«Wir preisen die Schweizer Qualität zu wenig an»

Peter Kappert, der abtretende Chef der Sonnenhof-Kliniken, will Schweizer Spitäler im internationalen Gesundheitsmarkt besser positionieren. Er selbst führt ein Unternehmen, das in den Emiraten ein Spital betreibt.

«Man muss diejenige Behandlung ausprobieren, welche am wenigsten Nebenwirkungen, Kosten und Aufwand beschert», sagt Peter Kappert.

«Man muss diejenige Behandlung ausprobieren, welche am wenigsten Nebenwirkungen, Kosten und Aufwand beschert», sagt Peter Kappert.

(Bild: Urs Baumann)

Sie kennen auf der ganzen Welt Spitäler. Wo würden Sie sich in Spitalpflege begeben, wenn Sie müssten? Peter Kappert: In Bern.

Warum? Wir haben ausgezeichnete Spitäler und renommierte Ärzte. Bern hätte guten Grund, sich stärker in der Gesundheitsbranche zu profilieren.

Auch international? Natürlich. Die Schweiz hat qualitativ eines der besten Gesundheitswesen weltweit, und auch das Umfeld stimmt. Leider preisen wir im Gesundheitsbereich die Schweizer Qualität zu wenig an. In der Industrie machen wir das besser. Dabei wäre die Nachfrage in vielen Ländern vorhanden. Wir sollten diesen Markt intensiver bearbeiten, das würde sich für die Schweizer Spitäler langfristig auszahlen. Am ehesten bekannt sind Spitäler in Genf und Zürich. In Genf lassen sich vor allem Patienten aus dem arabischen Raum, in Zürich solche aus Russland behandeln.

Und Bern hat den Anschluss verpasst? Ein wenig schon. Dabei haben wir ein Universitätsspital mit Spitzenkräften, sehr gute Privatspitäler und geeignete Rehabilitationsmöglichkeiten im Berner Oberland. Medizintechnische und pharmazeutische Unternehmen ergänzen das Angebot.

In welchen Bereichen könnte sich Bern hervortun? In der Orthopädie und der Kardiologie zum Beispiel.

Und für welche Patienten wäre das interessant? Für solche aus dem ehemaligen Ostblock und dem mittleren Osten. Ich habe eine Zeit lang in China für die Schweiz geworben, aber bald erfahren müssen, dass wir kulturell und geografisch zu weit weg sind. Ausserdem bearbeiten Zentren in Bangkok und Singapur diesen Markt bereits erfolgreich. Ihr Angebot umfasst ein Diagnosezentrum in China sowie die Organisation von Flug, Hotel und Spitalaufenthalt samt Tourismusprogramm für die Begleitung.

Wohlhabende Patienten sollen also Reiseprospekte durchblättern, bevor sie ein Spital wählen? Mit Prospekten im Reisebüro ist es nicht getan. Als Anbieter muss man in den Zielmärkten mit einem Diagnosezentrum präsent sein. So können Patienten von einem Schweizer Arzt untersucht, beraten und in ein geeignetes Spital in der Schweiz vermittelt werden.

Führt Ihr Unternehmen Sonnenhof Swiss Health deshalb in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Spital? Unser Geschäftsfeld ist primär der Export von Know-how im Spitalmanagement und Beratung im Gesundheitswesen. So führen wir in Ras Al Khaimah das RAK Hospital, welches einem Scheich gehört. Der Direktor ist ein Berner Arzt.

Werden dort ausschliesslich reiche Patienten behandelt? Als Privatspital haben wir mit den meisten Krankenversicherungen Verträge abgeschlossen und sind somit offen für die Bevölkerung oder Touristen mit Versicherungsdeckung oder Selbstzahler. Allerdings besteht in den Emiraten nur in Abu Dhabi ein Versicherungsobligatorium. Die Behandlung im öffentlichen Krankenhaus ist gratis.

Funktioniert das gut, in einer fremden Kultur ein Spital zu führen? Unsere Mitarbeiter kommen aus Europa, dem Nahen und Fernen Osten sowie aus Indien und behandeln Patienten aus ebenso vielen Kulturen. Es ist selbstverständlich, dass wir auf die jeweiligen Bedürfnisse und Gepflogenheiten eingehen müssen, auch sprachlich. Das ist nicht immer einfach.

Gibt es auch kulturelle Unterschiede in der medizinischen Behandlung? Es gibt unterschiedliche Krankheitsbilder. Wir behandeln dort viel häufiger Folgen von Übergewicht als in der Schweiz und auch viel häufiger Opfer von Verkehrsunfällen. Aber sonst sehe ich wenige Unterschiede. In den Emiraten ist die Behandlung von Frauen durch einen Mann kein Problem.

In Bern arbeiten die Sonnenhof-Kliniken mit Zentren der traditionellen chinesischen Medizin zusammen. Haben Sie auch bei unterschiedlichen medizinischen Methoden keine Berührungsängste? Überhaupt nicht. Man muss diejenige Behandlung ausprobieren, welche am wenigsten Nebenwirkungen, Kosten und Aufwand beschert. Traditionelle chinesische Medizin eignet sich nicht für Beinbrüche, ist aber in anderen Bereichen sehr sinnvoll, etwa in der Prävention. Übrigens wurden im alten China die Ärzte nur belohnt, wenn die Leute gesund blieben.

Gehen wir in der Schweiz ein wenig in diese Richtung, wenn Ärzte bei Managed Care Budgetmitverantwortung tragen?

Mit Ihren Projekten überschreiten Sie Landesgrenzen, während sich das Schweizer Gesundheitswesen an Kantonsgrenzen hält... ...was absolut unverständlich ist! Bei Vorträgen in Shanghai stelle ich die Schweiz jeweils als Land vor, das ein Viertel der Einwohner der Stadt, aber 26 Gesundheitsdirektionen hat. Damit ernte ich ungläubiges Lächeln.

Bei der Gesundheitsversorgung ist zumindest auf dem Platz Bern eine Konzentration im Gang. Die Spitäler Sonnenhof und Lindenhof werden zusammengeführt. Ja, und auf diese Weise bleiben sie als Berner Traditionsunternehmen erhalten und können nicht ins Ausland verkauft werden. Das war mir wichtig.

Eine Zusammenarbeit mit Hirslanden stand für Sie als Sonnenhof-Direktor nicht zur Diskussion? Nein, die kulturellen Unterschiede sind zu gross.

Der Sonnenhof ist sozusagen ein Familienunternehmen. Ihr Vater war Mitgründer des Spitals. Zusammen mit zwei Kollegen hat er damals die Initiative ergriffen, eine Privatklinik zu bauen. Es gab in dieser Zeit zu wenig Spitalbetten in Bern. Am Vorabend der Eröffnung haben unsere Mütter eigenhändig alle Betten angezogen. In Erinnerung geblieben ist mir auch das Befremden vieler Leute, als der Sonnenhof als erstes Spital in Bern ein Tearoom betrieb. Und ich erinnere mich daran, dass ich – damals zehnjährig – am Tag der offenen Tür Prospekte verteilen durfte. Während meiner Schulzeit habe ich in der Telefonzentrale ausgeholfen, um mir eine Glace zu verdienen.

Später haben Sie sich dann für die Wirtschaft und nicht für die Medizin entschieden. Das war für meinen Vater eine Enttäuschung, hatte er doch auf eine Nachfolge im Unternehmen gehofft. Ich habe selbst nicht damit gerechnet, dass ich einst die Führung übernehmen würde.

Wie kam es trotzdem dazu? Nach dem Tod meines Vaters wurde ich in den Verwaltungsrat gewählt, lebte aber in Belgien. Kurz darauf mussten wir den Direktor ersetzen. Als Übergangslösung habe ich die operative Leitung übernommen und bin über ein Jahr zwischen Belgien und Bern gependelt. Mein Entscheid fiel dann für den Sonnenhof. Ich habe meine Firma verkauft, bin nach Bern zurückgekehrt und in die Fussstapfen meines Vaters getreten. Das war vor 20 Jahren.

Anfang Jahr haben Sie das Direktorium der Sonnenhof-Kliniken abgegeben und sind nun Lindenhof-Stiftungsrat. Wie funktioniert die Zusammenarbeit? Zuerst werden nun die juristische Form und die Führungsstruktur festgelegt. Operativ legen wir in einem ersten Schritt den Einkauf, die IT, die Logistik sowie das Rechnungswesen zusammen. Später werden wir auch die medizinischen Angebote, da, wo es sinnvoll ist, konzentrieren. Leider wissen wir noch nicht, welches Leistungsangebot der Kanton von uns verlangen wird, wir müssen die kantonale Spitalliste abwarten, bevor wir definitiv planen. Vielleicht wird sie ja bald einmal entschieden

Sie sind kein Freund der Spitalliste. Eigentlich braucht es sie gar nicht. Der Kanton hat vor einigen Jahren die öffentlichen Spitäler in Aktiengesellschaften zusammengefasst. Die Idee war, dass diese Gesellschaften selber entscheiden, welches medizinische Angebot sie an welchem Standort anbieten. Nun aber schreibt der Kanton standortbezogene Angebote vor. Sinnvoll wäre doch, einer Spitalgruppe den Versorgungsauftrag für die Bevölkerung der Region zu übertragen. Wie und wo sie diesen Auftrag erfüllt, soll sie selbst entscheiden.

Der Kanton Bern zahlt 55 Prozent der Spitalrechnung. Ist es da nicht richtig, dass er eine gewisse Kontrolle ausübt? Wir sind Diener zweier Herren, weil Versicherung und Kanton die Rechnung aufteilen. Die Abrechnerei ist dadurch noch komplizierter geworden. Die Kantone würden ihre Beiträge besser den einzelnen Versicherungen zukommen lassen.

Berner Zeitung

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