Wo das Tessin und Luxemburg einsame Spitze sind

Im Tessin ist jede vierte Arbeitskraft ein Grenzgänger. Ein europäischer Rekord aber ist das nicht. In Luxemburg wohnen gar rund 42 Prozent der Erwerbstätigen jenseits der Landesgrenzen.

Zu Stosszeiten ist viel los auf den Tessiner Strassen: In der Südschweiz arbeiten über 62'000 Grenzgänger aus Italien.

Zu Stosszeiten ist viel los auf den Tessiner Strassen: In der Südschweiz arbeiten über 62'000 Grenzgänger aus Italien.

(Bild: Keystone)

Innerhalb der Europäischen Union gehörten 2015 nur gerade 0,9 Prozent der Erwerbsbevölkerung in die Kategorie Grenzgänger. In manchen Gegenden des Kontinents aber fallen sie durchaus ins Gewicht, in der Schweiz sind das die Genferseeregion, der Grossraum Basel und das Tessin. Dort ist jeder vierte Erwerbstätige ein Grenzgänger aus Italien, wie sich seit dem wuchtigen Ja zur Masseneinwanderungsinitiative herumgesprochen hat.

Prominente Rolle der Schweiz

Doch woher kommen die meisten Grenzgänger? Antworten zu den Pendlerverfechtungen gibt eine Studie von Eurostat, dem Statistikamt der Europäischen Union. Aus der Slowakei pendeln 6,1 Prozent der Erwerbsbevölkerung in ein anderes Land, in absoluten Zahlen sind das 147'000 Grenzgänger.

Damit liegt das kleine Land auf Platz vier in der entsprechenden Top-8-Liste hinter Frankreich mit 438'000, Deutschland mit 286'000 und Polen mit 155'000 Grenzgängern. Hinter der Slowakei folgt Italien mit 122'000.

Von den insgesamt rund 909'000 Grenzgängern aus Frankreich, Deutschland, Italien und Österreich arbeiten nach aktuellen Angaben des Bundes­amtes für Statistik etwa 314'000 oder über 35 Prozent in der Schweiz.

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Das zeigt, dass die Schweiz in der Grenzgängerfrage europaweit eine prominente Rolle spielt, in keinem einzigen EU-Land finden in absoluten Zahlen mehr Grenzgänger Arbeit. Sogar im viel grösseren und boomenden Deutschland etwa waren 2014 nur rund 126'000 Grenzgänger beschäftigt.

Von Brücken und Fähren

Die Eurostat-Studie lenkt den Blick auch auf einige überraschende Sonderfälle. So gehen aus dem Grossraum Malmö fast 20'000 Grenzgänger in den Ballungsraum Kopenhagen zur Arbeit – die im Jahr 2000 eröffnete Öresund-Brücke zwischen Schweden und Dänemark macht es möglich.

Aus Estland wiederum gelangen viele Grenzgänger mit der Fähre Tallinn–Helsinki nach Finnland – der Weg, den sie zurücklegen, ist etwa siebenmal länger als jener der Fährenpendler zwischen Evian und Lausanne am Genfersee.

Luxemburg als Magnet

In einem einzigen EU-Land ist die Situation extremer als in der Schweiz im Allgemeinen und im Tessin im Speziellen: in Luxemburg. Als wahrer Grenzgängermagnet zieht der Kleinstaat rund 181'000 Pendler aus dem Ausland an, das sind etwa 42 Prozent der Erwerbsbevölkerung im Grossherzogtum.

Während im Tessin praktisch alle Grenzgänger aus Italien – und damit aus dem Süden – kommen, stammen jene in Luxemburg aus allen drei Nachbar­ländern und allen Himmelsrichtungen: 97'000 kommen aus Frankreich, 44'000 aus Deutschland und 39'000 aus Belgien. Im Tessin erschwert zusätzlich die durch Seen und Berge deter­minierte Verkehrsinfrastruktur die Bewältigung der Pendler­ströme.

In der Eurostat-Analyse steht: «Je grösser die Unterschiede beim durchschnittlichen Einkommen oder bei der Verfügbarkeit an freien Stellen zwischen zwei Regionen ausfallen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Region, die günstigere Arbeitsmarktbedingungen aufweist, eine höhere Zahl an Grenzgängern anzieht.»

Das trifft exemplarisch auf Luxemburg und auf das Tessin zu. Als weitere Faktoren kommen die niedrigen Sprachhürden und im Fall des Finanzplatzes Luxemburg die hohe Zahl von Tochterfirmen ausländischer Unternehmungen dazu.

Einseitige Sogwirkung

Die Parallelen zwischen Luxemburg und der Schweiz sind auch dem Deutschen Gewerkschaftsbund aufgefallen. Letztes Jahr hat er in einem Bericht zum Arbeitsmarkt festgestellt: «Diese einseitige Sogwirkung insbesondere der Nachbarländer Luxemburg und der Schweiz ist eine Folge der dort höheren Verdienstmöglichkeiten und der grösseren Beschäftigungsdynamik.» Deswegen stehen den 56'000 deutschen Grenzgängern in der Schweiz umgekehrt nur gerade rund 1600 Schweizer Grenzgänger nach Deutschland gegenüber.

Auf regionaler Ebene sind die Grenzgängeranteile und -zahlen folgerichtig in den Grenzgebieten zu Luxemburg beziehungsweise der Schweiz besonders hoch. 6 der 19 grenzgängerstärksten europäischen Regionen liegen in der Nachbarschaft der Schweiz: Rhône-Alpes, Elsass, Südbaden, Lombardei, Franche-Comté und Vorarlberg.

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Prozentual klar den Spitzenplatz belegt aber die bevölkerungsschwache belgische Pro­vince de Luxembourg, über ein Viertel der Erwerbstätigen ar­beitet im angrenzenden (und flächenmässig kleineren) Luxemburg.

Regionales Problem

In absoluten Zahlen am meisten Grenzgänger stammen aus den zwei französischen Regionen Rhône-Alpes und Lorraine: Aus der ersten gingen praktisch alle 114'000 Grenzgänger in die Schweiz zu Arbeit, die grosse Mehrheit von den 110'000 aus der Region um Nancy und Reims nach Luxemburg.

Der Anteil an der Erwerbsbevölkerung jedoch war in der Lorraine mit 12,2 Prozent fast dreimal so hoch wie in Rhône-Alpes. In der Lombardei ist der entsprechende Anteil noch niedriger.

Diese in ihren jeweiligen nationalen Kontexten insgesamt re­lativ geringen Prozentsätze erklären auch, weshalb die Grenzgängerproblematik in den Nachbarländern oft als «regionales Problem» gesehen wird, während es in der Schweiz spätestens seit dem 9. Februar 2014 als nationale und emotionale Frage wahrgenommen wird, über die man mit Paris, Rom, Berlin und Brüssel verhandelt.

Eurostat kennt Luxemburg

Im Fall von Luxemburg verweist die Eurostat-Studie zusätzlich auf die «vergleichsweise hohen Wohnkosten», welche «eine beträchtliche Zahl von Personen dazu veranlassen, ihren Wohnsitz in einem benachbarten Land zu beziehen». Die Studienautoren sind mit den lokalen Realitäten bestens vertraut, denn der Statistikdienst der EU hat seinen Sitz in Luxemburg. Dort arbeiten gegenwärtig 764 Beamte, wie Eurostat auf Anfrage mitteilt. Etwa jeder Vierte davon ist selbst Grenzgänger.

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