Wer will Fleisch aus Südamerika?

Südamerika will mehr Fleisch nach Europa liefern. Noch sind Schweizer Bauern vor dieser Konkurrenz gut geschützt, doch eine Änderung steht zur Debatte. Diese wäre schwierig für die Bauern, hätte aber Vorteile für die Konsumenten.

31,8 Prozent des importierten Rindfleisches stammte 2016 aus Deutschland. Danach folgen Österreich und Irland. <i>Grafik: db/Quelle Agrarbericht 2017, Proviande</i>

31,8 Prozent des importierten Rindfleisches stammte 2016 aus Deutschland. Danach folgen Österreich und Irland. Grafik: db/Quelle Agrarbericht 2017, Proviande

Rindsfilet ist über die Festtage ein beliebtes Menü. Aber auch unter dem Jahr essen Schweizerinnen und Schweizer so viel Rind, dass die inländischen Tiere den Bedarf nicht abdecken. Besonders bei den teuren Stücken wie Filets oder Entrecotes sind Importe nötig.

Über Importe wird derzeit heftig diskutiert. Die EU führt mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay Gespräche über den Handel von Rindfleisch. In Lateinamerika gibt es mehr als ­genug Rinder, und ihre Besitzer sind auf Exporte angewiesen. Gern würden sie noch mehr Tiere halten und noch mehr Fleisch nach Europa liefern.

Ihr Anliegen dürfte auch hierzulande zum Streitpunkt werden, wenn die Schweiz mit den vier Ländern – diese bilden einen gemeinsamen Markt (Mercosur) – über Handelsbeziehungen debattiert. Denn beim Thema Fleischimporte prallen die unterschiedlichsten Interessen aufeinander.

Die Konsumenten

Konsumenten würden bei einem solchen Handelsabkommen von tieferen Preisen profitieren. Rindfleisch – auch inländisches – würde billiger. Derzeit sind die Preise durch den Grenzschutz bestimmt, auch wenn man bereits Rindfleisch aus Uruguay oder Brasilien kaufen kann.

Das ausgeklügelte System ist so ge­regelt, dass die Fleischbranche unter sich abmachen kann, wie viel Fleisch aus dem Ausland in die Schweiz kommen soll. Sie beantragt dem Bund die nötige Importmenge. Der Bund stellt auf Basis dieses Antrags Kontingente aus, welche Metzgereien, Grossverteiler und andere Markt­akteure erhalten oder ersteigern können.

Im Rahmen ihrer Kontingente importieren die Metzgereien und Grossverteiler anschliessend Rindfleisch zu einem niedrigen Zoll aus dem Ausland, schlagen eine Marge darauf und verkaufen es in der Schweiz.

Offenbar ist das ein lukratives Geschäft, denn Tim Kränzlein vom Bundesamt für Landwirtschaft sagt: «Die Kontingente sind sehr beliebt.» Der Bund hat sie Ende 2016 analysieren lassen. Dabei zeigte sich, dass die Metzgereien und Grossverteiler die Kontingente dann einsetzen, wenn einheimisches Fleisch knapp ist – also dann, wenn die Preise ansteigen.

Die Importmenge steuern sie anschliessend so, dass sowohl der Preis für inländisches als auch für ausländisches Fleisch nicht etwa zusammenfällt, sondern hoch bleibt. Das gelingt ihnen auch deshalb, weil der Bund Rindfleisch, das ausserhalb der Kontingente eingeführt wird, mit so hohen Zöllen belegt, dass sich der Import auf diesem Weg nicht lohnt.

Die Bauern

Selbst der Bauernverband bestätigt: Rind- und Kalbfleisch seien gut geschützt, das bestehende Importsystem stabilisiere die Preise. Der Verband betont zwar, dass vor allem die Metzgereien und Grossverteiler von hohen Margen profitieren und nicht die Bauern.

Trotzdem setzt er sich vehement für den Erhalt des bestehenden Grenzschutzes ein. Von möglichen Szenarien einer Lockerung, wie sie der Bundesrat im November skizziert hat, will der Verband nichts wissen.

In einem dieser Szenarien geht der Bundesrat vom Zustandekommen eines Handelsabkommens mit den Mercosur-Staaten aus. Das Rindfleisch im Laden würde billiger, die Margen für Metzgereien und Grossverteiler gingen zurück, und die Bauern selbst müssten mit bis zu 18 Prozent tieferen Preisen rechnen.

Die Grossverteiler

Die Migros importiert mehrere Hundert Tonnen Rindfleisch jährlich, auch aus Mercosur-Staaten. Der Grossverteiler ist überzeugt, dass der Grenzschutz früher oder später unter Druck gerät. Fleisch sei in der Schweiz deutlich teurer als in der EU. Die Preisabstände seien zu gross, und der Einkaufstourismus werde massgeblich von den Preisdifferenzen beim Fleisch angetrieben.

Die Branche müsse sich auf einen Abbau des Grenzschutzes vorbereiten, dazu seien aber Begleitmassnahmen nötig. Dem widerspricht der Bundesrat nicht. In seinem Bericht vom November hält er fest, dass die Landwirtschaft offenere Märkte bewältigen kann, wenn man sie entsprechend unterstützt.

Die OECD empfiehlt einen schrittweisen Abbau des Grenzschutzes: Man könne beispielsweise etappenweise die hohen Zölle ausserhalb der Kontingente senken und die Kontingente ­vergrössern. So bleibe den Bauern Zeit, um sich an die neuen Marktverhältnisse anzupassen, schreibt die Organisation in einem kürzlich veröffentlichten Bericht.

Der Bauernverband will davon nichts wissen. Für ihn ist der Grenzschutz «eine der wichtigsten agrarpolitischen Massnahmen für die einheimische Landwirtschaft überhaupt». Ohne ­Zölle könne einheimisches Rindfleisch nicht mit jenem aus Brasilien oder Argentinien konkurrenzieren. Dies deshalb, weil die Schweizer Landwirtschaft höhere Anforderungen erfülle als jene der Mercosur-Staaten, insbesondere im Tierschutz.

Der Tierschutz

Viele Konsumenten achten beim Einkauf von Rindfleisch nicht nur auf den Preis, sondern auch auf das Tierwohl. Wie stünde es damit, wenn sich die Schweiz auf ein Abkommen mit Mercosur-Staaten einliesse? Migros-Vertreter betonen: Was das Tierwohl angehe, so lasse sich in den südamerikanischen Ländern durchaus nach Schweizer Standards produzieren.

Die Migros habe diesbezüglich vorbildliche Betriebe begutachtet. Teilweise ­seien die Rinder von der Geburt bis zur Schlachtreife auf Weideland. Wenn sie zusätzlich gefüttert würden, dann nur mit wenig Getreidemischungen.

Hansuli Huber, Geschäftsführer beim Schweizer Tierschutz (STS), streitet dies nicht ab: «Es gibt sie, diese grossen Weideflächen und die naturnahe Weidemast», sagt er. Aber dann fügt er Punkte an, die einer tierfreund­lichen Haltung widersprechen: Südamerika kennt auch lange Schlachttiertransporte sowie sogenannte Feedlots.

In diesen Einrichtungen werden die Tiere die letzten Monate ihres Lebens intensiv mit Kraftfutter gemästet. «Die Feedlots sind nicht tierfreundlich», sagt Huber, und auch die Migros schreibt auf Anfrage: Dort würden Rinder unter freiem Himmel auf unbefestigten Flächen dicht beieinander gehalten. Das führe zudem zu hohen Emissionen, die den Tieren und der Umwelt schaden könnten.

Huber fügt an, es sei oft schwierig, in südamerikanischen Ländern Transparenz über die Tierhaltung herzustellen. Der STS sei nicht gegen Importe, fordere aber, dass bei Handelsgesprächen sowohl der Tierschutz als auch die Ökologie auf den Tisch ­kämen.

Der Umweltschutz

Dass es auch bei der Schweizer Fleischproduktion mit der Ökologie nicht immer zum Besten steht, ist bekannt. So importiert die Landwirtschaft Futtermittel, und gewisse Weiden sind überdüngt. In den Mercosur-Staaten sind die Probleme anders gelagert. Umweltorganisationen kritisierten schon vor Jahren, dass in Südamerika der Regenwald der Rinderzucht weichen müsse.

Jetzt, da EU und Mercosur verhandeln, doppelt Greenpeace nach und warnt, dass die Viehzucht wichtige Ökosysteme ­bedrohe. So plane Argentinien, seine Rindviehbestände massgeblich zu vergrössern, hauptsächlich mit dem Ziel, mehr Fleisch nach Europa und China exportieren zu können.

Damit seien wertvolle Flächen bedroht. In Brasilien seien grosse Gebiete von Regenwald und Savanne der Viehzucht geopfert worden, auch für den Anbau von Sojabohnen, die als Tierfutter dienen würden.

Hansuli Huber vom Schweizer Tierschutz sagt: «Man müsste von Schweizer Rindern halt das ganze Tier verwerten, statt nur Edelstücke zu essen.» Dann könnte man in der Schweiz genügend und qualitativ hochwertiges Rindfleisch mit naturnaher Weidemast produzieren, ist er überzeugt.

Der Geschmack

Dass südamerikanisches Rindfleisch nicht nur qualitativ hochstehend, sondern inländischem geschmacklich sogar deutlich überlegen sein kann, zeigt ein Test: Die Sendung «Kassensturz» von SRF hat diese Woche die Resultate einer Entrecote-Degustation präsentiert.

Bei zwei Produkten aus Argentinien war auf der Packung der Hinweis angebracht, dass wachstumsfördernde Antibiotika eingesetzt werden können. In der Schweiz und in der EU ist Antibiotika zur Wachstumsförderung verboten.

Die Resultate der Degustation liefern allerdings Argumente für eine Lockerung des Grenzschutzes: Zwei Produkte aus Argentinien erhielten die besten Noten und zu Geschmack sowie Aroma lobende Kommentare wie intensiv, nussig und würzig.

Berner Zeitung

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