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Etienne Jornod wollte einen Chefredaktor aus dem Umfeld von Christoph Blocher holen – und ist gescheitert. Jetzt steht der Präsident der NZZ-Gruppe wieder da, wo er vor zwei Jahren begonnen hatte.

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Für Präsident Etienne Jornod und die acht Verwaltungsräte der NZZ hat der Versuch, mit Markus Somm dem freisinnigen Blatt ein schärferes Profil zu geben, ein böses Ende genommen.

«Jetzt sind wir eine Firma wie jede andere», konstatiert eine Redaktorin und verweist auf die Personalkommission. Vor zwei Jahren als Antwort auf die Schliessung der NZZ-eigenen Kantine gegründet, mischt sich die Personalvertretung neuerdings in unternehmerische Belange wie die Schliessung der Druckerei ein – und tut dies auch noch der Öffentlichkeit kund. So etwas wäre bis vor kurzem undenkbar gewesen.

«Der Vorgang ist eine Schande für alle, die dafür haupt- oder mitverantwortlich sind. Diese Leute dürfen den neuen Chefredaktor nicht mehr wählen. Sie werden auch beim zweiten Anlauf nicht dazu fähig sein», schreibt Ulrich E. Gut auf Facebook. Der frühere Verleger, FDP-Kantonsrat und Gatte der amtierenden Zürcher Regierungsrätin Ursula Gut, fordert eine Erneuerung des Verwaltungsrats. In vielen andren freisinnigen Seelen brodelt es ähnlich. Mit empörten Anrufen und der Drohung, das NZZ-Abo zu kündigen, verschafften sie sich in den letzten Tagen Luft. Bis heute sollen bis zu 500 Abos betroffen sein.

Eine überraschende Anfrage

Wie konnte der neunköpfige Verwaltungsrat, der 2013 zusammen ein Honorar von 670 000 Franken bezog, die Folgen seines Handelns derart falsch anti­zipieren? Weil den Aufsichtsräten die Medienbranche fremd ist? Er sei selber überrascht gewesen, dass man ihn zur NZZ holen wollte, hat Etienne Jornod 2013 Kollegen gesagt. Der Neuenburger hatte die Berner Pharma- und Logistikgruppe Galenica erfolgreich vorangebracht. Auf der Liste der Kandidaten, die der Headhunter Egon Zehnder im Auftrag des interimistischen NZZ-Präsidenten Franz Steinegger zusammenstellte, figurierten auch Exponenten der Finanzindustrie, unter anderem der einflussreiche Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz. Dass Jornod das Rennen machte, soll zwei Gründe gehabt haben: Er wurde, anders als andere Kandidaten, als Teamplayer betrachtet. Und nach dem Rücktritt von Bankier Konrad Hummler, dessen Bank wegen steuerflüchtiger US-Kunden zu Fall gebracht worden war, erschien ein weiterer Finanzvertreter an der Spitze des Medienunternehmens als inopportun.

Um die Balance im Verwaltungsrat herzustellen, wurden Isabelle Welton (Zurich Insurance), der NZZ-Vertrauensanwalt Christoph Schmid und der Werber Dominique von Matt zugewählt.

Die neue Equipe unter Leitung von Jornod nahm sich rasch der Zeitung an. Sie ortete laut Eingeweihten ein mangelndes Profil bei der liebevoll auch «alten Tante» genannten NZZ, die wie viele Printmedien unter Auflageschwund und wegbrechenden Inserateeinnahmen litt. Man wisse nicht mehr, wofür die Zeitung stehe. Andere kritisierten die «Tagianisierung», eine schleichende Annäherung an den «Tages-Anzeiger» sowohl in der Wahl als auch der Aufbereitung von Themen.

Das Rezept dagegen: «Jornod glaubte, dass mit der Schärfung des Profils, so wie das Roger Köppel mit der ‹Weltwoche› gemacht hat, ein Grossteil der Probleme gelöst werden könnte», sagt ein Insider. Man sei mit den Leistungen von Chef­redaktor Markus Spillmann in wachsendem Mass unzufrieden geworden. In seinen Überlegungen begleitet wurde der Verwaltungsrat von Jörg Neef, Mitgründer des Beratungsunternehmens Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten. Neef war bis 1977 Wirtschaftsredaktor bei der NZZ.

«Profiliert und meinungsstark»

Auf der Liste möglicher Kandidaten für die Spillmann-Nachfolge figurierte auch der Name von Markus Somm. Ein Name, der Jornod nicht viel gesagt habe, erinnert sich ein Beteiligter. Erste Kontakte verliefen jedoch positiv. Der NZZ-Präsident sei vom charismatischen Chefredaktor der «Basler Zeitung» (BaZ) sehr angetan gewesen, heisst es. In Somm habe er das gefunden, was er bei Spillman vermisste. Wie stark beeindruckt Jornod war, lässt sich noch jetzt aus der Mitteilung vom Donnerstag herauslesen, in der er Somm als «landesweit profilierten und meinungsstarken Journalisten» rühmt, der eine bürgerliche Linie vertrete.

Laut Insidern gab es im Verwaltungsrat im ersten Duchgang Bedenken gegen den Biografen von Christoph Blocher. Die zerstreuten sich, nachdem der VR «bei wichtigen liberalen Persönlichkeiten der Schweiz» sondiert hatte, wie man zu einer Kandidatur von Somm stehe. Das Echo war laut Jornod so positiv, dass sich der NZZ-Verwaltungsrat schliesslich einstimmig für die Kandidatur Somms aussprach – im vollen Bewusstsein um dessen Nähe zu Blocher. Keine Rolle schien auch zu spielen, dass unter Somms Regime die BaZ stark an Auflage verloren hat und in Basel noch immer mit erheblichen Akzeptanzproblemen kämpfen muss. Und lässlich erschien offenbar auch, dass Somm beispielsweise bei der ökonomisch höchst umstrittenen Goldinitiative seinen Redaktor für die Annahme schreiben liess, während die NZZ mit Verve dagegenhielt.

Alles deutet darauf hin, dass der Verwaltungsrat und mit ihm die angefragten «liberalen Persönlichkeiten» Somm wegen seiner Meinungen wollten, die er zuvor in der «Weltwoche» und dann bei der BaZ vertrat. Warum das Gremium davon ausgegangen ist, dass dies ohne Proteststürme aus der Redaktion und der Öffentlichkeit abgehen würde, bleibt eine offene Frage. Weder Jornod noch die anderen Verwaltungsräte wollten bis gestern Auskunft geben.

«Buon Jornod»

An der redaktionsinternen Orientierung am Donnerstag versuchte er die Wogen zu glätten: Man habe geglaubt, dass sich Somm der NZZ dann schon anpassen werde. Für Ulrich E. Gut ist das eine Provokation mehr: «Wollte man im Ernst einen Mann anstellen, von dem man – obwohl man ihn als meinungsstark rühmte – erwarte, dass er Meinungen, die für ihn bisher essenzielle waren, verleugnen würde? Setzte man auf Charakterlosigkeit?»

Dass Jornod das Bewerbungsdossier Somm dann doch zuklappte, wird offiziell damit erklärt, dass es «Dinge gab, die nicht zusammenpassten». Inoffiziell ist die Rede davon, dass Chefredaktor und Herausgeber Somm über einen Aktionärsvertrag an die BaZ gebunden ist, den er nicht auflösen kann oder will. Auch hier stellt sich die Frage, weshalb dieser Punkt nicht viel früher geklärt worden ist. Oder war es gar kein Hindernis? Christoph Blocher jedenfalls sah keines. Auf die Frage, was er tue, wenn Somm zur NZZ gehe, antwortete Blocher, er habe einen «möglichen Ersatz im Hinterkopf». Laut Insidern wäre Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», nachgerückt.

Für Jornod gestaltet sich die Suche nach einem neuen NZZ-Chefredaktor nun schwieriger denn je. Die Spannbreite nach rechts ist hauchdünn geworden. Nach links gibt es sowieso keinen Spielraum. Felix E. Müller, der die «NZZ am Sonntag» zum erfolgreichen Blatt gemacht hat, gilt vielen in der Chefetage und auch bei Aktionären als zu links.

Ernüchterndes Fazit für Jornod: Er ist exakt wieder dort, wo er vor bald zwei Jahren angefangen hat.

Und in der NZZ grüsst man sich neuerdings mit «Buon Jornod».

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