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«Singles müssen sich für ihr Leben dauernd rechtfertigen»

«Singles werden ein Leben lang dafür bestraft, dass sie nicht verheiratet sind und keine Kinder haben», sagt Sylvia Locher. Als Präsidentin des Vereins Pro Single Schweiz kämpft sie gegen die Benachteiligung von Alleinlebenden.

«Ich bin gern Single, weil ich mich so am besten entfalten kann» sagt Sylvia Locher (60).
«Ich bin gern Single, weil ich mich so am besten entfalten kann» sagt Sylvia Locher (60).
Silvan Fessler
Lebensmittel /Hygieneartikel: Kleine Packungen kosten prozentual oft mehr als grosse, und meist gibt es nur auf Familienpackungen Aktionen.
Lebensmittel /Hygieneartikel: Kleine Packungen kosten prozentual oft mehr als grosse, und meist gibt es nur auf Familienpackungen Aktionen.
Keystone
AHV/Pensionskasse: Wenn ein kinderloser Single stirbt, profitiert keine ihm nahestehende Person von seinen Sozialversicherungen. Seine AHV fällt an den Staat, und bei der Pensionskasse kann man keine Freunde begünstigen. Ehepaare hinge­gen profitieren gegenseitig von der AHV und von der Pensionskasse.
AHV/Pensionskasse: Wenn ein kinderloser Single stirbt, profitiert keine ihm nahestehende Person von seinen Sozialversicherungen. Seine AHV fällt an den Staat, und bei der Pensionskasse kann man keine Freunde begünstigen. Ehepaare hinge­gen profitieren gegenseitig von der AHV und von der Pensionskasse.
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Frau Locher, Sie bezeichnen sich als Single aus Überzeugung. Was spricht gegen eine Partnerschaft?

Sylvia Locher: Natürlich spricht nichts gegen eine Partnerschaft. Wissen Sie, diese Frage stellt man mir ständig. Und ehrlich gesagt stört mich das.

Wieso?

Weil Singles immer nach dem Warum gefragt werden. Sie müssen sich für ihr Leben dauernd rechtfertigen. Verheiratete fragt man auch nicht, wieso sie verheiratet sind oder ob es ihnen dabei gut geht. So wie andere gern verheiratet sind, bin ich gern Single, weil ich mich so am besten ent­falten kann, insbesondere das ­Alleinwohnen finde ich ideal. Einmal meinte eine Kollegin zu mir, es gebe doch nichts Schlimmeres, als am Sonntagmorgen allein die Zeitung zu lesen. Und ich dachte: Nichts schöner als das!

Wann vermissen Sie einen ­Partner?

Vor allem beim Haushalten . . . Aber im Ernst: Einsamkeit ist keine Frage des Beziehungsstatus. Ich habe gute Nachbarn und viele Freunde. Die meisten Singles haben wie ich eine soziale Familie, die sie trägt.

Kein Moment, in dem Sie sich nach einem Partner sehnen?

Am ehesten, wenn ich so richtig Grippe und Fieber habe und niemand da ist, der mir einen Tee ans Bett bringt . . . Wissen Sie, mit vierzig habe ich mein Single­dasein manchmal als Manko empfunden, weil die meisten um mich herum in einer Beziehung waren. Wenn alle dauernd fragen, wann man endlich heirate und Kinder bekomme, schürt das natürlich Zweifel, was denn eigentlich normal ist. Daran hat sich bis heute leider wenig geändert. Diejenigen, die nicht im Familienverbund leben, werden oft als Egoisten abgewertet oder als Menschen betrachtet, mit denen etwas nicht stimmt.

Gelten Singles als komisch?

Leider ja. Bei älteren Frauen heisst es oft, die Arme, die ist sicher frustriert, weil sie keiner wollte. Männer hingegen gelten eher als einsame Wölfe, die sich erfolgreich dem Joch der Ehe entziehen konnten. Bei einem Klassentreffen hat mich kürzlich ein Schulkollege gefragt: «Wieso hast du nicht geheiratet?» Meine Gegenfrage war: «Wieso hast du geheiratet?» Er meinte entgeistert, das sei doch normal. Dabei ist heute das Gegenteil der Fall: Einpersonenhaushalte sind in der Schweiz die am meisten verbreitete Wohnform, gefolgt von den Paarhaushalten. Familienhaushalte machen lediglich ein Viertel aus.

Als Präsidentin von Pro Single Schweiz kämpfen Sie gegen die Benachteiligung von Singles. Allerdings kennt kaum jemand Ihren Verein.

Wir nennen uns erst seit 2015 Pro Single Schweiz, davor waren wir die Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Frauen und Männer, kurz AUF. Der Name war umständlich, und niemand wusste so recht, was man sich darunter vorstellen soll. Seit wir Pro Single Schweiz heissen, nimmt das Interesse zu.

«Diejenigen, die nicht im Familienverbund leben, werden oft als Egoisten abgewertet oder als Menschen betrachtet, mit denen etwas nicht stimmt.»

Wer wendet sich an den Verein?

Vor allem ledige und kinderlose Frauen und Männer. Meist interessieren sich die Leute erst nach einer Scheidung für uns oder wenn die Familienplanung vom Tisch ist, also etwa ab vierzig. Ab da fragen sich dann viele, wie Alleinstehende im Alter überhaupt finanziell abgesichert sind – und kommen auf uns zu. In jungen Jahren blendet man die Nachteile des Nichtverheiratetseins gern aus, weil die meisten davon ausgehen, dass sie irgendwann in einer gesicherten Paarbeziehung leben werden.

Wollten Sie denn nie heiraten?

Mit zwanzig Jahren habe ich mir geschworen: Ich heirate nie! Allerdings war das eher ein rebellischer Akt, und ich hätte damals nie gedacht, dass ich es durchziehen würde. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Partnerschaften, und ich hatte auch einige längere Beziehungen. Als junge Frau war ich jedoch überzeugt, dass man erst mit sich allein zurechtkommen muss, bevor man für das Zusammenleben mit einem Partner reif ist. Im Leben kommt man aber an zig Weggabelungen, und die Summe der Entscheidungen, die dort fallen, ist die Art und Weise, wie wir leben. Heute geniesse ich die Familie, also meine Neffen und Nichten, gerne aus der zweiten Reihe.

Vertreten Sie nur Singles oder auch Menschen, die allein ­wohnen?

Beide. Bei Steuern sind Alleinwohnende benachteiligt, egal, ob sie Singles sind oder in einer Beziehung leben. Bei Sozialversicherungen ist hingegen der Zivilstand und nicht die Wohnform entscheidend. Grundsätzlich geht es uns darum, dass man Alleinstehende endlich als gleichwertige Lebensform anerkennt und nicht immer von der Paar­beziehung oder der Familie als Normzustand ausgeht.

Woran liegt es, dass Singles ­keine Lobby haben?

Es gibt inzwischen einige Politikerinnen und Politiker, die unseren Verein kennen. Aber seltsamerweise will sich fast niemand für Singles einsetzen. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass wir einige konservative Parteien haben und im Parlament viele ­ältere, verheiratete Politiker sitzen, die ein traditionelles Gesellschaftsbild vertreten. Allerdings setzen sich auch junge linke Politikerinnen und Politiker speziell für Familien ein. Warum das so ist, kann ich mir nicht erklären. Vielleicht steckt dahinter ein Stück weit die Angst, dass man ­irgendwann selber Single sein könnte – und da will man es lieber gar nicht thematisieren.

Verstehen Sie Menschen, die sich als Single unvollkommen fühlen?

Sicher. Ich wollte meine Zufriedenheit aber nie auf einen Partner stützen, nach dem Motto: Wenn ich einen Partner habe, bin ich mehr wert. Aber ich kenne viele Leute, die für eine Partnerschaft und eine Familie prädestiniert sind. Ich habe auch oft erlebt, wie Frauen gelitten haben, als sie Singles waren. Jeder soll nach seiner Façon leben.

Gesellschaftspolitisch macht es allerdings mehr Sinn, Familien zu fördern statt individualistische Singles.

Benachteiligte Familien soll man finanziell auf jeden Fall entlasten – und das passiert auch. Allerdings kommen auch Familien in den Genuss von Privilegien, die es gar nicht nötig haben. Alleinlebende müssen dagegen immer einen höheren Steuerfuss als Familien und Ehepaare zahlen, egal, wie sie finanziell dastehen. Das finde ich unfair.

Bei den Steuern zahlen doch alle solidarisch mit, egal, ob Familie oder Single.

Das ist auch richtig so. Mich stört aber, dass man als Single ein Leben lang dafür bestraft werden soll, dass man nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Sehen Sie, von uns verlangt man nicht nur bei den Steuern Solidarität. Wenn ein kinderloser Single stirbt, profitiert die Allgemeinheit von seiner AHV und sehr oft auch von seiner Pensionskasse, weil er seine soziale Familie nicht begünstigen kann. Und je nach Kanton geht bis zur Hälfte seines Vermögens als Erbschaftssteuer an den Staat. Deshalb finde ich es zwingend, dass wir uns als Gesellschaft über­legen, wie wir Solidarität neu denken wollen.

Was schlagen Sie vor?

Heute versucht die Politik vor allem, die Benachteiligungen zwischen Ehe- und Konkubinatspartnern zu bereinigen. Man sollte alle Lebensformen in die Überlegungen einbeziehen, also auch die Singles. Die fairste Lösung wären drei Steuertarife: einer für Paare, egal, ob verheiratet oder nicht, einer für Paare mit Kindern und einer für Einpersonenhaushalte. Heute geniessen Verheiratete und Paare mit einge­tragener Partnerschaft auch dann steuerliche Vorteile, wenn die Kinder ausgezogen sind. Und dies, obwohl sie sich die Lebenskosten teilen können – und der Single nicht.

Dafür hat der Single viele Freiräume und kann selbstbestimmt leben.

Sicher, aber deshalb muss er von der Gesellschaft doch nicht systematisch benachteiligt werden.

Systematisch?

Nehmen wir die Lebenshaltungskosten: Eine kleine Wohnung kostet pro Quadratmeter prozentual mehr als grosse Wohnungen. Telecomunternehmen gewähren nur Familien einen Rabatt auf Handyabos, bei Lebensmitteln gibts Aktionen auf Familienpackungen, die SBB geben bloss Paaren eine GA-Ermässigung. Sogar bei Mitgliederbeiträgen, egal, ob Parteien oder Golfclubs, erhalten Paare Rabatte. Als ­Single gehen Sie entweder leer aus oder zahlen noch drauf. Wo ist denn da die Gerechtigkeit?

Jetzt jammern Sie aber ein bisschen.

Nein, ich rede von Tatsachen. Ich verstehe ja, dass Rabatte Marketinginstrumente sind. Aber nehmen wir zum Beispiel die Hotellerie. Erstens sind die meisten Einzelzimmer klein, hässlich und hintenraus. Und dann kosten sie nicht die Hälfte der Doppelzimmer, sondern weit mehr. Würde ein Hotel einen Monat lang Sin­gleaktionen anbieten und nur die Hälfte eines Doppelzimmers berechnen, wäre es wahrscheinlich ausgebucht. Mir ist es wirklich ein Rätsel, weshalb die Singles von den Marketingabteilungen noch nicht als relevante Konsumentengruppe entdeckt wurden.

Was stört Sie politisch ­besonders?

Die Witwenrente für Frauen, die keine Kinder mehr betreuen. Verheiratet zu sein, ist per se keine Leistung.

Die Witwenrente wurde 1948 mit der AHV als Absicherung für Frauen eingeführt, weil sie mehrheitlich zu Hause blieben und Kinder betreuten.

Heute haben wir 2017, und die Umstände haben sich massiv ­verändert. Es wäre an der Zeit, bei der Altersvorsorge 2020 die Witwenrente abzuschaffen.

Privilegien abzuschaffen, istimmer schwer.

Aber es kann nicht sein, dass heute 46 Prozent der Witwen bei der AHV die Maximalrente von 2350 Franken beziehen, während es bei den ledigen Frauen bloss 12 Prozent sind.

«Die Gesellschaft muss Kinder ­finanzieren, nicht Verheiratete.»

Woran liegt das?

Einerseits ist die Berechnungsbasis der Witwenrente und der normalen AHV-Rente nicht die gleiche. Anderseits haben Männer oft besser bezahlte Jobs als Frauen, was die Witwenrente, die auf dem Lohn des Ehemannes ­beruht, nochmals erhöht. Wir haben also wiederum die unfaire ­Situation, dass eine verheiratete Frau, die unter Umständen nie berufstätig war und keine Kinder erzogen hat, im Alter finanziell bessergestellt ist als eine Frau, die immer berufstätig war und einen schlechten Lohn hatte. Die ganze Witwenrentendebatte hat ausserdem einen wichtigen Gleichstellungsaspekt.

Nämlich?

Eine verheiratete Frau ist per Gesetz abgesichert, wenn ihr Mann stirbt. Heute müssen wir doch Gesetze entwickeln, die Frauen von den Männern finanziell unabhängig machen. Frauenorganisationen spielen in dieser Debatte eine kontroverse Rolle. Einerseits befürworten sie immer noch die Witwenrente, andrerseits setzen sie sich für die Emanzipation ein. Wie soll das gehen? Deshalb appelliere ich nicht nur an die Politik, sondern auch an die ­Frauen. Selbstbestimmung heisst auch, dass Frauen noch etliche Jahre arbeiten gehen können, nachdem sie die Kinder aufgezogen haben.

Aber nicht jede Frau findet nach zwanzig Jahren wieder ins Berufsleben zurück.

Einverstanden. Manchmal ist es allerdings auch Bequemlichkeit, oder die Frau gibt sich auf. Nach dem Motto: Ich habe ja meinen Mann, der verdient, also muss ich mich dem Arbeitsmarkt nicht mehr aussetzen. Wenn ein Ehepaar beschliesst, dass die Frau nicht arbeiten gehen muss, dann soll es sich privat absichern. Die Gesellschaft muss Kinder finanzieren, nicht Verheiratete.

Was hat Ihre Organisation bisher erreicht?

Dank uns debattiert man über die Abschaffung der Witwenrente. Wir haben auch mitgeholfen, das Krankenkassengesetz singlefreundlicher zu machen.

Wie denn?

Bei seiner Einführung 1996 wurde ein Passus eingefügt, dass jeder bei einem Spitalaufenthalt pauschal 10 Franken pro Tag extra bezahlen muss. Der Bundesrat hat aber Familien und ver­heiratete Paare von diesem Spitalkostenzusatz befreit. Ein Mitglied von Pro Single Schweiz klagte dies vor dem Bundesgericht ein, allerdings ohne Erfolg. Das Bundesgericht kam zum Schluss, das sei rechtens. Denn: Wer allein wohnt, hat pro Kopf die höchsten Ausgaben. Muss die Person dann ins Spital, hat sie also die grösstmögliche Ersparnis. Was für eine Logik! Doch 2010 hat Bundesrat Didier Burkhalter das Problem gelöst, indem er beschloss, dass den Spitalkosten­zusatz nun alle Erwachsenen zahlen müssen. Und wissen Sie, was dann passiert ist?

Was?

Konsumentenschutzorganisationen warfen uns vor, dass unseretwegen nun alle mehr zahlen müssen! Hätten sie uns vorher unterstützt, wäre diese Pauschale vielleicht allen erlassen worden. Solange es nur um Alleinstehende ging, zogen sie das Schweigen vor.

Fordern Sie eine Singlepolitik als Pendant zur Familienpolitik?

Was mir vorschwebt, wäre eine Singlepartei als Gegengewicht zu all den Familienparteien.

Tut sich da was?

Als Verein sind wir leider zu klein und verfügen auch nicht über die nötigen finanziellen Mittel. Ausserdem sind viele unserer Mitglieder pensionierte Frauen, die seit den Anfängen vor vierzig Jahren dabei sind. Es braucht jüngere Menschen, die das Sin­glethema politisch an die Hand nehmen.

Sie sind sechzig. Was tun Sie mit achtzig, ohne Partner und Kinder?

Wenn wir die Statistiken betrachten, überleben Frauen die Männer eh.

Keine Angst vor dem Alter?

Doch. Zum Beispiel, dass niemand da sein wird, wenn ich schwer krank oder pflegebedürftig werden sollte. Ausser vielleicht ein Pflegeroboter . . . Deshalb ist es mir sehr wichtig, auch Kontakte zu jüngeren Menschen zu pflegen. Ich finde sogar, es ist eine Pflicht von uns Singles, uns sozial einzubinden und fürs Alter vorzusorgen.

Sylvia Locherist seit 1995 für den Verein Pro Single Schweiz tätig, seit 2013 präsidiert sie den Verein. Die bald 61-jährige Zürcherin ist diplomierte Kauffrau und ausgebildete Tanz- und Bewegungstherapeutin. Einen grossen Teil ihres Lebensübte Sylvia Locher zwei Jobs gleichzeitig aus.

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