Landesgrenze, hinter der der Erste Weltkrieg begonnen hatte. Die Krieg führenden Mächte Europas glaubten an eine rasche Entscheidung. Aber an Weihnachten sassen die Berner Füsiliere immer noch im Jura fest. Dort war es nun minus 20 Grad kalt, meterhoch lag der Schnee, und die Männer übernachteten in kaum geheizten Scheunen oder Turnhallen.

20 Grad unter null und schimmliges Brot

Ein Foto von Neujahr 1915 (siehe nächste Seite) vermittelt die Stimmungslage der Berner: Die ausdruckslosen Blicke der Führungsleute am Wirtshaustisch gehen aneinander vorbei ins Leere. Das Bild ist eingeklebt in das Kompaniealbum 1914–1918, das im Berner Staatsarchiv aufbewahrt wird.

Quälend genau schildert der Berichterstatter darin den öden Alltag der Soldaten: Sie schreiten immer wieder denselben Grenzabschnitt in den Freibergen ab, von La Chaux-de-Fonds nach Glovelier und zurück. Ständig reparieren sie ihre miserable Ausrüstung. Von Beobachtungstürmen spähen sie hinüber zur nahen Kriegsfront und zählen die Granateinschläge der Deutschen und Franzosen, die sich in einen mörderischen Stellungskrieg verkrallt haben, der vier Jahre dauern sollte. Die Berner aber schiessen nur im Schiessstand.

Auch die Verpflegung vermag die trostlose Routine nicht aufzuhellen. «Das Brot ist schimmlig, missfarbig, fadenziehend, fast ungeniessbar», schreibt der Chronist im Album, «vom Veterinär kommt ein Verbot, das Brot den Pferden zu füttern wegen Kolikgefahr; für die Leute ist kein Verbot da.»

Im Frühjahr 1915 entlässt man die Füsiliere nach Hause. Bald folgt das neuerliche Aufgebot für Ablösungsdienste. 1915 sind die Berner gemäss dem Erinnerungsalbum wieder 124 Tage lang an der Grenze in den Freibergen, 1916 sind es 100 Tage. Ein zermürbender Rhythmus.

Teuerung, Hunger und Revolten

In den Betrieben und auf den Bauernhöfen hinterlassen die abkommandierten Männer empfindliche Lücken. Anders als im Zweiten Weltkrieg zahlt ihnen der Staat noch keinen Erwerbsersatz. Die Frauen springen ein und versuchen, ihre Familien durchzubringen.

Im Mai 1915 protestieren auf dem Berner Bundesplatz Tausende gegen die Teuerung. Auf den Fotos im Staatsarchiv tragen alle Männer Hüte. In den Gesichtern darunter erkennt man denselben leeren Blick wie auf dem Neujahrsbild von 1915. Weil der Staat nicht vorgesorgt hat, sind die Lebensmittel knapp geworden. Ihr Preis steigt um das Zweieinhalbfache an. 1918 bezieht ein Sechstel der Bevölkerung Notstandsunterstützung. Arme Familien hungern.

Als im Juli 1918 die Spanische Grippe ausbricht, sind viele so geschwächt, dass der Epidemie in einem Jahr allein in der Schweiz 25'000 Menschen zum Opfer fallen. Nicht zuletzt wegen der mangelhaften Versorgung wächst der Zorn. Im November 1918 ruft ein Komitee von Gewerkschaftern und Sozialisten zum allerersten Generalstreik im Land auf. Bundesrat und Armeeführung beordern die noch nicht entlassene Armee in die Städte. Vereinzelt schiessen die Soldaten auf die eigene Bevölkerung. Es gibt Tote.

Die Schweiz von 1914 unter Hochspannung

«Im Ersten Weltkrieg erlebt der Schweizer Bundesstaat die wohl dramatischste Bedrohung seines Zusammenhalts», sagt der Historiker Sacha Zala. Er ist Direktor der Forschungsstelle «Diplomatische Dokumente der Schweiz» in Bern. In der eben erschienenen «Geschichte der Schweiz» hat er das Kapitel über die Periode der zwei Weltkriege geschrieben. Wenn Zala über die Schweiz vor 100 Jahren spricht, scheint er von einem fremden Land zu erzählen, das von inneren Spannungen schier zerrissen wird.

Der Freisinn beherrscht mit absoluter Mehrheit Bundesrat und Parlament. Breite Kreise der Bevölkerung rutschen in die Armut ab. Die aufstrebende Sozialdemokratie nützt die soziale Unrast in der Arbeiterschaft und attackiert mit klassenkämpferischen Tönen das bürgerliche Establishment. Tugenden und Errungenschaften, für die man die Schweiz heute rühmt, fehlen 1914: die soziale Stabilität, der Arbeitsfriede, der politische Konsens, die Altersvorsorge.

Dass uns die Schweiz von 1914 fremd vorkommt und dass sie in der Publikationsflut zum 100-Jahr-Jubiläum des Ersten Weltkriegs fehlt, hat für Sacha Zala einen besonderen Grund: «Die Schweiz von 1914 bis 1918 wird von der Debatte über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg überschattet.» Noch gibt es Überlebende, die ihre Überzeugungen über die wehrhafte Schweiz von 1939 bis 1945 verteidigen.

Die Zeugen von 1914 aber sind verstummt. Niemand kann mehr davon berichten, in welchem Schockzustand sich die Schweiz befand. Umso mehr müsse man sich wieder damit befassen, findet Zala. Wozu? Was geht uns die Notlage vor 100 Jahren heute an? «Die Schweiz hat aus den Zerreissproben im Ersten Weltkrieg Lehren gezogen, die unser Land erst zu dem machten, was es heute ist», begründet Zala.

Lehre 1: Offene Grenzen und ein starker Staat

Eine erste Lehre könnte lauten: Die Schweiz braucht offene Grenzen und einen starken Staat. So wie die global vernetzte Schweiz von heute gründete schon der 1848 geschaffene Bundesstaat seinen Wohlstand auf einer lukrativen Aussenwirtschaft. «Ab 1914 aber wird die Schweiz in einen Ausnahmezustand der Abschottung gezwungen», weiss Zala. Die Krieg führenden Mächte regeln rigoros den Schweizer Aussenhandel und verknappen die Zufuhr der Kohle, damals der wichtigste Energieträger.

«Die Schweiz verliert 1914 ihre wirtschaftliche Souveränität», erklärt Zala. Insbesondere für die Grenzregionen sei das ein Schock gewesen. Im Südbündner Puschlav etwa, in dem Zala aufgewachsen ist, brechen die lukrativen Geschäfte mit Oberitalien ein. Die Handelsströme bewegen sich nun in umgekehrter Richtung, ins Landesinnere. Der Schweizer Binnenmarkt aber vermag die verlorenen Gewinne nicht zu kompensieren.

Der junge Bundesstaat ist noch zu schwach, um Antreiber und Geldgeber zu sein. «1914 ist die Schweiz eine eher lose Holding von Kantonen», sagt Zala. Erst unter dem Eindruck der Not verschafft sich der Bund erstmals direkte Einkünfte, die als Wehrsteuer getarnt werden. «Der Krieg stärkt den Bundesstaat», bilanziert Zala. Dieser erschliesse sich neue Aufgabenfelder, im Sozialbereich oder in der Wirtschaftspolitik. Bald tritt der Bund als Taktgeber auf. So bei der Elektrifizierung durch die Wasserkraft, mit der die Schweiz ihre Abhängigkeit von ausländischer Kohle verringert.

Lehre 2: Der Röstigraben muss zugeschüttet werden

Eine zweite Lehre aus dem Ersten Weltkrieg lautet: Die Sprachregionen müssen zusammenhalten. Denn 1914 entzweien sich die Schweizer schier entlang des Röstigrabens. Während die Deutschschweizer die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn unterstützten, zeigen die Welschen Sympathien für Frankreich. Verschärft wird der Gegensatz 1914 durch die Wahl Ulrich Willes zum General der Schweizer Armee. Der 66-jährige Offizier, dessen Grossvater deutscher Generalleutnant war, schwärmt offen für das kaiserliche deutsche Heer und führt in der Schweizer Armee preussischen Drill ein. In der Romandie ist er verhasst.

In seinem flammenden Aufruf «Unser Schweizer Standpunkt» von 1914 plädiert der Schweizer Schriftsteller Carl Spitteler, der Literaturnobelpreisträger von 1919, für die Einheit des Landes und die Neutralität als gemeinsame Grundlage. Zwar verkündet der Bundesrat beim Kriegsausbruch die strikte Neutralität der Schweiz, die Gefühlslage der Bürger in den Sprachregionen aber hält sich nicht daran.

Ein sprachübergreifendes Einheitsgefühl müssen die Schweizer erst einüben. Das Trainingslager ist die Geistige Landesverteidigung der 1930er-Jahre. Dieses kulturelle und politische Programm, das die Schweizer auf gemeinsame heimatliche Werte einschwört, entspringt der Spaltungsgefahr im Weltkrieg. Und es ist eine Reaktion auf die äussere Bedrohung durch den Faschismus in Italien und Deutschland. Propagiert wird etwa der verstärkte Gebrauch des Dialekts anstelle des Hochdeutschen.

Heute wird die Geistige Landesverteidigung kritisiert als rückständige und provinzielle Patriotismuskampagne, die der nationalkonservativen SVP als Vorlage diene. «Sie war aber auch ein grosser Erfolg, dem die Schweiz langfristig ihre Einheit unter der Bedrohung des Zweiten Weltkriegs und ihren heutigen Zusammenhalt verdankt», sagt Sacha Zala.

Mit der Geistigen Landesverteidigung reagierte man zudem auf einen ganz neuen Druck von aussen. Vor 1914 waren mehrsprachige Vielvölkerstaaten wie das Kaiserreich Österreich-Ungarn oder eben die Schweiz üblich. 1919 aber wurde Europa nach dem Prinzip des «Selbstbestimmungsrechts der Völker» neu aufgeteilt in Nationalstaaten. Das faschistische Regime von Diktator Mussolini forderte in den 1920er-Jahren einen Anschluss der Südschweiz samt dem Wallis und Graubünden an Italien.

Als der libysche Machthaber Ghadhafi in der Geiselkrise von 2009 forderte, die Schweiz müsse entlang ihrer Sprachregionen aufgetrennt und an die Nachbarstaaten verteilt werden, habe man ihn belächelt, erzählt Zala. Nach 1918 aber seien solche Ideen eine reale Bedrohung gewesen: «Die mehrsprachige Schweiz war plötzlich ein territoriales Unding, das sich neu legitimieren musste.» Das Land habe sich deshalb mit der Geistigen Landesverteidigung neu erfunden – als Sonderfall. «Mit durchschlagendem Erfolg, bis heute», findet Zala.

Lehre 3: Sozialer Ausgleich schafft Stabilität

Lehre 3 aus der Zerreissprobe des Ersten Weltkriegs lautet: Zur inneren Stabilisierung müssen die sozialen Gegensätze ausgeglichen werden. Die Fotos im Erinnerungsalbum der Berner Füsiliere zeigen eine Schweiz scharf getrennter Klassen. Die Offiziere sitzen in straff geschnittener Uniform, mit glänzenden Stiefeln und unübersehbarem Standesbewusstsein hoch zu Ross. Die abgekämpften Füsiliere sind in schlecht sitzenden Uniformen zu Fuss unterwegs.

1914 bis 1918 reift im grossbürgerlichen Establishment die Erkenntnis, dass die soziale Spaltung mit integrativen Reformen entschärft werden muss. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der sozialistischen Revolution Lenins, die 1917 den russischen Zaren wegfegt. Mit Rückenwind aus Russland und der Unterstützung der Arbeiterschaft erstarken die Schweizer Sozialdemokraten. Schrittweise werden ab 1918 ihre sozialen Forderungen eingelöst: bessere Regeln in der Arbeitswelt, Gesamtarbeitsverträge oder eine Altersvorsorge.

Lehre 4: Politischer Ausgleich und Konsens

Stabilität durch Ausgleich – Lehre vier aus der Bedrohung im Ersten Weltkrieg – wird auch in der Politik durchgesetzt. Die schmale Elite erkannte, dass sie der Bedrohung ihrer  Vorherrschaft begegnen kann, indem sie ihre aufstrebenden Gegner schrittweise an der Macht beteiligt. Die ersten nationalen Wahlen nach dem Proporzprinzip beenden 1919 die freisinnige Alleinherrschaft. Die Konservativen, die 1919 von Rudolf Minger gegründete Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB – die heutige SVP – und später auch die vorerst oppositionellen Sozialdemokraten werden zu Partnern in einem Machtkartell. Es ist der Beginn der Schweizer Konkordanzpolitik.

Angeblich kann man aus der Geschichte nicht lernen. Die Schweiz aber, sagt Sacha Zala, habe vor 100 Jahren die Lektion des Ersten Weltkriegs verstanden und sich in einem Dreischritt vorwärtsbewegt: von der Krise und der Konfrontation zum Konsens.

Wenn die Schweiz nun 100 Jahre zurückblickt, kann sie auch ihre Lernfähigkeit auffrischen. Für die Zukunft.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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