Wie Politiker Familie und Beruf unter einen Hut bringen

Vier Politikerfamilien mit unterschiedlichen Konstellationen gewähren im Hinblick auf die Abstimmung vom 3. März Einblick in ihren Alltag. Sie zeigen auf, wie sie die Kinderbetreuung organisiert haben.

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Das Power-Couple: «Für unsere spezielle Situation gibt es keine staatliche Rundumbetreuung – zu Recht»

CVP-Generalsekretärin Béatrice Wertli arbeitet 80 Prozent, ihr Mann, Preisüberwacher Stefan Meierhans, Vollzeit. Für die Betreuung der beiden Töchter brauchts ein gutes soziales Netz und bedarfsgerechte Tagesstrukturen.

Der Hauptsitz der CVP Schweiz liegt ab vom Schuss. Im beschaulichen Berner Obstbergquartier scheint Bundeshausbern weit weg. Und doch passt die Lage zur Partei mit Kernkompetenz Familienpolitik: Die Zentrale liegt an einer Spielstrasse, Tempo 20. Vor allem passt die Lage perfekt für die Hausherrin: Generalsekretärin Béatrice Wertli wohnt fünf Fussminuten entfernt, die Kita der beiden Töchter liegt um die Ecke.

«Kurze Wege sind für uns sehr wichtig», sagt Wertli, «denn lange Wege verkürzen die Familienzeit.» Darum haben sich die Aargauerin und ihr Ehemann, Preisüberwacher Stefan Meierhans, für die überschaubare Stadt Bern als Wohnort entschieden. Wertli und Meierhans sind ein Power-Couple. Er arbeitet 100 Prozent, sie 80 – beide in exponierten Jobs mit Verpflichtungen auch am Abend und am Wochenende. Hinzu kommen ehrenamtliche Engagements: Wertli politisiert im Berner Stadtrat. Wer da noch ein Familienleben haben will, muss es sich in der Agenda reservieren.

Familienzeit ist bei Wertlis jeden Morgen von 6 bis etwa 8 Uhr. An vier Tagen pro Woche gehen die bald dreieinhalbjährige Lena und ihre zweijährige Schwester Sophie von halb neun bis halb sechs Uhr in die Kita. «Zudem hilft uns unser grosses soziales Netz», sagt Wertli. Dazu gehören Eltern, Gotten und Götti sowie Freunde – viele mit gleichaltrigen Kindern. Mit dieser Unterstützung lassen sich Familie, Beruf und Politik vereinbaren, sagt Wertli. «Für unsere spezielle Situation gibt es keine staatliche Rundumbetreuung – zu Recht.»

Momentan ist die Situation für die Familie Wertli-Meierhans ideal. Doch wenn dereinst der Kindergarten ruft, werden die Probleme beginnen: Es gibt keine lückenlose Tagesstruktur. Das sei schweizweit ein Problem. Wertli verweist auf Frankreich, wo die Kinder den ganzen Tag in der Schule verbringen und von den Klassenlehrern betreut werden.

«Das gibt es in der Schweiz lückenlos praktisch nur an Privatschulen», sagt Wertli. «Noch haben wir keine Lösung für unser Problem – aber wir haben ja noch etwas Zeit», sagt Wertli. Vielleicht finde sich im Quartier eine Lösung im Turnus mit anderen Eltern. «Wir sind privilegiert und können das notwendige Geld für die familienexterne Betreuung aufbringen», sagt Wertli.

«Doch jenen, die sich das nicht leisten können, muss der Staat mit geeigneten Strukturen helfen.» Das gelte insbesondere für Leute, welche nicht die Wahlfreiheit hätten, ob sie arbeiten gehen wollten. Die Frage, ob man Kinder haben wolle, dürfe sich doch nicht auf das Geld reduzieren. «Das wäre ein Armutszeugnis für eines der reichsten Länder der Erde», erklärt die CVP-Frau.

Wertli findet es «traurig», dass sich die Diskussion zum Familienartikel vor allem um die Kosten dreht. «Und selbst wenn es etwas kostet!», entrüstet sich Wertli. Ein Ja am 3.März wäre für sie vorab ein wichtiges Signal: «Wir fördern in der Schweiz so viele Dinge – nur die Familie ist uns nichts wert.» azu

Die Alleinerziehende: «Würden wir das Parlament neu gründen, kämen wir kaum auf diesen Sitzungsplan»

SP-Nationalrätin Chantal Galladé ist alleinerziehende Mutter einer achtjährigen Tochter. Dass sie zu ganz unterschiedlichen Zeiten von zu Hause weg ist, erfordert bei der Kinderbetreuung Flexibilität.

Mutter, Studentin, Nationalrätin: Chantal Galladé war alles gleichzeitig. Weil man als Parlamentarierin im Mutterschaftsurlaub nicht einfach eine Stellvertretung nach Bern schicken kann, war Galladé nach der Geburt ihrer Tochter schnell wieder im Rat anwesend. «Als ich im dritten Monat schwanger war, liess ich mich auf die Warteliste für einen Krippenplatz setzen», erzählt sie.

Ihre Tochter war neun Monate alt, als ein Platz frei wurde. Zwei Tage in der Woche verbrachte das Kind in der Krippe. Als alleinerziehende Erziehungswissenschafterin hat Galladé diese Lösung nicht nur aus organisatorischen Gründen gewählt: «Ich finde Krippen sinnvoll.» Dort habe ihre Tochter Kontakt zu anderen Kindern gehabt und viel lernen können. Qualitativ gute Krippen sind Galladé ein grosses Anliegen. «Damit meine ich nicht übertriebene Ansprüche an die Infrastruktur, sondern eine Betreuung, bei der sich die Kinder optimal entwickeln können.»

Galladés Mutter wohnt ganz in der Nähe der SP-Nationalrätin. «Das ist für uns alle ideal», so Galladé. Die Mutter übernimmt einen grossen Teil der Betreuung. «Ich bin ein Spezialfall, weil ich zu ganz unterschiedlichen Zeiten weg bin», sagt die Winterthurerin. Für die Sessionen reist Galladé viermal im Jahr für drei Wochen nach Bern. Das deckt keine Krippe ab.

Doch nicht nur für Eltern, sondern auch für Parlamentarier mit anderen Verpflichtungen sei dieser Rhythmus schwierig. «Würden wir das Parlament heute neu gründen, kämen wir kaum auf diesen Sitzungsplan.» Mit einer parlamentarischen Initiative forderte Galladé eine neue Lösung mit mehr Regelmässigkeit, fand dafür aber keine Mehrheit.

Inzwischen ist ihre Tochter acht Jahre alt und besucht eine Tagesschule bis 16 Uhr. Neben der Mutter helfen sich Eltern in ihrem Freundeskreis oder der Nachbarschaft gegenseitig bei der Betreuung aus. Dass Familien eine Eigenverantwortung tragen, streitet Chantal Galladé nicht ab, im Gegenteil.

Zu dieser Verantwortung gehöre aber, dass Eltern sich im Arbeitsmarkt bewegen und dass sich ihre Kinder gut entwickeln können. Man müsse den Familien ermöglichen, die Verantwortung zu tragen: «Krippen sind ein Mittel zur Wahrnehmung der Eigenverantwortung.» Galladé verweist auch auf eine Kollektivverantwortung dafür, dass Kinder in der Schweiz gut aufwachsen können.

Haben Mutterpflichten die Karriere der 40-Jährigen gebremst? Galladé überlegt. «Ich war nicht gleich flexibel wie andere», sagt sie dann. Sie konnte nicht immer alle Veranstaltungen besuchen. Wurde kurzfristig irgendwo eine Sitzung anberaumt, musste sie umorganisieren. «Aber ich habe dadurch gelernt, Prioritäten zu setzen.» bw

Der Teilzeit-Hausmann: «Wer so leben will, muss ständig kämpfen»

SP-Nationalrat Matthias Aebischer ist Teilzeithausmann, seine Frau arbeitet zu 50 Prozent als Kindergärtnerin. Die vier Töchter zu betreuen, wird für das Ehepaar mitunter zur logistischen Herkulesaufgabe – immer wieder muss das Umfeld einspringen.

Risotto mit Lammfleisch. Das kocht Matthias Aebischer gleich, wenn seine Frau Patricia mit der gemeinsamen 4-jährigen Tochter nach Hause kommt. Denn das ist sein Job – zumindest teilzeitlich: Der SP-Nationalrat teilt sich Haus- und Betreuungsarbeit mit seiner Frau, die als Kindergärtnerin arbeitet.

Das Teilzeitprinzip gilt im Hause Aebischer aber auch in anderer Hinsicht: In der zweiten Wochenhälfte verdoppelt sich nämlich jeweils der Familienbestand. Dann leben auch die Kinder aus den früheren Beziehungen beim Berner Ehepaar – drei Töchter, 11, 14 und 19 Jahre alt. «Wir sind eine bunte Patchworkmischung», kommentiert Aebischer.

Organisation und Koordination der Kinderbetreuung werden da freilich immer wieder zur logistischen Herkulesaufgabe. Zwar sind in Bern die Wege kurz: Alle Patchwork-Beteiligten wohnen im Marziliquartier, auch Kita und Schule liegen hier. Doch das Politikerleben ist unregelmässig – auch während der Sessionen.

Organisatorisch sei es daher einfacher gewesen, als er noch beim Fernsehen gewesen sei, sagt Aebischer. Da hatte er fixe Arbeitstage. «Aber dafür keine freie Minute.» Ob damals oder heute: Ohne grosses, gut funktionierendes soziales Umfeld wäre das kaum zu schaffen, weiss Aebischer. Immer wieder müssen Eltern, Freunde, Nachbarn einspringen.

Die 4-Jährige geht an zwei Tagen in die Kita. «Das fördert die Sozialkompetenz», ist der SPler überzeugt. Er habe das auch bei den beiden mittleren Töchtern beobachtet. Die gehen längst zur Schule. Weil Aebischers Politikeragenda viel Unvorhersehbares bringt, kommt es aber immer wieder vor, dass sie bei Schulgspänli daheim Aufgaben machen müssen, bis er sie abholen kann.

Der 45-Jährige praktiziert das Teilzeitmodell seit 14 Jahren. Sein Fazit: So einfach, wie es sich Vorkämpferinnen wie seine Mutter – selbst eine SP-Frau – immer propagiert hätten, sei es nicht: «Wer so leben will, muss ständig dafür kämpfen.» Denn noch immer sei der gesellschaftliche Alltag ganz auf die traditionelle Rollenverteilung ausgerichtet.

Viele in seinem Freundeskreis seien daher dazu zurückgekehrt. Darin sieht Aebischer nichts Falsches. Er weiss auch, dass er privilegiert ist, weil er die Wahl hat, so zu leben, wie er will. Doch genau diese Wahl müsse der Staat allen ermöglichen und dafür die geeigneten Strukturen schaffen, findet er: «Der Familienartikel verhilft dazu – und davon profitieren letztlich alle.» pem

Betreuung zu Hause: «Jetzt ist Zeit für die Familienphase»

SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler sucht keinen Krippenplatz für ihre Tochter. Während der Märzsession bezieht ihr Mann Ferien.

Vor dreizehn Wochen hat sich das Leben von Andrea Geissbühler verändert. Die SVP-Nationalrätin ist im November Mutter geworden. Seither ist sie nicht mehr von morgens bis abends unterwegs. «Jetzt lasse ich mir von meiner Tochter den Rhythmus vorgeben», sagt sie. Es sei eine sehr intensive Zeit. Manchmal vergesse sie sogar zu essen, sagt die 36-Jährige lachend. «Aber das neue Leben ist schön. Ich sehe, wie unsere Tochter täglich Fortschritte macht.»

Sie habe lange als Kindergärtnerin und als Polizistin gearbeitet, habe reisen können und sei seit fünf Jahren in der Politik. «Jetzt ist Zeit für die Familienphase», sagt sie, «und zu dieser Phase gehört auch, verzichten zu können.» Ihre Stelle als Polizistin hat Andrea Geissbühler aufgegeben. Damit sie an der Märzsession im Parlament teilnehmen kann, bezieht ihr Mann drei Wochen Ferien.

Über Mittag oder in Notfällen kann sie nach Hause fahren, der kurze Weg von Bäriswil ins Bundeshaus macht das möglich. Auch ihre Eltern sind bereit einzuspringen. Wie es danach weitergeht, ist noch offen.«Ideal wäre, wenn mein Mann sein 100-Prozent-Pensum reduzieren könnte», sagt Geissbühler. Finde sich keine Lösung, werde sie zurücktreten.

Denn zwei Dinge sind klar: Die Tochter kommt an erster Stelle, und halbe Sachen will sie nicht machen. Es komme nicht infrage, dass sie zu oft im Parlament fehle. Ebenso klar sei es, dass ihr Kind nicht in einer Krippe betreut werden solle. Es sei das Beste für das Kind, wenn die Eltern die Erziehungsverantwortung selber wahrnehmen könnten, denn mit einer 1-zu-1-Betreuung könnten sie auf die wichtige Entwicklungsphase des Vorschulkindes wirkungsvoll Einfluss nehmen.

Sie selbst erlebte es so und schätzt es heute noch: «Unsere Mutter war für uns immer da, als wir Kinder waren.» Kleinkinder lernten über die Nachahmung. Auch könne ihr Wissens- und Bewegungsdrang in einer Gruppe mit nur einer Betreuungsperson kaum gestillt werden. Familienförderung solle vor allem Kinderförderung sein, sagt Geissbühler. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine elternlose Gesellschaft hineinschlittern.»

Deshalb lehnt sie auch den Familienartikel ab. «Anstatt Milliarden von Franken für eine flächendeckende familienexterne Kinderbetreuung auszugeben, muss dieses Geld den Familien zukommen, damit jedes Elternpaar selber entscheiden kann, wie es die Kinderbetreuung gestalten will.» bw (azu, bw, pem)

Erstellt: 06.02.2013, 12:54 Uhr

Familienartikel

Eltern sollen Familie und Beruf besser vereinbaren können. Sagt das Schweizervolk am 3. März Ja zum neuen Verfassungsartikel, müssen sich Bund und Kantone für dieses Anliegen einsetzen. Kantone werden zu einem ausreichenden Angebot an Betreuungsplätzen verpflichtet. Sie entscheiden selbst, wie sie diese Pflicht erfüllen. Kommen sie ihrer Aufgabe nicht nach, wird der Bund aktiv. Er kann beispielsweise eine gewisse Anzahl Betreuungsplätze anordnen. Das Parlament muss dazu aber zuerst ein Gesetz schaffen.

Die Gegner des neuen Artikels argumentieren, er greife zu stark in die Autonomie der Kantone ein. Sie warnen zudem vor den Folgen hoher Kosten. Die Eigenverantwortung der Familien werde geschwächt, sie würden in eine zusätzliche Abhängigkeit vom Staat getrieben.bw/pd
Parolen der Parteien:

Ja: BDP; CVP; EVP; FDP-Frauen; Grüne; GLP; SP; Junge BDP; einzelne Kantonalparteien der FDP, darunter Bern

Nein: FDP; SVP

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