«Wenn es andere besser können, sollen sie es machen»

Der SRG-Generaldirektor Roger de Weck weibelt fast im Alleingang für das neue Inkassosystem für Radio und TV. Er verteidigt die 1,2 Gebührenmilliarden für die SRG und erklärt, warum «The Voice» Service public ist, «Der Bachelor» aber nicht.

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Adrian Zurbriggen@hollerazu
Peter Meier@bernpem

Herr de Weck, wie viele Interviews und Auftritte haben Sie im Abstimmungskampf absolviert?
Roger de Weck: Ich gebe keine Interviews über meine Interviews.

Haben Sie damit gerechnet, dass Sie sich so engagieren müssen?
Es geht darum, ein veraltetes, bürokratisches Gebührensystem durch ein neues zu ersetzen, das einfacher und günstiger ist. Es ist normal, dass ich mich dafür einsetze.

Bloss haben Sie sich verschätzt: Es geht jetzt um die SRG und den Service public – es läuft nicht wie gewünscht.
Das ist Ihre Interpretation.

Wie sehen Sie es denn?
Ich finde es gut, dass sich das Volk erstmals in der Mediengeschichte zu einer Gebührenreform äussert.

Trotzdem beklagen Sie ein angebliches SRG-Bashing.
In den Zeitungen erscheinen zehnmal mehr Artikel über die SRG als über die Volksinitiative für eine Erbschaftssteuer. Wenn das kein Zeichen ist.

Wofür?
Dass die Presse in eigener Sache hochsensibel ist.

Die Zeitungen gehen davon aus, dass die SRG die Leute interessiert.
Zehnmal mehr als die Erbschaftssteuer? Eine solche Priorisierung der Themen fällt auf.

Das gilt auch für Ihre Reaktion: Kritische Fragen zur SRG und ihrem Service public wischen Sie als Bashing beiseite.
Ich debattiere gern über die SRG – und gern auch über die Vorlage: Die Gebühr sinkt von 450 auf unter 400 Franken. Wer im Heim wohnt, zahlt nichts mehr. Wer kein Empfangsgerät hat, zahlt bis 2023 nichts. Wer eine Zweitwohnung hat, zahlt nicht mehr doppelt. Die Billag erhält weniger Geld, ihre Kontrollen fallen weg. Das revidierte Radio- und Fernsehgesetz bringt Vorteile auch für Firmen: 75 Prozent zahlen nichts, weitere 9 Prozent weniger als heute, und künftig nur einmal statt wie heute pro Betriebsstätte. Und: 34 private Radio- und Fernsehsender erhalten mehr Geld, während der Anteil der SRG an den Gebühreneinnahmen sinkt.

Warum steht die Vorlage trotzdem so im Gegenwind?
Dass sich SRG-Kritiker zu Wort melden, ist selbstverständlich. Die einen wollen den Service public abbauen oder abschaffen. Den anderen passt das eine oder andere Programm nicht. Jeder hat Erwartungen an die SRG und Vorlieben. Keine Zeitung und kein Sender hat lauter Freunde, denn es gehört zu unserem Beruf, anzuecken.

Bezeichnend für die Stimmung ist der Ärger einzelner Politiker über die Umstellungen beim Polittalk «Arena». Gefällt Ihnen das neue Konzept?
Wir stimmen am 14. Juni nicht über die «Arena» ab.

Darum sagen Sie nichts dazu?
Mich überzeugt die «Arena». Sie hat sich weg von der Show und dem Showdown entwickelt, hin zu einer strukturierten, sachlichen Diskussion. Hinzu kommt der Faktencheck durch Fachleute: Das ist wichtig in einer Zeit, in der Argumente frei erfunden werden wie auch jetzt im Abstimmungskampf.

Sagen Sie so was den «Arena»- Verantwortlichen auch direkt?
Ich greife nicht in Sendungen ein. Aber viele Redaktionen laden mich zur Sendekritik ein. Der beste Rat ist der, der geholt wird – nicht der, den man ungebeten bringt.

Als SRG-Generaldirektor müssen Sie eine riesige Palette an Kanälen und Angeboten überblicken. Wie schaffen Sie das?
Dank meines schielenden Auges habe ich den umfassenden Überblick… Im Ernst, meine Hauptaufgabe ist die Arbeit an der Unternehmensstrategie.

Welchen Anteil haben die SRG-Programme an Ihrem Medienkonsum?
Den Löwenanteil – viele Sendungen höre oder schaue ich via Internet unterwegs im Zug.

Schauen Sie sich den «Bestatter» an?
Von A bis Z.

Dann erklären Sie uns doch mal anhand des «Bestatters», was der Service public ist.
Dazu drei Punkte: Sendungen sind teuer, die Kosten lassen sich auf dem kleinen Schweizer Markt nicht einspielen: 90 bis 95 Prozent unseres Angebots wären für private Sender ein Verlustgeschäft. Auch mit dem «Bestatter» ist kein Geld zu verdienen, trotz seines Riesenerfolgs. Wir investieren Jahr für Jahr 40 Millionen Franken in Schweizer Filme und Serien. Eine zweite Aufgabe ist es, zum eidgenössischen Zusammenhalt beizutragen. Dank des Finanzausgleichs innerhalb der SRG haben die französische und die italienische Schweiz ein ebenso gutes Radio und TV wie die Deutschschweiz. Und: Intensiv berichten wir über die anderen Landesteile.

Und der dritte Punkt?
Wer mit minimalem Aufwand ein maximales Publikum erreichen will, macht Boulevard! Kommerzielles Fernsehen ist fast immer Boulevard. Anders die SRG: Sie bringt nicht nur das, was beim Publikum «zieht», sondern auch das, was relevant ist. Relevantes journalistisch interessant aufzubereiten, das ist die Kunst! Unser Programm unterscheidet sich radikal von dem eines Kommerzsenders: Keiner würde zur besten Sendezeit ein Wissenschaftsmagazin oder eine Sendung mit Behinderten zeigen.

Sie wollten uns eigentlich den Service public anhand des «Bestatters» konkret erläutern.
Diese Frage müssen wir wohl bestatten: Anhand des «Bestatters» lässt sich nicht alles erklären.

Anders gefragt: Was hat der «Bestatter» etwa zum nationalen Zusammenhalt beizutragen?
Erstens ist der Zusammenhalt eine von mehreren Dimensionen des Service public. Zweitens wäre eine Schweiz ohne Schweizer Filme und Serien identitätsärmer.

Inwiefern?
So wie jedes Land seine Schriftstellerinnen und Musiker, seine Künstlerinnen und Designer hat, so braucht es im audiovisuellen Zeitalter eigene Filme und Serien. Sie sind ein «Schweizerspiegel»: Wir erkennen uns in gut erzählten Geschichten und nicht nur in Informationssendungen.

Probieren wir das Ausschlussprinzip: Was ist denn nicht Service public?
Der kommerzielle Kanal 3+ ist kein Service public, einverstanden?

Erklären Sie uns den Unterschied.
Entscheide ich mich für eine exhibitionistische Sendung wie «Der Bachelor», bin ich bei 3+. Ziehe ich eine Sendung vor, die liebevoll Schweizer Ortschaften und ihre Leute porträtiert, bin ich bei «SRF bi de Lüt».

Spiegelt der «Bachelor» nicht auch die Schweiz von heute?
Ihr Plädoyer für den «Bachelor» in Ehren – unser Ding ist das nicht.

Dafür «The Voice».
«The Voice» hat seit Jahren seinen Stammplatz bei der BBC, dem Inbegriff von Service public. Bei uns wird diese von Jugendlichen geschätzte Sendung zum Symbol des Kommerzes hochstilisiert.

Darum geht es doch nicht. Die Frage ist vielmehr: Wie ziehen Sie die Grenze?
Die Welt ist nicht schwarz oder weiss: Das ist Service public – das nicht. Kennzeichnend für den Service public ist nicht diese oder jene einzelne Sendung, über die man sehr wohl streiten kann, sondern das grundlegend andere Gesamtprogramm. Am richtigen Ort Grenzen zu ziehen, ist im Journalismus die anspruchsvolle tägliche Aufgabe.

Aber genau so argumentieren Sie: «The Voice» ist weiss, der «Bachelor» schwarz.
Da handelt es sich um einen klaren Fall: «The Voice» bringt die besten Nachwuchstalente der Schweiz zur Geltung. Den «Bachelor» empfinde ich als frauen- wie männerverachtend. Bei uns finden Sie nichts, das die Menschenwürde tangiert.

Sie wollen das Publikum nicht maximieren. Welche Rolle spielen denn Quoten und Marktanteile im SRG-Alltag?
Medien sollten nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. In den USA hat der Service public einen Marktanteil von unter 2 Prozent – Service sans public.

Wo liegt für die SRG die Schmerzgrenze?
Da bin ich schmerzfrei. Es gibt Sendungen, die ihr kleines, aber treues Publikum haben.

In der Deutschschweiz liegt der Marktanteil von SRF bei 30 Prozent. Darf er darunter fallen, ohne dass SRF seine Legitimation verliert?
Gegenfrage: Darf die Auflage Ihrer Zeitung fallen? Im Umbruch der Medien kämpfen wir alle.

Der Unterschied ist, dass Zeitungen ihr Geld selbst verdienen müssen.
Der Unterschied ist, dass es ohne Gebührenfinanzierung kein gutes Schweizer Radio und Fernsehen in vier Landessprachen gibt. Schauen Sie nach Deutschland: Selbst auf diesem grossen Markt bringen die kommerziellen Sender nur kümmerliche oder gar keine Informationssendungen – weil ihnen das zu teuer ist.

Das Angebot müsse gar nicht so breit sein, sagen Kritiker. Sport etwa sei nicht Service public.
Welcher private Kanal würde den gewaltigen Aufwand für eine Übertragung des Lauberhornrennens oder des Eidgenössischen Schwingfests auf sich nehmen? Sport ist ein Verlustgeschäft. Oder wollen wir Verhältnisse wie in Italien, wo der Sport ins Bezahlfernsehen abgewandert ist? Dort zahlt der Zuschauer allein für Fussball so viel Geld, wie in der Schweiz die gesamte Empfangsgebühr beträgt. Viele Franzosen werden 2016 von der Fussball-EM im eigenen Land nichts sehen, weil das Bezahlfernsehen von al-Jazeera die Spiele übertragen wird.

Fussball ist kein Menschenrecht.
Aber für viele Menschen eine wesentliche Nebensache.

Wir sind mitten in der Diskussion über den Service public. Wäre es nicht sinnvoll, zuerst diese Debatte öffentlich zu führen, ehe das Finanzierungsmodell festgelegt wird?
Dann müssten wir noch viele Jahre höhere Gebühren zahlen. Sehen Sie: Der Berner Nationalrat Christian Wasserfallen denkt laut darüber nach, Radio SRF3 abzuschaffen – trotz 1,3 Millionen Hörern. Angenommen, das wäre mehrheitsfähig und SRF3 würde aus unserem Leistungsauftrag gestrichen: Dann würde die Höhe der Gebühr angepasst. Egal, welchen Leistungsauftrag die SRG in Zukunft haben wird, das neue Gebührensystem ist besser und kostengünstiger. Praktisch jeder Haushalt hat Empfangsgeräte, deshalb ist der Wechsel von der Gerätegebühr zur Haushaltsabgabe sinnvoll.

Der SRG kann es doch egal sein, wie das Geld hereinkommt – Hauptsache, es kommt.
Nein, weil mit dem Festhalten am jetzigen Gebührensystem die Akzeptanz abnehmen würde. Wer heute korrekt die Gebühr zahlt, zahlt für all jene mit, die via Computer, Tablet und Smartphone gratis die Sendungen verfolgen. Und: Laut Bundesrat zahlt weniger als die Hälfte der zahlungspflichtigen Unternehmen die Gebühr. Wollen wir noch lang am veralteten System festhalten, statt jetzt schon das neue einzuführen, das günstiger und fairer ist?

Sie setzen einen Bezug des Publikums zur SRG voraus. Ist das nicht am Aussterben, weil die Jungen heute Medien ganz anders konsumieren und Serien etwa auf Netflix schauen?
Netflix produziert keine Schweizer Filme und Serien.

Die jüngere Generation sucht vielleicht auch keine Schweizer Filme und Serien.
Schweizer werden immer Schweizer Filme und Serien sehen – auch die Jungen, abgesehen davon, dass sie üblicherweise älter werden. 96 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahre nutzen jede Woche unser Angebot.

Das ist eine Momentaufnahme. Wir zweifeln, dass das auch in 20 Jahren noch so sein wird.
Es braucht auch in 20 Jahren Schweizer Sendungen. Ob sie im Rundfunk oder im Internet verbreitet werden, ist egal.

Ist es nicht auch egal, ob diese Sendungen von der SRG produziert werden oder von anderen?
Wenn es andere besser können, sollen sie es machen. Selbstverständlich.

Aber Sie glauben nicht, dass es andere besser können?
Professionelles Radio und Fernsehen ist schon von der Technologie her teuer. Wir sind eine Branche mit äusserst grossem Fixkostenblock. Verteilt man das Geld an mehrere Akteure, wird für alle das ohnehin schlechte Verhältnis zwischen Fixkosten und variablen Kosten noch schlechter.

Sind 1,2 Milliarden Gebührenfranken dafür nicht genug?
Die SRG macht Sendungen in vier Sprachen. Sie hat just die kritische Grösse, um sich im Wettbewerb mit den deutschen, französischen, italienischen TV-Kanälen – die in der Schweiz 60 Prozent Marktanteil haben – zu behaupten. Im Umbruch der Medien ist eine Debatte über die Zukunft der SRG nötig, und zwar am besten in Kenntnis der betriebswirtschaftlichen Gegebenheiten der Radio- und Fernsehbranche. Dann ist die Diskussion viel geerdeter.

Um sich im Kampf gegen Konkurrenten wie Netflix zu behaupten, expandiert die SRG im Internet. Doch damit bringt sie national die Zeitungsverleger in Bedrängnis.
Viele Menschen verfolgen unsere Sendungen lieber via Internet als in den Kanälen. Unser Effort geht in die Produktion von Sendungen, Videos und Audios. Bei uns fehlt all das, was die Ecken und Kanten einer Zeitung ausmacht: geschriebene Porträts oder Reportagen, Glossen, Kommentare, Leitartikel.

Die Service-public-Debatte kocht doch gerade wegen der SRG-Expansion im Internet dermassen hoch.
Einmal im Jahr lade ich die pensionierten Direktoren der SRG zum Mittagessen in der Kantine unseres Hauptsitzes an der Giacomettistrasse in Bern. Letztes Mal sagte ich: Jetzt wird der Service public heftig infrage gestellt. Die hellwachen Altvorderen lächelten und erwiderten: Zu unserer Zeit wars schlimmer!

Berner Zeitung

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