Ärzte verschreiben den Atomausstieg

Eine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten hält die Pläne zum Schutz der Bevölkerung bei einer AKW-Havarie für Theorie. Ihr Rezept lautet: Ausstieg aus der Atomenergie.

Produziert ab Ende 2019 definitiv keinen Strom mehr: Kernkraftwerk Mühleberg.

Produziert ab Ende 2019 definitiv keinen Strom mehr: Kernkraftwerk Mühleberg.

(Bild: Keystone Archivbild)

Julian Witschi

«Wäre die Atomenergie ein Medikament, sie wäre schon lange verboten. Die Risiken und Nebenwirkungen übersteigen den Nutzen bei weitem.» Das sagte Bettina Wölnerhanssen, Basler Chirurgin und Oberärztin für klinische Forschung, am Donnerstag an einer Medienkonferenz in Bern. Sie ist Co-Präsidentin des Komitees Ärzte für den Atomausstieg, bei dem mehr als hundert Mediziner Mitglied sind.

Die Atomenergie ist nach ihrer Ansicht für den Menschen eine viel zu gewaltige und zu riskante Energieform. «Wir Ärztinnen und Ärzte könnten den Menschen in einem verstrahlten Land kaum helfen», warnte das Komitee. An den Unfällen in Tschernobyl und Fukushima hätten sich die gravierenden Folgen gezeigt.

Anschlag ist kein Szenario

Auch fünf Jahre nach Fukushima sei der Bevölkerungsschutz in der Schweiz nicht auf eine solche Atomkatastrophe vorbereitet. Als Basis für die Planung diene seit 2015 ein Unfallszenario, bei dem zehnmal weniger Radioaktivität austrete als in Fukushima und hundertmal weniger als in Tschernobyl, sagte der andere Co-Präsident des Komitees, Peter Kälin. Er ist in Leukerbad VS als Hausarzt tätig und präsidiert die Organisation «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz».

Kälin wirft der Schweizer Atomaufsichtsbehörde Ensi eine Falschaussage vor, weil sie behaupte, die Planungen zum Bevölkerungsschutz berücksichtigten Szenarien, welche die Verstrahlung im Fall von Fukushima überschritten. Zudem trete die radioaktive Wolke gemäss Notfallschutzplan «praktischerweise erst nach sechs Stunden aus dem Atomkraftwerk aus». Denn diese sechs Stunden brauche es, bis der Schweizer Bevölkerungsschutz einsatzfähig sei und die Menschen Schutz gefunden haben sollten.

In Fukushima habe es zwischen Störfall und Austritt der radioaktiven Wolke nur vier Stunden gedauert, bei Tschernobyl gar nur zwei Stunden. Auch ein schweres Erdbeben, ein vorsätzlicher Flugzeugabsturz oder ein Raketenangriff seien nicht berücksichtigt. «Man hat also ein Unfallszenario gewählt, bei dem der Notfallschutz gerade noch machbar erscheint», sagte Kälin. «Der Unfall muss sich den Möglichkeiten anpassen, das ist absurd.» Damit werde das Kernenergiegesetz verletzt, das einen funktionierenden Notfallschutz verlange, damit AKW betrieben werden ­dürften.

Viele Zuständigkeiten

Ein Ensi-Sprecher ging auf Anfrage nicht auf die Vorwürfe ein, sondern hielt an den Referenzszenarien der Behörde für die Notfallschutzplanung fest. Zudem sei das Ensi für die Nuklearsicherheit zuständig, für den Bevölkerungsschutz seien es dagegen die Kantone und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz.

Gerade hinter die Zusammenarbeit von Kantonen und Bund oder gar über Landesgrenzen hinaus setzen die Ärzte für den Atomausstieg aber ein grosses Fragezeichen. Schon nur weil Handynetze unter dem zu erwartenden Ansturm zusammenbrechen würden, sagte Kälin. Damit werde auch das Aufgebot der Sicherheits- und Rettungsorganisationen zum Problem.

Hinzu kämen Sprachprobleme und ein Verkehrschaos. Es fehlten konkrete Evakuierungspläne für einen grösseren Radius um die Atomkraftwerke oder für umliegende Städte wie Bern, Biel oder Aarau. «Wie und wohin sollen Hunderttausende von Menschen evakuiert werden?», fragte Kälin. Er möchte am liebsten alle AKW sofort abschalten. Oder aber spätestens nach 45 Betriebsjahren, wie es die Atomausstiegsinitiative verlangt.

Berner Zeitung

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