«Wie goots?»

Verschiedene Dialekte büffeln: Rund 900 Genfer Sekundarschulkinder lernen ab Montag Schweizerdeutsch.

Nach «Grüezi mitenand» wird der Unterricht bald schwerer: Ein Lehrer schreibt auf eine Wandtafel.

Nach «Grüezi mitenand» wird der Unterricht bald schwerer: Ein Lehrer schreibt auf eine Wandtafel. Bild: Keystone

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Die Genfer Sekundarschullehrer sind vorbereitet, die Materialien für die ersten Mundartlektionen liegen bereit. Die Konversationsübungen zum Auftakt sind einfach. Dennoch werden den meisten Schülern Ausdrücke wie «Grüezi mitenand», «Wie goots?», «Nei, danke» zum ersten Mal über die Lippen kommen. Bald wird es schwieriger: Es folgen Lieder wie «Dr Eskimo» von Mani Matter, Comics aus der Reihe «Züri by Mike», und die Berner Transportmittel werden mit denen in Zürich verglichen.

Isabelle Nicolazzi, die im Genfer Bildungsdepartement für die Unterrichtsgestaltung zuständig ist, sagt: «Die Schüler lernen nicht nur einen einzigen, sondern verschiedene Dialekte kennen. Auch geht es nicht nur darum, Schweizerdeutsch zu lernen, sondern Mundart-ausdrücke mit dem Hochdeutschen zu vergleichen.» Ein Teil des Schweizerdeutsch-Unterrichts sind darum die in Mundart verbreiteten Verkleinerungsformen. Auch lernen die Schüler Helvetismen wie Rahm, Velo oder Trottoir kennen, wie man sie in Deutschland nicht verwendet.

Nur 900 von 2800 Schüler

Die Lerninhalte definiert und die Unterrichtsmaterialien zusammengestellt haben Deutschschweizer Lehrer, die in Genf unterrichten. «Perfekt zweisprachige Lehrer gibt es viele in Genf, auch Schüler», sagt Isabelle Nicolazzi. Von zweisprachig aufgewachsenen Schülern erhofft sie sich, dass sie im Unterricht zu wichtigen Stützen werden. Und das mit gutem Grund: Der Kreis der Sekundarschüler, die sich im Deutschunterricht mit «Grüezi» begrüssen werden, ist relativ klein. Es handelt sich um rund 900 von 2800 Jugendlichen, die sich wegen überdurchschnittlicher Schulleistungen im Rahmen des «Cycle d’orientation» für ein Schwerpunktfach entscheiden durften, und «Langues vivantes» (neue Sprachen) gewählt haben.

Die «Tribune de Genève» hat sich kurz nach Bekanntgabe der Neuerung im Deutschunterricht in Lehrerkreisen umgehört und erfahren, dass die Dialektstunden nicht alle Lehrer begeistern. Isabelle Nicolazzi sagt, die Vorbereitungsarbeiten hätten ein Jahr gedauert, die Lehrer seien früh informiert gewesen, aber es habe keinerlei Proteste gegeben. Dass es bei Änderungen Opposition gebe, sei normal. Stattdessen betont sie: «Das Signal aus Genf ist wichtig. Uns allen muss klar sein: Wir leben in einem vielsprachigen Land.»

Der sprachlichen Annäherung ans Schweizerdeutsche soll später auch die geografische folgen. Im Genfer Bildungsdepartement sähe man es gerne, wenn sich Genfer Schüler mit gleichaltrigen Deutschschweizern treffen würden – in Genf selbst, aber auch in der Deutschschweiz, für einzelne Tage oder ganze Wochen. Geplant ist zudem der Aufbau eines Internetportals, wo Klassen sprachgrenzenübergreifend Videokonferenzen abhalten und über Themen debattieren können.

Freundschaften entstehen

Die Annäherung, die nun forciert und institutionalisiert wird, existiert zwischen den Städten Genf und St. Gallen seit vielen Jahren – dank der Privatinitiative der St. Galler Sekundarlehrerin Karin Widmer. Sie hat 1988 einen Austausch mit Klassen der Genfer Sekundarschule Les Voirets ins Leben gerufen. Auch in diesem Jahr reisen 24 Genfer für fünf Tage nach St. Gallen, und die Ostschweizer gehen auf Gegenbesuch nach Genf. Die Schüler leben in dieser Zeit bei den Familien ihrer Austauschpartner. Karin Widmer sagt: «Das Projekt ist ein Erfolg. Wir Lehrer merken, dass die Schüler danach von der Fremdsprache viel mehr verstehen.»

Der Französischunterricht sei eine künstliche Lernsituation. Während des Austauschs müsse man sich plötzlich mit Freunden verständigen, sich in den Strassen zurechtfinden, im Geschäft etwas kaufen: «Es kommen Emotionen dazu», führt die St. Gallerin aus. Die Schüler müssen auch ein Tagebuch führen, sich gelernte Wörter notieren und die Gasteltern nach vorbereiteten Fragebogen interviewen. «Die Familien geben sich unheimlich viel Mühe», sagt Karin Widmer. Immer wieder kommt es vor, dass sich zwischen St. Galler und Genfer Familien Freundschaften entwickeln und sie sich danach gegenseitig einladen oder Ausflüge miteinander machen.

Und genau so stellen sich die Initianten des Genfer Mundartprojekts die künftigen Beziehungen in die Deutschschweiz vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2012, 14:31 Uhr

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