«Wir Deutschen können von der Schweiz mehr lernen als umgekehrt»

Im Rekordtempo strebt Deutschland den Atomausstieg an. Doch die deutsche Energiewende hat die europäische Strombranche in eine Krise geworfen. Energieexperte und Windparkbetreiber Johannes Lackmann im Interview.

Ein Windpark in Deutschland: «Bei der Windenergie ist das Vergütungsniveau an den optimalen Standorten ganz klar zu hoch», sagt Johannes Lackmann.

Ein Windpark in Deutschland: «Bei der Windenergie ist das Vergütungsniveau an den optimalen Standorten ganz klar zu hoch», sagt Johannes Lackmann.

(Bild: Keystone)

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Johannes Lackmann, in acht Jahren nimmt Deutschland das letzte Atomkraftwerk vom Netz. Ist das Land dafür gerüstet?Johannes Lackmann: Ja, wir haben eine grosse Überkapazität an Kraftwerken. Es ist mehrfach untersucht worden, dass wir die AKW abschalten können, ohne Kapazitätsengpässe zu bekommen. Wir müssen jedoch verhindern, dass wegen der aktuell niedrigen Strompreise auch flexibel einsetzbare Kraftwerke stillgelegt werden, etwa Gaskraftwerke.

Wie lässt sich das verhindern? Stromkonzerne, die ein unrentables Kraftwerk schliessen wollen, müssen bei der Bundesnetzagentur eine Bewilligung beantragen. In einigen Fällen wird diese Bewilligung untersagt, damit die Versorgungssicherheit in der Zukunft gewährleistet werden kann. Selbstverständlich erhalten die betroffenen Kraftwerkbetreiber eine Entschädigung.

Wie sieht die Energieversorgung in Deutschland ohne Atomkraftwerke aus? Um die Jahrtausendwende hatten wir in Deutschland nur etwa 5 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien. Das war hauptsächlich Wasserkraft. Jetzt sind wir bei etwa 27 Prozent. In absoluten Massstäben ist das noch nicht sehr viel, aber die Dynamik, die sich entwickelt hat, lässt sich nicht mehr brechen.

Was macht Sie da so sicher? Zehntausende neue Start-up-Unternehmen sind in den Bereichen Solar-, Wind- oder Bioenergie entstanden. Diese Unternehmen versuchen, ihr Geschäftsfeld zu verteidigen.

Auch der «dreckige» Strom aus Braunkohle ist angewachsen. Und mit ihm der CO2. Der internationale Handel mit CO2-Zertifikaten ist zusammengebrochen. Deshalb erlebt die Braunkohle eine Renaissance. Es ist ein Irrweg der Politik, dass sie den Emissionshandel nicht durch eine vernünftige Klimasteuer ersetzt. Mit einer Klimasteuer würden sich Gaskraftwerke wieder rechnen. Diese brauchen wir dringend neben der erneuerbaren Energie, weil sie flexibel Strom liefern.

Die Schweiz hat sich mehr Zeit gegeben für den Atomausstieg. Kann die Schweiz aus den Erfahrungen in Deutschland lernen? Unter dem Strich können wir Deutschen von der Schweiz mehr lernen als umgekehrt. In Deutschland ist die Energiewende zwar ein grosses Hip-Thema. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man die Zunahme an CO2-Emissionen im Stromsektor ebenso wie im Verkehr. Das ist absurd. Zudem können wir in Deutschland, wo das Kanzleramt eine Marionette der Autoindustrie ist, keine vernünftige Verkehrspolitik machen. Da ist die Schweiz unabhängiger und hat bessere Standards.

Geht Deutschland beim Atomausstieg zu schnell vor? Der Atomausstieg in Deutschland war ein mehrfaches Hin und Her. Er war bereits im Juni 2000 von der rot-grünen Regierung beschlossen – und später von der konservativen Regierung wieder rückgängig gemacht worden. Nach Fukushima wurde der Ausstieg wieder salonfähig. Deutschland hatte sehr früh eine Anti-AKW-Bewegung. Und die starke Dynamik im Markt für erneuerbare Energie ist zum Teil auf diese Antiatombewegung zurückzuführen. Man hat sich früh mit den Alternativen beschäftigt und aus dieser Motivation heraus neue Firmen aufgebaut.

Welche Fehler, die Deutschland gemacht hat, sollten andere Länder vermeiden? In Deutschland ist die Energiewende einseitig an den Strommarkt adressiert. Der Verkehr und die Gebäudetechnik werden vernachlässigt. Da sind andere Länder, wie beispielsweise die Schweiz, deutlich besser unterwegs. Brennstoffe etwa sind in Deutschland faktisch mit keinen Abgaben belastet. Das ist nicht begründbar.

Nächste Woche halten Sie in Bern einen Vortrag zur Energiewende (siehe Box). Was braucht es, damit diese gelingt? Wir sollten die Teilsegmente Strom, Wärme und Mobilität nicht länger isoliert betrachten. Strom lässt sich günstig in Wärme umwandeln. Wenn ich eine Kilowattstunde Strom in Form von heissem Wasser speichere, ist das um den Faktor 100 günstiger, als wenn ich dieselbe Menge in Batterien speichere. Ähnliches gilt auch für die Mobilität. Weiter sollten wir dafür sorgen, dass sich alle Systemkosten der verschiedenen Energieproduzenten in deren Preisen widerspiegeln.

Sie sprechen die Atomindustrie an, der längst nicht alle Kosten verrechnet werden? Bei der Atomenergie werden sowohl die hohen Technologieentwicklungskosten wie auch die Entsorgungskosten vom Staat bezahlt. Zudem fehlt das Haftpflichtrisiko in den Preisen. Es gibt logischerweise keine Haftpflichtversicherung auf dieser Welt, die das Risiko eines Atomunfalls wirklich abdecken könnte. Die Gesellschaft trägt das ganze Risiko. Man sollte den Preis dafür kalkulieren und den Betreibern als Abgabe verrechnen. Alles andere führt zu einer Wettbewerbsverzerrung gegenüber den erneuerbaren Energien, die man dann subventionieren muss, damit gleich lange Spiesse geschaffen werden.

Als Folge der milliardenschweren Subventionen, die Deutschland für die Energiewende bezahlt, sind die Strompreise in Europa eingebrochen, und die Energiebranche steckt in der Krise. Was ist die Lösung? Es ist wirklich schade, dass andere Länder von unserem Fehler betroffen sind. Wenn wir eine vernünftige Klimasteuer hätten, würden viele alte Kraftwerke vom Netz gehen, und wir hätten weniger Überschüsse. Dann wäre auch das Preisniveau an der Strombörse höher. Das wäre gut.

Die Schweiz hat noch ein weiteres Problem: Die technisch wertvollen Pumpspeicherwerke sind momentan unrentabel. Das ist schlecht. Denn genau diese Kraftwerke braucht Europa für die Zukunft dringend. Momentan wird die Mittagsspitze auf dem Strommarkt vor allem durch die Fotovoltaik versorgt. Deshalb können die Pumpspeicherwerke nicht rentabel arbeiten, und neue Investitionen werden zurückgehalten. Wenn jedoch der Ausbau der Fotovoltaik weitergeht, wird das, was früher eine Mittagsspitze war, vielleicht einmal ein Mittagstal werden. Und wir werden dann die Spitze in den Morgen- und Abendstunden haben. Dann brauchen wir die Pumpspeicherwerke wieder. Ich bitte die Schweizer um Geduld.

Wie lange brauchen wir Geduld, bis die Pumpspeicherwerke wieder rentieren? Ich würde sagen mindestens zehn Jahre.

Die Deutschen brauchen zwar weniger Geduld, aber dafür mehr Nerven. Sie bezahlen 19 Milliarden Euro pro Jahr für die Energiewende. Wie lange macht das Volk noch mit? Es gibt immer wieder Umfragen, in denen sprechen sich 70 bis 80 Prozent der Befragten für die Energiewende aus. Denn die alte Energiewirtschaft hat sich unglaubwürdig gemacht. Sie ist arrogant aufgetreten und mittlerweile verhasst bei vielen Menschen. Diese fordern Bürger-Energie und eine regionale erneuerbare Stromversorgung. Ganz anders ist es im Bereich der Mobilität, wo sich die Leute immer grössere Autos kaufen.

Sie selber haben auch schon gesagt, die Energiewende wäre günstiger zu haben. Ich plädiere stark dafür, dass wir die Energiewende günstiger machen. Einfach damit die Akzeptanz der Leute nicht verspielt wird. Denn wenn die Leute sehen, dass bestimmte Branchen auch im Bereich der erneuerbaren Energien immer höhere Gewinne machen und immer grössere Autos fahren, dann gefährdet das die Akzeptanz. Ich bin im Jahr 2007 als Präsident des deutschen Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) zurückgetreten. Unter anderem auch deshalb, weil ich die unverschämten Forderungen der Solarbranche nicht mehr mittragen wollte (siehe Box zur Person). Man darf der Politik nicht jeden Tag sagen, wir brauchen mehr Geld. Denn Politiker lassen sich von Lobbyisten einschüchtern.

Sie sind also der Meinung, die Subventionen seien für einige Energiesparten zu hoch? Ja. Für die Fotovoltaik wurde das korrigiert. Das hat die Branche schwer zurückgeworfen, weil sie auf einem hohen Verwöhnniveau war. Bei der Windenergie ist das Vergütungsniveau an den optimalen Standorten in Norddeutschland ganz klar zu hoch.

Sind die Subventionen auch in anderen Ländern zu hoch? Da fehlt mir leider die Übersicht.

Früher, als BEE-Präsident, haben Sie selber für Subventionen gekämpft. War das ein Fehler? Nein, ich bin nach wie vor der Meinung, dass solche Einspeisegesetze unglaublich effizient sind. Ohne die Subventionen wären wir mit der Energiewende nie so weit gekommen. Die ersten Windanlagen wurden in den 1970er-Jahren in Grossbritannien gebaut. Die haben dort oben das grösste Windpotenzial Europas. Doch das liberale britische Wirtschaftssystem hat diesen Firmen keine echte Chance gegeben. Das beste Positivbeispiel für Subventionen ist die Fotovoltaik. Die gibt es seit den 1930er-Jahren. Erst als Deutschland die Subventionen eingeführt hat, erhielt diese Technologie eine faire Chance. Dadurch hat sich die Kosteneffizienz drastisch verbessert. Ich betrachte staatliche Vergütungsregelungen als scharfes chirurgisches Instrument, das präzise gesteuert werden muss. Wir können es nicht einfach treiben lassen.

Sollte die Branche freiwillig auf einen Teil der Subventionen verzichten? Ja. Doch leider gibt es viele Lobbyisten, die sich mit ihren Erfolgen selber schaden. Im Bereich der Autoindustrie ist das markant. Wir setzen die Autoindustrie viel zu wenig unter Druck. So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im letzten Jahr in Brüssel im Alleingang dafür gesorgt, dass die Einführung bereits vereinbarter Umweltstandards von 2018 auf 2020 verschoben wurden. Das war eine Schande für Deutschland. Sogar die Zuliefererindustrie war enttäuscht. Denn sie haben die Technologie für effizientere Mobilität bereits entwickelt. Manche Branchen ersticken an ihrem eigenen Lobbyerfolg.

Wie nahe ist die Stromlobby an diesem Punkt? Noch ist die Energiewende in Deutschland sehr populär.Das ist grandios. Aber wenn die Entwicklung so weitergeht und die Leute sehen, dass sich Firmen, die die EEG-Umlage erhalten, die Tasche voll stecken, kann das schnell umschlagen.

Berner Zeitung

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