Adoptionsurlaub: Jetzt gibt es den Zuspruch des Bundesrats

Der Nationalrat hatte sich mit der Vorlage noch schwergetan. Der Bundesrat befürwortet den Urlaub für Adoptiveltern hingegen überraschend deutlich.

Nach einer Adoption sollen die Eltern 14 Tage Urlaub bekommen. Foto: Getty Images

Nach einer Adoption sollen die Eltern 14 Tage Urlaub bekommen. Foto: Getty Images

Claudia Blumer@claudia_blumer

Adoptiveltern sollen gleich viel Urlaub bekommen wie leibliche Väter. So will es der Nationalrat, und nun auch der Bundesrat. Paare, die ein Kind unter vier Jahren adoptieren und erwerbstätig sind, sollen 14 Tage Urlaub bekommen – frei aufteilbar zwischen beiden Eltern, zu beziehen innerhalb eines Jahres. Der Bundesrat unterstützt den Gesetzesvorschlag zur parlamentarischen Initiative des Tessiner CVP-Nationalrats Marco Romano. Wie bei der Mutterschaft soll das Geld für den Adoptionsurlaub aus der Erwerbsersatz-Kasse genommen werden, und das Taggeld soll 80 Prozent des Lohnes betragen, höchstens 196 Franken pro Tag.

Marco Romano hat 2013 die «Adoptionsentschädigung» in einer parlamentarischen Initiative gefordert. Er habe betroffene Familien kennen gelernt, was ihn sensibilisiert habe, sagt er. Doch in Bern hatte man kein Gehör für das Anliegen. Zunächst blieb der Vorstoss lange liegen, dann wurde er von der Kommission knapp gutgeheissen und Jahre später von derselben Kommission wieder zur Abschreibung empfohlen, nachdem die Gesetzesvorlage bereits ausgearbeitet war. Der Nationalrat hielt im Frühling 2019 am zweiwöchigen Adoptivurlaub fest.

Befeuert durch die öffentliche Debatte

Und nun also das überraschend deutliche Statement des Bundesrats. Die Landesregierung formuliert ihre Statements in der Regel zurückhaltend und abwägend. Diesmal nicht: Es sei nun angezeigt, «allen Eltern den gleichen Anspruch auf entschädigten Urlaub zu garantieren», heisst es in der Stellungnahme, «unabhängig davon, ob sie die leiblichen Eltern oder die Adoptiveltern ihrer Kinder sind». Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei für Adoptiveltern ebenso wichtig und herausfordernd wie für leibliche Eltern. Auch nehme der Gesetzesentwurf Rücksicht auf die Anliegen der Wirtschaft: «Ein zweiwöchiger Adoptionsurlaub ist für alle Betriebe, auch für die kleinsten, finanziell verkraftbar und organisatorisch umsetzbar.»

Damit lehnt sich der Bundesrat weit aus dem Fenster – wohl befeuert durch die Debatten der letzten Monate. Als Romano 2013 seine parlamentarische Initiative einreichte, war selbst der Vaterschaftsurlaub noch kaum ein Thema. Heute ist er beschlossen, und politische Akteure arbeiten an einer Elternzeit-Initiative. Marco Romano freut sich über das deutliche Votum des Bundesrats. «Das wird hoffentlich den Entscheid des Ständerats beeinflussen, der ja traditionellerweise dem Bundesrat folgt.» Unklar ist, wie der Entscheid im Bundesrat zustande kam – mindestens ein FDP-Mitglied muss für die Vorlage gestimmt haben. Die SVP lehnt sie ab, CVP und SP sind dafür. Vielleicht hat sich Ignazio Cassis auf seine frühere Position besonnen: Er hatte als damaliger Präsident der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit 2015 den Stichentscheid für die Vorlage gegeben, «aus Solidarität unter Tessinern», wie Marco Romano meint.

Adoptionen sind stark rückläufig

Silvia Schenker, SP-Nationalrätin und langjähriges Kommissionsmitglied, sieht den Adoptionsurlaub als Minimum dessen, was angezeigt wäre. «Ich kenne eine Familie, die ein Kind aus Haiti adoptiert hat. Das war mit viel Aufwand verbunden, und die Eltern wussten sehr lange nicht, wann das Kind ankommt. Insofern ist eine Adoption noch schwieriger planbar als eine Geburt.» Zwei Wochen seien politisch machbar, «eigentlich müsste es mehr sein».

Was dem Anliegen wohl hilft, ist die Tatsache, dass Adoptionen seit 40 Jahren rückläufig sind und sich auf einem tiefen Niveau von rund 400 pro Jahr eingependelt haben. Noch 1980 wurden in der Schweiz 1583 Kinder adoptiert, 20 Jahre später waren es noch 808. Gründe für diese Entwicklung dürften strengere internationale Vorschriften und administrative Auflagen sein, aber auch Fortschritte in der Fortpflanzungsmedizin, dank denen sich heute mehr Paare als früher den Wunsch nach eigenen Kindern erfüllen können.

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