Wie gut ist der neue «Blick»?

Analyse

Seit einem Monat ist René Lüchinger Chefredaktor der Schweizer Boulevardzeitung. Bernerzeitung.ch/Newsnetz zieht Bilanz.

Enttäuschende Zwischenbilanz nach 26 Ausgaben: René Lüchinger, Chefredaktor des «Blick».

Enttäuschende Zwischenbilanz nach 26 Ausgaben: René Lüchinger, Chefredaktor des «Blick».

(Bild: Keystone Martin Ruetschi)

Christian Lüscher@luschair

Zuerst ein Blick zurück: 2013 wurde Andrea Bleicher erste Chefredaktorin des «Blicks». Das war eine Sensation. Sechs Monate später die Ernüchterung: Sie wurde abgesetzt, weil sie angeblich lustlosen Boulevard machte.

Nun steht René Lüchinger seit einem Monat an der Spitze, der Karriere als Wirtschaftsjournalist gemacht hat. Das Blatt solle bei politischen und wirtschaftlichen Themen stärker werden, hat er versprochen. Eine Anleitung, was guter Boulevard ist, erhielt er von seinem Ex-«Weltwoche»-Kollegen Kurt W. Zimmermann. Dieser schrieb: Guter Boulevard sei Concept-Art. Themen, die von anderen Journalisten aus politischer Korrektheit nicht richtig angepackt würden, sollten gross abgehandelt werden.

Blattkritik

26 Ausgaben später ist es Zeit für eine Blattkritik. Sie fällt kurz aus: enttäuschend. Der «Blick» umfasst zwar deutlich mehr Artikel zu Politik und Wirtschaft als früher. Wer genauer hinschaut, merkt jedoch: Der «Blick» serviert seinen Lesern auffallend oft kalten Kaffee. Offensichtlich war dies bei der SP-Initiative für eine Einheitskasse oder der Alkoholsucht von Schauspieler Mathias Gnädinger.

Und wie ist der optische Auftritt, eine Kernkompetenz des «Blicks»? Auch hier überzeugt Lüchingers Handschrift nicht: Er hat dem Boulevardblatt den Charme einer Provinzzeitung gegeben. Während seine Vorgänger das gute Bild meist über alles andere stellten, sind jetzt oft Symbolbilder und Schwarzweissfotos zu sehen. Warum? Lüchinger setzt auf die Kraft von Serien (Erster Weltkrieg, Behördenwahn). Die Tagesaktualität spielt eine relativ kleine Rolle.

Lieblingswort «Bumsen»

Sprachlich ist der neue «Blick» eine Zumutung. Boulevard ist Handwerk, die Titelsetzung eine Kunst. Da zeigt sich die neue Chefredaktion aber unbeholfen. Lieblingswort im Januar: «Bumsen». Der absolute Tiefpunkt: «Scheiss die Wand an». Die Kreativität, sie beschränkt sich auf Kalauer: «Staniamal Wowrinka». Oder: «Wir sind Tennis», ein Abklatsch des «Bild»-Titels «Wir sind Papst». Und seltsame Alliterationen wie: «Pleiten, Pech und Pannen – die Post».

Vielleicht war der «Blick» unter Bleicher blutig. Unter Lüchinger schwankt er zwischen linkisch und langweilig.

Tages-Anzeiger

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