Wie der ungebremste Erdölboom die zaghafte Energiewende ausbremst

Saudiarabien, die USA und Russland treiben ihre Erdölindustrien zu neuen Förderrekorden an. Der ungebremst wachsende globale Energieverbrauch basiert zu 80 Prozent auf fossilen Ressourcen.

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(Bild: zvg/BP, Erdölvereinigung, Bundesamt für Energie)

Jürg Steiner@Guegi

Kurz vor Weihnachten hiess das eidgenössische Parlament unter einigem Begleitgetöse einen Vorstoss gut, der es Läden verbietet, nach der Kasse die weissen Gratis-Plastiksäcklein weiterhin abzugeben. Die Befürworter des Verbots argumentierten unter anderem, die Erdölverschwendung bekämpfen zu wollen.

Ein Verzicht ohne Schmerzen: Praktisch in allen Gütern, die man – mit oder ohne Säcklein – nach Hause trägt, stecken mehr Erdölbestandteile – in Medikamenten, Handys, Outdoorbekleidung, Kosmetika, Waschmitteln. Und natürlich in Nahrungsmitteln: Zur Herstellung eines Kilogramms Gewächshaus-Peperoni etwa, im Winter ein beliebter Vitaminspender, werden sieben Deziliter Erdöl verbraucht.

In Statistiken fällt das Erdöl, das wir in Alltagsgegenständen und Nahrungsmitteln verbrauchen, mengenmässig kaum auf. Aber: Bei diesen Dingen auf Erdöl verzichten zu müssen, würde stärker schmerzen als beim Plastiksäcklein.

5 Liter pro Tag

60 Prozent des schweizerischen Erdölverbrauchs fällt auf den Vekehr. Seit Jahren verbrennt die Schweiz zwischen 11 und 12 Millionen Tonnen Erdöl pro Jahr – von einem substanziellen Rückgang ist nichts zu sehen. Das sind 5 Liter pro Kopf und Tag. Im ganzen Land täglich etwa 38 Millionen Liter. Oder pro Woche fast eine Supertankerladung.

55 Prozent ihres gesamten Energiebedarfs deckt die Schweiz derzeit mit Erdöl – weit über dem globalen Durchschnitt. Der Anteil sinkt zwar leicht – aber eine klimaverträgliche Energiewende weg von nicht erneuerbaren Ressourcen, die der Bundesrat seit dem Atomunfall in Fukushima anstrebt, hat erst in die politische Rhetorik Eingang gefunden. Die Realität sieht anders aus. Global betrachtet ist das Erdölzeitalter erst recht nicht vorbei. Man hat eher den Eindruck, es breche gerade so richtig an.

Knappheit? Nein, Überfluss!

Vor drei Tagen präsentierte der Energiekonzern BP in London seinen jährlich erscheinenden «Energy Outlook 2030», in dem er das Wachstum des globalen Energieverbrauchs und die Veränderung des Energiemixes für die nächsten 20 Jahre prognostiziert. In der Videokonferenz hielt BP-CEO Bob Dudley fest: «Unser weltweiter Ausblick bestätigt, dass vor kurzem für unverrückbar gehaltene Gewissheiten auf den Kopf gestellt werden. Die Angst, dass uns das Erdöl ausgehen könnte, erscheint immer unbegründeter.»

BP untermauert die Vision eines endlosen Erdölzeitalters mit einer Zahlentirade. Weltweit wurde noch nie so viel Öl verbraucht wie heute – unvorstellbare 88 Millionen Fass (à 159 Liter) pro Tag. Das sind 44 gefüllte Supertanker. Doch das Ende der Fahnenstange ist noch längst nicht erreicht. Bis 2030 wird die Welt laut BP trotz einkalkulierter Effizienzsteigerung 36 Prozent mehr Energie brauchen als heute.

Die globale Pro-Tag-Ölnachfrage wächst deshalb gemäss den BP-Prognosen in den nächsten 20 Jahren um weitere 16 Millionen Fass – angetrieben vor allem durch den Energiehunger in Turbostaaten wie China, Indien oder Brasilien. Der Ölanteil am künftigen Energiemix werde zwar leicht sinken, weil die Zuwachsraten vor allem beim Gas noch höher seien. Zusammen werden die fossilen Ressourcen (Öl, Gas, Kohle) auch in 20 Jahren noch 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken. Erneuerbare Energieformen kommen gemäss BP trotz starkem Wachstum per 2030 auf nicht einmal 10 Prozent.

55 Jahre, mindestens

Die Verlängerung des Erdölzeitalters möglich machen revolutionäre Veränderungen bei der Erdölförderung: Trotz des unaufhaltsam wachsenden Verbrauchs nehmen ständig auch die verfügbaren Reserven zu. Die BP-Prognosen hören sich an, als wäre Erdöl keine endliche Ressource. Noch nie war der von der Erdölindustrie prognostizierte Zeitpunkt, zu dem das Erdöl wohl doch ausgehen wird, so weit von der Gegenwart entfernt wie heute.

Auf mindestens 55 Jahre hinaus sei gesichert, dass Erdöl im heutigen Ausmass verfügbar sei, sagt BP. Diese Reservenreichweite variiert zwar je nach Quelle, der BP-Ausblick liegt etwa in der Mitte. Unbestritten ist: Dass die Vorräte länger anhalten sollen, ist nicht darauf zurückzuführen, dass die Welt sparsamer mit Erdöl umgeht. Sondern darauf, dass neue Technologien es möglich machen, Vorräte in schwierigen geologischen Lagen überhaupt auszubeuten.

Fracking in the USA

Das führt zu einem Erdölschock unter umgekehrten Vorzeichen – hervorgerufen nicht durch Knappheit, sondern durch neu sprudelnde Quellen. Wichtigster Profiteur dieser Entwicklung sind die USA. Ende letzten Jahres meldeten sie ein neues Allzeithoch ihrer Erdölförderung. Die Vereinigten Staaten verfügen in mächtigen Schiefergesteinsschichten über grosse, sogenannte unkonventionelle Ölvorräte, die aber nur mit aufwendiger Fracking-Technik gewonnen werden können – indem riesige Mengen Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst werden, um das Öl herauslösen zu können.

Der seit einem Jahrzehnt historisch hohe Ölpreis – heute liegt er bei über 100 Dollar pro Fass – führt zwar dazu, dass die Nachfrage nach Öl in den hoch entwickelten Industrieländern eher sinkt. Stärker ins Gewicht fällt aber, dass mit dem konstant hohen Preis unkonventionelle Lagerstätten kommerziell interessant werden. Investoren sehen in Technologien wie Fracking zum Abbau schwierig gelagerter Vorräte hohes Renditepotenzial. Damit erhalten Erdölfirmen die finanziellen Mittel, Vorräte, die vor kurzem gar nicht in Betracht gezogen wurden, in grossem Stil anzuzapfen. Was inzwischen sogar den Anstieg des Ölpreises bremst.

Die Renaissance der Erdöleuphorie verteilt die Macht im globalen Energiepoker neu. Nach den Prognosen von BP werden die USA demnächst Saudiarabien und Russland (das 2012 so viel Öl förderte wie noch nie) als grösste Produzenten überholen – wobei die Saudis in etwa zehn Jahren die Spitzenposition zurückerobern werden.

Bonanza in vollem Gang

Kanada, das vorbeugend aus den Kyoto-Vereinbarungen zum Klimaschutz ausgetreten ist, verfügt über riesige Lager ölhaltiger Teersande, deren Nutzung neuerdings wirtschaftlich Sinn macht. Die Kanadier rücken damit in die Zehnbestenliste der Länder mit den grössten Reserven auf und werden zum Global Player im Erdölbusiness. Ebenso wie Brasilien, das auf Biotreibstoffe aus Zuckerrohr und Mais sowie Offshore-Bohrinseln setzt, um Öl aus grosser Meerestiefe zu fördern. Auf der anderen Seite werden schnell wachsende Boomländer wie China und Indien, die für das Verbrauchswachstum hauptverantwortlich sind, in wachsendem Mass von den Förderländern abhängig.

Die globale Erdölbonanza ist alles andere als vorbei. In sechs Wochen stimmt der Kanton Bern darüber ab, ob er sich darauf verpflichten will, auf erneuerbare Energien zu setzen. Die Regierungen der Schweiz, aber auch Deutschlands haben die Ambition, gleichzeitig aus den fossilen Energieträgern und der Atomkraft auszusteigen. Weltweit gesehen aber gibt die Erdölindustrie unangefochten den Tarif durch: Die Vision, dass das Wachstum der globalen Wirtschaft eigentlich nur mit Öl befeuert werden kann, bleibt unangetastet.

Die Folgen des Rauschs

Allerdings nur scheinbar, wendet Daniele Ganser ein. Der Basler Historiker setzt sich seit Jahren intensiv mit dem Erdölbusiness auseinander und hat im Herbst 2011 das Swiss Institute for Peace and Energy Research (Siper) gegründet, um den globalen Kampf ums Erdöl zu dokumentieren. Im letzten Herbst publizierte Ganser nach ausführlichen Recherchen das kenntnisreiche Buch «Europa im Erdölrausch», nach dessen Lektüre man den BP-Energieausblick mit andern Augen sieht.

Eigentlich, sagt Ganser auf Anfrage, habe das Erdöl seinen Zenit als Antreiber der Weltwirtschaft bereits vor sechs Jahren überschritten. 2006 sei ein Fördermaximum von 70 Millionen Fass pro Tag aus konventionellen, einfach anzuzapfenden Quellen erreicht worden, und das habe seither nicht mehr gesteigert werden können. «Das ist ein absolut entscheidender Moment», hält Ganser fest. Denn: Wenn die Ausbeute aus einfach und effizient nutzbaren Quellen stagniere und mit der Zeit sogar rückläufig werde, müsse die Erdölbranche das künftige Verbrauchswachstum in zunehmendem Mass mit unkonventionell gewonnenem Öl decken. Und das bedeute «mehr finanzielles und ökologisches Risiko und wachsende Gefahr von bewaffneten Konflikten um Ölquellen».

Was Ganser meint, lässt etwa am neuen kanadischen Erdölboom illustrieren. Teersand wird – beispielsweise in der Provinz Alberta – im Tagbau auf immensen Feldern gewonnen. Weil der dünne Ölfilm, der jedes Sandkorn umgibt, gelöst werden muss, wird der Sand nach dem Abbau erhitzt und danach mit Wasser und Chemikalien behandelt. Wie Ganser ausführt, muss man einen Liter Öl aufwenden, um zwei Liter Öl aus Teersand zu gewinnen – eine katastrophale Bilanz.

Aus ökologischer Sicht besteht eine massive Gefahr von Grundwasserverschmutzung. Und sozial schürt die Abbaumethode Konflikte, weil sie auf den Territorien der First Nations, der kanadischen Indianer, stattfindet. Die Häuptlinge intervenierten vor zwei Wochen in Ottawa beim kanadischen Premierminister – ohne Resultat.

Sündhaft teure Fiktion

«Dass uns das Erdöl nicht ausgeht, bleibt eine Fiktion», sagt Daniele Ganser. Was im Moment weltweit passiere, sei eine sehr teure Strategie, «der Ölknappheit, für die uns jede Vorstellung fehlt, noch ein paar Jahre zu entgehen». Die Fiktion kostet auch die Schweiz viel: Seit 40 Jahren ist der Erdölverbrauch in der Schweiz praktisch konstant. 1990 zahlten Schweizerinnen und Schweizer für Erdölprodukte 9,5 Milliarden Franken, 2008 für die gleiche Menge fast 21 Milliarden. «Es wäre sicher schlauer gewesen, einige Milliarden in Energieeffizienz und erneuerbare Energien zu stecken, als sie für immer teureres Erdöl aus dem Land fliessen zu lassen», sagt Daniele Ganser.

Die globale ölwirtschaftliche Logik funktioniert ganz anders. Je teurer das Erdöl, desto mehr wird gefördert. Jede neu ausgebeutete Erdöllagerstätte bedeutet allerdings auch, dass bei der Verbrennung Treibhausgase erzeugt werden, die man bei Klimaerwärmungsprognosen bisher nicht in Rechnung hatte. Selbst die Erdölfirmen sind heute der Ansicht, dass erst die beschränkte Kapazität der Atmosphäre, CO2 zu absorbieren, den Ölboom bremsen wird.

Dereinst. Vielleicht.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch

Das Buch: Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch. Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit. Orell Füssli, 2012. 414 Seiten. 34.90 Franken.

Berner Zeitung

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