Wie man in der Schweiz Diplomat werden kann

Ende August läuft die Bewerbungsfrist ab: Das Aussendepartement sucht Jungdiplomaten. In einem aufwendigen Prozedere wird gekürt, wer künftig die Marke Schweiz vertritt. Gut zu sein, das genügt nicht.

Diplomatie als Balanceakt: Seiltaenzer Dimitri am Schweizerischen Nationalfeiertag, 1. August 2010 auf dem Hochseil mit Schweizerischer Botschaft und Bundeskanzleramt in Berlin.

Diplomatie als Balanceakt: Seiltaenzer Dimitri am Schweizerischen Nationalfeiertag, 1. August 2010 auf dem Hochseil mit Schweizerischer Botschaft und Bundeskanzleramt in Berlin.

(Bild: Keystone)

«Eine Besucherdelegation möchte barocke Baudenkmäler in der Schweiz sehen. In welche Stadt führen Sie Ihre Gäste?» Solche Fragen muss gewärtigen, wer sich für die Prüfung zum diplomatischen Dienst, den Concours, anmeldet und davon träumt, die Schweiz einmal im Ausland vertreten zu dürfen.

Beobachter, Netzwerker, Vermittler, Kommunikator, Manager – und das alles in einem: So stellt sich das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) den idealen Diplomaten vor. In einem EDA-Leitfaden steht: «Diplomat ist kein klassischer Beruf. Diplomat ist man rund um die Uhr.» In der Praxis heisst das: «Sie können sich mit einem Kartoffelbauern im bolivianischen Altiplano ebenso gut unterhalten wie mit König Harald von Norwegen.»

Die Schweiz als Marke

«Kreativität + Qualität = Swissness. Stellen Sie Ihre Fähigkeiten in den Dienst einer weltbekannten Marke!» Mit diesem Slogan sucht das EDA derzeit in rot-weissen Inseraten Nachwuchs fürs diplomatische Korps. Es verspricht «aussergewöhnliche Karrieremöglichkeiten in einem internationalen Umfeld». Das Auswahlprozedere ist kompliziert und zieht sich über mehrere Monate hin. Zugelassen wird, wer das Schweizer Bürgerrecht und einen Hochschulabschluss hat. Man darf nicht vorbestraft sein und soll drei Sprachen, davon zwei Schweizer Amtssprachen, in Wort und Schrift beherrschen. Der Concours ist ein aufwendiges Selektionsverfahren, das in seinen Grundzügen in den 50er-Jahren durch Bundesrat Max Petitpierre eingeführt wurde. Davor stiess nur zur diplomatischen Kaste, wer von einem Diplomaten empfohlen wurde. Der Concours ist gewissermassen ein Instrument zur Demokratisierung der Diplomatenlaufbahn.

Schriftlich und mündlich

Nach einer Vorselektion der umfangreichen Bewerbungsdossiers folgt Ende September für rund 80 Kandidatinnen und Kandidaten die erste, hauptsächlich schriftliche Selektionsrunde. Sie dauert pro Bewerber einen Tag und umfasst einen Aufsatz in der Muttersprache zu einem politischen Thema, einen Multiple-Choice-Test zum Allgemeinwissen sowie Sprachtests. Wer diese Hürde nimmt, wird für Anfang November zur mündlichen Selektionsrunde eingeladen, die pro Bewerber erneut einen Tag dauert. Die jetzt noch rund 40 Kandidaten werden von der 20-köpfigen Zulassungskommission auf Herz und Nieren geprüft – allein und in der Gruppe. Dann werden sie in den Bereichen Politik und Wirtschaft, Verfassungs- und Völkerrecht, Kultur und Geschichte befragt. Also schleunigst zurück zur gesuchten Barockstadt in der Schweiz: Wer dabei an Solothurn gedacht hat, bleibt vorderhand im Rennen.

Ausserdem werden die aktiven Sprachkenntnisse geprüft, und es findet ein Gespräch mit dem Vertrauenspsychologen des EDA statt.

Die Kommission setzt sich aus Persönlichkeiten aus verschiedenen Departementen sowie aus Privatwirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammen. Sie wird von der Aussenministerin bestellt. Wer ihr in diesem Jahr angehört, sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, teilt das EDA auf Anfrage mit und begründet dies unter anderem damit, dass so die «Gleichbehandlung der Kandidaten» gewährleistet werde.

Geschlecht und Sprache

Vor vier Jahren wurde das Höchstalter, das lange bei 30 Jahren lag, auf 35 angehoben. Das ermöglicht zwar auch Berufsleuten den Einstieg, birgt aber die Gefahr der übertriebenen Vorbereitung auf die Chance, die sich jedem Anwärter nur einmal bietet. Deshalb haben viele Bewerber gleich mehrere Sprachaufenthalte, postuniversitäre Ausbildungen oder Zusatzstudien am Genfer Institut de hautes études internationales et du développement (IHEID) und Berufspraxis hinter sich. Sie nehmen sich in der Vorbereitungsphase viel Zeit, um Wissenslücken mit einschlägiger Literatur zu stopfen .

Da es keine Prüfung im klassischen Sinn ist, sondern ein Ausleseverfahren, hängt der Concours-Ausgang nicht allein von der individuell erbrachten Leistung ab. Wichtig sind etwa auch die seit 2006 strikt geltende Geschlechterparität, eine angemessene Vertretung der Sprachgruppen und nicht zuletzt die Sparzwänge im Budget. Der Frauenanteil an den Bewerbungen ist von 1990 bis heute von etwa 15 auf rund 50 Prozent gestiegen, wie das EDA auf Anfrage mitteilt.

200 Bewerber pro Jahr

In den letzten Jahren lag die Zahl der Bewerbungen bei je rund 200. 2006 meldeten sich erstmals mehr Frauen als Männer zum Concours an. Vor vier Jahren wurden je vier Frauen und Männer aufgenommen, 2007 je sieben, 2008 je neun, und im letzten Jahr waren es je vier. Auch was die Sprache betrifft, wird auf Ausgewogenheit geachtet. Letztes Jahr waren es vier Deutsch-, zwei Französisch-, ein Italienisch- und – erstmals seit mehreren Jahren – ein Rätoromanischsprachiger. Im Jahr davor wurden zwölf Deutschschweizer, fünf Romands und ein Vertreter der italienischen Schweiz aufgenommen.

Nach der zweiten Selektionsrunde wird die Kommission der Aussenministerin eine Liste mit ihren Empfehlungen vorlegen. Das letzte Wort aber hat Micheline Calmy-Rey. Ende November werden die Kandidatinnen und Kandidaten über den Ausgang des Zulassungswettbewerbs informiert. Für die angehenden Jungdiplomaten beginnt die Arbeit beim EDA im April 2011 mit einem Einführungskurs. Es folgt ein einjähriger Stage in einer Auslandvertretung der Schweiz, bevor in Bern die Schlussprüfungen stattfinden. Erst dann erfolgt formal der Eintritt in den diplomatischen Dienst. Erst dann ist die «Volée 2011» voll für die «Marke Schweiz» im Einsatz. Nach EDA-Angaben liegt der Jahreseinstiegslohn für die Jungdiplomaten je nach Alter und Berufserfahrung zwischen 90'000 und 117'000 Franken.

Berner Zeitung

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