Wie Linke in der Gedenkschlacht um Marignano gegen Rechte fechten

Ein Jahr vor der Gedenkfeier ist ein Deutungsstreit um die Schlacht von Marignano entbrannt. Linke Schriftsteller echauffieren sich, die SVP zelebriere Marignano im Wahljahr 2015 als mythischen Ursprung der Neutralität und Abschottung.

Unwürdige Gedenkstätte: Notdürftig überdachtes Beinhaus mit den Knochen der Gefallenen am Rand des früheren Schlachtfelds von Marignano, am Südrand Mailands.

Unwürdige Gedenkstätte: Notdürftig überdachtes Beinhaus mit den Knochen der Gefallenen am Rand des früheren Schlachtfelds von Marignano, am Südrand Mailands. Bild: Keystone

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Das Timing war gut: Die Website www.marignano.ch wurde rechtzeitig auf den Nationalfeiertag aufgeschaltet. Was man dort seit dem 1. August über die legendäre Niederlage der Alten Eidgenossen gegen Frankreichs Truppen vor den Toren Mailands lesen kann, ist allerdings ziemlich unpatriotisch. Unter dem Motto «Hurra, verloren! 499 Jahre Marignano» findet man die skeptischen Texte von 18 Schweizer Autorinnen und Autoren.

Thomas Zaugg, Journalist und Buchautor («Blochers Schweiz») schreibt etwa, dem Ausland werde «die Feier des Gemetzels von Marignano ähnlich originell vorkommen wie die Schweizer Feier des Kriegsausbruchs 1989». Und Pedro Lenz («Der Goalie bin ig») mokiert sich über die «Mythologie-Mayonnaise», die man mit Marignano, Morgarten oder Murten anrühre.

Historiker Kreis gegen Blocher

Hinter der Anti-Marignano-Offensive steht das linke Netzwerk «Kunst und Politik». Sein Kopf Guy Krneta, ein in Basel lebender Berner Autor, ärgert sich über die Feier des «grössenwahnsinnigen Gemetzels», das sich 2015 zum 500. Mal jährt. Als Sprachrohr dient ihm und anderen «Hurra!»-Autoren die linksliberale Basler Onlinezeitung «Tageswoche».

Warum interessieren sich linke Autoren plötzlich für die längst geschlagene Schlacht? Weil sich auch die Rechte dafür interessiert. Die SVP macht an der Niederlage den Beginn der Schweizer Neutralität fest. Nach den Mailänderkriegen mit den Grossmächten Frankreich, Österreich und Venedig um die Macht in Oberitalien beendete die alte Schweiz 1515 ihre Expansionspolitik. Christoph Blocher erkannte auf «Teleblocher» eine «Analogie» zwischen der damaligen Einmischung in europäische Händel und der heutigen Annäherung der Schweiz an die EU.

Über diese «rechtskonservative Instrumentalisierung» der Schlacht echauffiert sich auf Marignano.ch und in der «Tageswoche» insbesondere Georg Kreis. Der dezidierte Blocher-Gegner und frühere Präsident der Antirassismuskommission ist der Haushistoriker der «Hurra!»-Autoren. Er verweist darauf, dass die Eidgenossen nach Marignano durch einen lukrativen Friedensvertrag ganz unneutral von Frankreich abhängig wurden und im grossen Stil ins Exportgeschäft mit Söldnern einstiegen.

1515 im Licht von heute

Geschichtsdebatten sind seit dem Bergier-Bericht über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg weitgehend verstummt. Nun aber ist eine erstaunliche Deutungs- und Gedenkschlacht um Marignano entbrannt. Wie kommt das? Seit der Abstimmung über die Masseneinwanderung hat sich die Debatte über das Selbstverständnis der Schweiz und ihr Verhältnis zu Europa noch verschärft. Im Richtungsstreit zwischen «Abschottern» und «Weltoffenen» bietet sich Marignano als Orientierungspunkt an. SVP-Generalsekretär Martin Baltisser sagt es so: Seine Partei «referenziere auf Marignano im Licht der aktuellen Neutralitätsdebatte».

Linke haben nun realisiert, dass die Rechte längst gemerkt hat, wie sich aus dem Gedenken an Marignano im Wahljahr 2015 Kapital schlagen lässt. Der «Weltwoche»-Redaktor und Nidwaldner SVP-Nationalrat Peter Keller hat schon im September 2013 in einer Interpellation gefragt, wie der Bund 2015 der Schlacht von Marignano und anderer Schlachten gedenken wolle (siehe Text links oben).

Keller hat in der konservativen «Weltwoche» Marignano mehrere Artikel gewidmet. Minutiös, farbig und ohne Beschönigung beschreibt er, wie die zerstrittenen Eidgenossen in das vermeidbare Gemetzel zogen und 10000 Tote beklagten. Durch die günstigen Verträge mit Frankreich hätten sich die Verlierer aber später «wie Sieger fühlen können».

Der Jubiläums-Schlachtplan

Die SVP habe «keinen nationalen Plan» für eine Marignano-Feier, stellt SVP-Generalsekretär Baltisser klar. Den braucht sie auch nicht, denn die Fondazione Pro Marignano, die für die Feier von 2015 ein Gedenkkomitee gegründet hat, steht der SVP geistig nahe. Das ist ein weiterer Kritikpunkt der linken Autoren.

Gegründet wurde die Fondazione 1965 für das 450-Jahr-Jubiläum der Schlacht von Alt-Bundesrat Philipp Etter und konservativen Politikern und Unternehmern. Sie liessen in Zivido beim Schlachtfeld ein Denkmal errichten, dessen lateinische Inschrift das Credo festschreibt, Marignano markiere die Einsicht in die Selbstbeschränkung: «Ex clade salus» – aus der Niederlage das Heil. Mit von der Partie war auch Werner Oswald, Besitzer der Ems-Chemiewerke. Deren späterer Patron Christoph Blocher, damals 24-jährig, war 1965 Sekretär der Marignano-Feier.

Als Sprecher des GedenkfeierKomitees 2015 wirkt nun Livio Zanolari, einst Informationschef von Blocher, als dieser Bundesrat war. Er erklärt, das Komitee sei nicht parteipolitisch ausgerichtet. Zum Gerücht, Blocher werde 2015 als Festredner auf dem Schlachtfeld auftreten, sagt er: «Diesbezüglich haben wir uns noch keine Gedanken gemacht.» Im Komitee sind vor allem Tessiner aktiv, die nicht zuletzt hoffen, mit der Gedenkfeier die Aufmerksamkeit des Bundes in den Südkanton zu lenken.

Ehrenpräsident ist Alt-CVP-Regierungsrat Luigi Pedrazzini, Organisationschef Fulcieri Kistler, einst Tessiner UBS-Direktor und Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft. Im Herbst publiziert das Komitee einen Bildband. Im nächsten Jahr will es laut Zanolari Synergien mit der Weltausstellung in Mailand und den dortigen Schweizer Pavillon nutzen. Der Gedenkfeier am 500. Schlachtentag, dem 13.September 2015, geht ein Wettschiessen im Tessin voraus.

Wird das Komitee die Schlacht als Beginn der Schweizer Neutralität feiern? «Dass das Gedenken schon ein Jahr zuvor so viel Aufmerksamkeit geniesst, zeigt, dass Marignano nach wie vor eine nationale Bedeutung hat», sagt Zanolari diplomatisch. Er betont vor allem die Folgen für die Südschweiz. Die Eidgenossen weigerten sich nach der Schlacht, das Tessin an Frankreich abzutreten, und behielten so einen Fuss südlich des Gotthards.

Kein Geld vom Bund

Das Gedenkbudget beläuft sich laut Zanolari auf eine halbe Million Franken. Fast die Hälfte davon wird eingesetzt für die Sanierung des Denkmals in Zivido und des lamentablen Beinhauses im Mailänder Vorort Santa Maria della Neve. Der rund 300-jährige Bau mit den Knochen der Gefallenen wurde 2012 von einem Lastwagen gerammt und bröckelt hinter einem Baustellenzaun würdelos vor sich hin.

Woher kommt das Geld für die Gedenkfeier? Das wollte im Juni 2013 in einer Interpellation schon der Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano wissen. Er fragte, ob der Bund die Erinnerung an Marignano als «gesamtschweizerischen Beitrag an die Wehrhaftigkeit wie auch die Friedensförderung» betrachte und finanziell unterstütze. Sogar linke Tessiner SP-Nationalräte unterstützten dieses Begehren. Vergeblich.

Der Bundesrat erklärt in seiner Antwort, er sei der Meinung, dass die Schlacht «für die Wehrhaftigkeit und die Identität der Schweiz eine untergeordnete Rolle» spiele. Der Bund werde sich deshalb, wie schon bei früheren Marignano-Gedenkfeiern, finanziell nicht beteiligen. Die Fondazione hat nun laut Zanolari private Geldgeber und Kantone, «in erster Linie die 13 an der Schlacht beteiligten Kantone», angefragt.

Historiker sehen keine Zäsur

Der Bundesrat verweist in seiner Antwort noch auf die Marignano-Ausstellung im Zürcher Nationalmuseum (ab 27. März 2015). Dort hat der Maler Ferdinand Hodler 1900 sein legendäres Wandgemälde vom Rückzug der Schweizer in Marignano vollendet. Heute gilt es als nationale Ikone, damals hielt man es für allzu modern und ein zu unheroisches Abbild des Kriegs. Die Historiker weisen heute darauf hin, dass die lange vergessene Schlacht nicht zuletzt mit Hodlers Bild zum Mythos überhöht worden sei. 1515 ist für sie keine wichtige Zäsur und schon gar nicht der Beginn der Neutralität. Die Forschung legitimiert so die Zurückhaltung des Bundesrats.

Auch wenn die wissenschaftliche Debatte über Marignano beendet ist und sich der Bund heraushält: Die Gedenkschlacht um Marignano ist noch nicht fertig ausgefochten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.08.2014, 12:08 Uhr

Ferdinand Hodlers Marignano: Wandbild vom Rückzug der Eidgenossen im Landesmuseum Zürich.

Super-Jubiläumsjahr

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