Wir werden immer älter – und leisten uns das ewig selbe Rentenalter

Die AHV schreibt rote Zahlen, die Zahl der Rentner steigt steil, die Lebenserwartung nimmt zu – trotzdem schreckt man im Bundeshaus vor einem höheren Rentenalter zurück. Die BDP will das ändern und das Rentenalter an die Lebenserwartung binden.

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Im März 2014 fällte der Nationalrat einen ansatzweise revolutionären Entscheid: Das Rentenalter soll fix an die Lebenserwartung gekoppelt werden und somit künftig automatisch ansteigen, wenn wir älter werden. Dies verlangt ein verbindlicher BDP-Vorstoss, der im Nationalrat dank SVP, FDP, GLP und einigen CVP-Stimmen eine Mehrheit fand. So weit, so spektakulär.

Seither passierte nichts mehr. In der grossen Rentenreform, die Bundesrat Alain Berset (SP) ins Parlament gebracht hat, ist eine Erhöhung des Rentenalters über 65 hinaus kein Thema. Berset will einzig das Rentenalter der Frauen (64) dem der Männer (65) angleichen. Um die Forderung der BDP ist es ruhig geworden. Scheut die bedrängte Partei das Thema im Wahljahr vielleicht sogar selber?

Strikte Regel in Dänemark

«Überhaupt nicht», sagt der Berner BDP-Ständerat Werner Luginbühl. Man sei in Kontakt mit externen Fachleuten, um ein Modell für den Rentenalter-Automatismus auszuarbeiten. Voraussichtlich werde die BDP dieses im Nationalrat, der die Rentenreform 2016 als Zweitrat diskutieren dürfte, in die Debatte einspeisen.

Das Vorbild für die Idee ist Dänemark. Die Dänen haben beschlossen, das Rentenalter zuerst von 65 auf 67 anzuheben und für die Zeit danach eine Art Autopiloten zu installieren: Das Rentenalter wird künftig parallel zur Lebenserwartung ansteigen (siehe Artikel rechts). Die Erhöhungen werden schrittweise umgesetzt und stets 15 Jahre im Voraus angekündigt. Das dänische Modell ist darauf ausgelegt, die durchschnittliche Dauer des Rentenbezugs stabil zu halten. Wird also der Durchschnittsrentner ein Jahr älter, muss er ein Jahr länger arbeiten, damit er nicht zu lange Rente bezieht.

20-prozentiger Ruhestand

Das wäre die harte Tour – für die Schweiz hat die BDP bereits eine mildere Variante skizziert. Der Autopilot würde dabei so justiert, dass das Rentenalter immer bei 80 Prozent der Lebenserwartung liegt; zurzeit wären das zirka 66 Jahre. In einem solchen Modell wird nicht jedes hinzugewonnene Jahr an Lebenserwartung 1:1 auf das Rentenalter übertragen. Jedenfalls würden die Schweizer Rentner in spe immer noch massiv länger AHV beziehen als ihre Vorfahren (siehe Kasten).

Doch nun zum Knackpunkt: Anders als in Dänemark hätte in der Schweiz das Volk das letzte Wort. Wie bringt man eine Mehrheit dazu, das Rentenalter zu erhöhen? «Heute? Gar nicht», sagt Hans Stöckli trocken. Der SP-Ständerat ist Mitglied der Sozialkommission und spielt eine interessante Rolle: Während die Linke in der Rentendebatte weitgehend mauert, zeigt sich der Bieler kompromissbereit.

Aber: «Einer Erhöhung des Rentenalters über 65 hinaus könnte ich heute niemals zustimmen.» Er setze schon viele Sympathien aufs Spiel, indem er das Frauenrentenalter 65 mittrage, falls die Lohnrückstände der Frauen eliminiert würden. Stöckli ist felsenfest überzeugt, dass jede Vorlage scheitert, die ein Rentenalter jenseits 65 schon nur als Möglichkeit vorsieht. «Das bringt man niemals durch, solange ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt so schlechte Chancen haben wie heute.»

Haben sie das wirklich? Gemäss der Statistik sind Angehörige der Generation Ü-55 seltener arbeitslos als Jüngere. Wenn sie es aber einmal sind, haben sie mehr Mühe, wieder eine Stelle zu finden. Jedoch: Im internationalen Vergleich sind ältere Schweizer sehr häufig werktätig. Ständerat Stöckli bleibt aber dabei: «Die Wirtschaft hat bisher nicht bewiesen, dass sie Ältere wirklich länger im Arbeitsmarkt halten will.» Sobald sie den Tatbeweis erbracht habe, könne man wieder über ein höheres Rentenalter sprechen.

Abgang der Babyboomer

«Damit hat er leider recht», räumt BDP-Kollege Luginbühl ein. Er sieht das genauso: Auch heute noch gebe es Arbeitgeber, die lieber günstige junge Fachkräfte aus der EU anstellen statt hiesige ältere. Aber: «Über das Rentenalter müssen wir trotzdem reden.» Für Luginbühl ist die Zukunft derart klar absehbar, dass er glaubt, man könne die Leute von der Notwendigkeit eines höheren Rentenalters überzeugen.

Dabei denkt er nicht einmal so sehr an die wachsende Lebenserwartung, sondern vielmehr an die bevorstehende Pensionierung der Babyboomer: In den nächsten 15 Jahren erreichen die grössten Jahrgänge das Rentenalter, die es je gab. «Wenn diese Hunderttausenden pensioniert sind, wird es auf dem Arbeitsmarkt alle brauchen, gerade auch die erfahrenen Älteren.» Dieser Trend werde zusätzlich verstärkt, da die Schweiz die Zuwanderung drosseln müsse.

Das könne ja alles sein, sagt Hans Stöckli. «Aber wir können nicht das Rentenalter auf Vorrat erhöhen, bevor wir sicher wissen, dass es genug Arbeit gibt.» Sprich: Die Politik soll das Rentenalter erst erhöhen, sobald klar ist, dass Ältere wirklich gesucht sind.

Dann sei es eben zu spät, findet Werner Luginbühl. «Je länger wir warten, umso grösser sind die Lücken, die wir mit Mehrwertsteuer oder Lohnbeiträgen füllen müssen, damit wir alle versprochenen Renten bezahlen können.» Luginbühls Überlegung geht so: Ein höheres Rentenalter hat an der Urne nur mit einer Vorlaufzeit von mindestens 10 Jahren eine Chance, damit Ältere nicht überrumpelt werden.

Wenn man also erst in 15 Jahren eine Rentenaltererhöhung beschliesst, tritt diese etwa 2045 in Kraft. «Wenn wir so lange warten, wird es sehr teuer, das heutige Niveau der AHV zu erhalten.» Da sich die Politik immer schwer tue mit solchen Entscheiden, würde Luginbühl das Rentenalter ganz an die Statistik auslagern. «Sie ist berechenbarer und häufig stärker an der Realität orientiert als wir Politiker.»

Stöckli sprengt Altersgrenze

In der SP hingegen vertraut man voll auf die Politik. Hans Stöckli will sich denn auch nicht aus der Verantwortung stehlen und kandidiert im Herbst freiwillig noch einmal für den Ständerat, obwohl er Ende Legislatur 2019 bereits 67 Jahre alt sein wird. Wenigstens die SP hat also den Tatbeweis erbracht, dass Ältere mindestens gefragt sind, vielleicht gar unersetzlich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.05.2015, 11:35 Uhr

Lebenserwartung

Die Schweiz hat die Mehrwertsteuer bereits einmal um einen Prozentpunkt erhöht, um die Kosten der steigenden Lebenserwartung abzufedern: 1999 wurde das sogenannte Demografieprozent eingeführt.

Nun will der Bundesrat die Mehrwertsteuer noch einmal um 1,5 Prozentpunkte erhöhen, um die AHV weiterhin zu sichern. Dies geht SVP, FDP und CVP aber zu weit (wir berichteten). Erste Entscheide fällt der Ständerat wohl im September.

Eines ist hingegen unbestritten: Die Dauer des Rentenbezugs hat sich in der Schweiz überaus kräftig ausgedehnt. Männer beziehen heute im Durchschnitt 18,9 Jahre lang Rente. 1948, bei Einführung der AHV, waren es 12,4 Jahre. Bei den Frauen stieg die Lebenserwartung ab Alter 65 von 14 auf 22,2 Jahre. (fab)

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