«Zuppiger und Walter sind Softies»

TV-Kritik

Die gestrige SF-«Arena» hätte eine Orientierung zur Ausgangslage der Bundesratswahlen schaffen sollen. Im Vordergrund stand jedoch vor allem eins: Heftige Kritik an der SVP-Führung – und zwar von allen Seiten.

Standen sich in der gestrigen «Arena» gegenüber: Die Fraktionschefs Caspar Baader, Gabi Huber, Urs Schwaller und Ursula Wyss (im Uhrzeigersinn). In der Mitte Moderator Urs Wiedmer. (Screenshot: Schweizer Fernsehen)

Standen sich in der gestrigen «Arena» gegenüber: Die Fraktionschefs Caspar Baader, Gabi Huber, Urs Schwaller und Ursula Wyss (im Uhrzeigersinn). In der Mitte Moderator Urs Wiedmer. (Screenshot: Schweizer Fernsehen)

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Die Ereignisse vor den Bundesratswahlen überstürzen sich: Nach dem unschönen Abgang von Bruno Zuppiger nominierte die SVP in einer hektischen Pressekonferenz kurzfristig den Ersatzkandidaten Hansjörg Walter. «Arena»-Moderator Urs Wiedmer fragte gleich zu Beginn der Sendung des Schweizer Fernsehens: «Hat sich nach dem Tohuwabohu im Bundeshaus an der Ausgangslage etwas verändert?»

Vielleicht konnten oder wollten sie nicht. Doch die anwesenden Fraktionschefs der grossen Parteien verrieten zunächst nicht viel über ihr Wahlverhalten vom kommenden Mittwoch. Die Antwort «es hat sich nichts an unserer Strategie verändert», stand symptomatisch für die Geheimnistuerei fast aller Beteiligten.

«Die SVP hat geschlampt»

Klarheit herrschte nur darüber: Die notfallmässig einberufene Personalrochade Zuppiger-Walter ist für die wählerstärkste Partei der Schweiz eine grosse Peinlichkeit. Für SP-Fraktionschefin Ursula Wyss ist es unverständlich, dass die SVP ihre Kandidatengespräche so kurzfristig einberäumt und die Kandidaten nicht «auf Herz und Nieren» prüfe, wie das die SP tue: «Wir machen 4-6-Augen-Gespräche und zwar schon lange vor den Wahlen», so Wyss. Auch Gabi Huber von der FDP holte zu einem Seitenhieb gegen ihren rechten Nachbarn aus: «Bei uns gibt es ein knallhartes Vorverfahren. Damit solche Leichen im Keller gefunden werden». Das Urteil eines Pressevertreters in der Arena fiel noch weit vernichtender aus: Die SVP habe «geschlampt» und «ihre Führungsverantwortung nicht wahrgenommen», sagte Martin Spieler, Chefredaktor der «SonntagsZeitung».

Angesichts dieses Ansturms der Kritiker blieb SVP-Fraktionspräsident Caspar Baader erstaunlich gelassen und wiederholte sein Mantra, in das er bereits an der Pressekonferenz am letzten Mittwoch eingestimmt hatte: «Es kam niemand zu Schaden» oder «der Fall war zum Zeitpunkt des Gesprächs abgeschlossen».

Etwas anderes blieb ihm auch kaum übrig, denn über allfällige personelle Konsequenzen in der SVP-Leitung, wird die Partei erst nach den Bundesratswahlen entscheiden. Und bis dahin heisst es durchhalten, auch wenn es innerhalb der Partei bereits kräftig rumort. Nationalrat Oskar Freysinger bezeichnete die Parteispitze am Donnerstag als blauäugig, weil sie geglaubt habe, die «Erbsünde» Zuppigers, käme nicht ans Licht (Bernerzeitung.ch/Newsnetzberichtete).

Mit Walter in Richtung «Konsens»

Mit Hansjörg Walter glaubt Caspar Baader nun den richtigen Kandidaten gefunden zu haben. Der Bauernpräsident und neu gewählte Nationalratspräsident kenne die Wirtschaft und habe Führungserfahrung. Sein zurückhaltender und sachlicher Politikstil sei vielleicht gar «ein Schritt in Richtung Konsens». Das sei schliesslich das, was die anderen Parteien von der SVP immer verlangt hätten, sagte Baader.

Für Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche» und damit dem Medium, das mit seinen Recherchen Zuppiger zu Fall brachte, versteckt sich genau da das Problem: «Zuppiger und Walter sind Softies», sagte Gut. Früher habe die SVP solche Kandidaten nicht gewollt, doch nun passe sie sich der Linken an. «Die SVP war einst Meister der Schlauheit, heute ist es die SP», sagte Gut nicht ohne ein gewisses Bedauern in seiner Stimme. Etwas differenzierter sah es der Berner Politologe Marc Bühlmann: Die neue SVP-Kandidatur mache de facto keinen Unterschied – Walter sei wie Zuppiger.

Schwaller: Die Stabilität des Landes ist das wichtigste

Das SVP-Bashing war schon weit fortgeschritten, als Moderator Wiedmer plötzlich merkte, dass in der Sendung nur noch ein paar wenige Minuten blieben, um wichtige Fragen zur Ausgangslage der Wahlen zu klären: Sind Eveline Widmer-Schlumpfs Chancen auf Wiederwahl weiterhin intakt? Ist der zweite FDP-Sitz gefährdet und wer tritt die Nachfolge von Micheline Calmy-Rey an?

Urs Schwaller liess ein wenig vorausblicken: Obwohl seine Sympathien für Walter gross seien, ändere die CVP ihre Wahlstrategie nicht. Die Abwahl eines Bundesrats komme für ihn nicht in Frage, sagte der CVP-Fraktionspräsident. Am wichtisten sei nun die Stabilität des Landes. Und wohl auch die Partnerschaft zur Widmer-Schlumpf-Partei BDP, was Schwaller verschwieg, jedoch mit einer Geste in Richtung Ursula Haller unterstrich. Die Vize-Fraktionspräsidentin der BDP ihrerseits bezeichnete die Zusammenarbeit mit der CVP als eine Art «Konkubinat».

Wyss: «Wir helfen nicht, wenn die SVP ein Manöver antritt»

Auch die SP wird sich kaum von ihrer Wahlstrategie abbringen lassen. Nichts habe sich geändert. «Wir wählen Eveline Widmer-Schlumpf im Sinne der Konkordanz, wie damals vor drei Jahren», sagte Ursula Wyss. Durch die Affäre Zuppiger scheint die SVP die zweitgrösste Partei zusätzlich vergrault zu haben. Die Unterstützung für einen zweiten Kandidaten erscheint nicht einmal mehr sicher, wenn dieser die FDP angreift: «Wir helfen nicht, wenn die SVP ein Manöver antritt». Also wenn die Partei einen Angriff auf die FDP im Vorfeld ausschliesst und es dann in einem zweiten oder dritten Wahlgang doch tut. Überhaupt habe Wyss «ernsthafte Zweifel, ob die SVP diesen zweiten Sitz wirklich haben will».

Auch die Grünliberale Partei (GLP), die sich bis anhin die Unterstützung eines zweiten SVP-Bundesrats im Sinne der Konkordanz immer gut vorstellen konnte, hegt nun plötzlich Zweifel: Durch die Wirren der letzten Tage habe das Vertrauen der SVP stark gelitten, sagte Fraktionspräsidentin Tiana Angelina Moser. «Wir müssen nochmals prüfen, ob wir der SVP wirklich einen zweiten Sitz geben wollen.» Heute Morgen bestätigte Parteipräsident Martin Bäumle den Sinneswandel der GLP gegenüber Schweizer Radio DRS. (Bernerzeitung.ch/Newsnetzberichtete)

Unterstützung der Grünliberalen hin oder her. Mit der Affäre um die mutmassliche «Erbsünde» von Bruno Zuppiger hat sich die SVP keinen Gefallen getan. Das machte die Arena mehr als deutlich. Für Martin Spieler von der «SonntagsZeitung» ist die Wahl nun so gut wie gelaufen: «Ab dem 14. Dezember werden wir weiterhin eine mitte-links-Regierung haben – das ist völlig klar.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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